Some Like It Hot - Rote Katzen

SOME LIKE IT HOT

 

WIE KAM DAS ROT IN DIE KATZE?

 

 

 

Kulturell gesehen ist Rot die wichtigste Farbe überhaupt, sie symbolisiert das Leben und den Tod und schon in der Altsteinzeit wurde der Farbstoff Rötel bewusst eingesetzt. Für uns ist Rot die Farbe starker Emotionen, Energie und Selbstbewusstsein. Wer es trägt, hat etwas zu sagen und wird auch gehört. Rot ist auffällig und polarisiert, das scheint für Katzen genauso zu gelten. Aber wie kam das Rot in die Katze?

 

 

GEBURT EINER FARBE

 

Am Anfang stand die Mutation. Genauer: die Mutationen, denn die auf diese Weise erstandene Gruppe von Fellfarben ist einerseits nicht in einem Aufwasch erfolgt, andererseits kommt das bisweilen ja auch heute noch vor. Mutter Natur ist eben immer wieder mal für Überraschungen gut, allerdings höchst selten und nie, wenn wir es uns wünschen, weshalb unsere Mieze mit der undefinierbaren Farbe meistens zu den erklärbaren Rätseln gehört und leider nix ist mit Sensation. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die gesamte Entwicklung der Hauskatze kam durch Selektion und genetische Rekombination von bereits im Wildzustand vorhandenen und im Verlauf der Domestikation neu aufgetretenen Mutationen zustande. Zu den Fellfarbmutanten zählt beispielsweise Non-Agouti (also einfärbig wie Schwarz), dominantes Weiß und Orange (Rot) genauso wie Scheckung (= gefleckt mit Weiß), Verdünnung (Creme, Blau, Fawn etc.) oder Tabbymuster. Auch das lange Haarkleid basiert auf einer Mutation und die „Urkatze“ war demzufolge kurzhaarig und genetisch schwarz. Die Mehrzahl der Fellfarbmutanten ist mehr oder weniger ausgeprägt weltweit verbreitet, während andere eher regional gehäuft auftreten wie das Allel für Orange, dessen Heimat Indien, Südostasien und Japan gewesen sein soll und wo auch der Geburts“ort“ dieser Mutante vermutet wird – irgendwann in einer weit zurückliegenden Phase der Evolution.

Die paar Jährchen überspringen wir jetzt mal forsch und landen in Großbritannien, denn dort stand

 

 

DIE WIEGE DER SONNE

 

Außerdem soll dort die Mutante für Tabbyzeichnung entstanden sein und sich weltweit per Schiff verbreitet haben, gesichert ist indes, dass dort die Wiege der roten Edlen stand. Im übertragenen Sinn, denn erfunden haben’s die Engländer nicht, aber sie sind Vorreiter in der züchterischen Kultivierung der Farbe. Außerdem scheinen auf der Grünen Insel offenbar sehr viel mehr rotgezeichnete Hauskatzen herumgelaufen zu sein als anderswo – stets ohne weißes Kinn oder anderer Schwachpunkte dieser Art, wie eine Pionierzüchterin betrübt vermerkte.

Einkreuzen war natürlich nicht, denn die primäre rote Brigade waren Perserkatzen und den Züchtern stand außerdem der Sinn nach einfärbig, nicht nach Tabby. Selbiges wollten sie eher loswerden, später, nachdem im Jahr 1900 die Orange Cream Fawn and Tortoishell Society Long and Short Haired ins Leben gerufen wurde und sich allmählich mehr als eine halbe Handvoll Inselbriten für die Roten erwärmte. Worauf die Quote rasant anstieg, denn den 1898 insgesamt heißen acht Katzen (rot & creme) standen 1902 bereits 26 gegenüber. Leider ist nicht vermerkt, wie viele davon Lang- beziehungsweise Kurzhaar gewesen sind, aber der Fokus lag zweifellos auf den Persern (jedenfalls bei red self = einfärbig rot), Kurzhaarkatzen dieser Farbe sind meines Wissens aus dieser Zeit keine dokumentiert.

 

 

WACHTRÄUME

 

Der immens rührige kleine Klub setzte auch die Trennung in Self und Tabby durch, wiewohl es allerdings kaum einen Unterschied gab und die ausgestellten Katzen überwiegend weder noch gewesen sind. Jedenfalls kamen die Züchter aus dem Rätseln nicht heraus ob der Hartnäckigkeit der Markings auf Kopf, Brust und Beinen, während der Körper in der Regel keine zeigte (eindeutiger Hinweis auf Langhaarkatzen, beim kurzen Fell wäre ein Muster definitiv zu sehen gewesen). Andererseits schien das Fehlen von Markings die Farbtiefe zu beeinträchtigen, und dann gab’s da auch noch die Querelen mit dem Weiß. Galt ein helles Kinn noch als tadelnswert, wobei besonders die Aufhellung in steigendem Alter mit großem Missfallen beäugt wurde, machte Weiß an den Füßen, Kehle oder Brust die Katze „unbrauchbar“. Nur für die Zucht, versteht sich.

Der sich dadurch verringernde Genpool wiederum bereitete den Züchtern keine Sorgen, denn Verpaarungen Roter untereinander standen nicht hoch in Kurs, weil die Katzen daraus niemals so schön würden wie beim Mixen mit anderen Farben, die besten Ergebnisse indes bei Rot mal Creme erzielt würden. Wobei dezidiert festgehalten wurde (der streng erhobene Zeigefinger zwischen den Zeilen ist unverkennbar), dass Rote nie, nie, nie mit Silbernen gekreuzt werden dürfen, denn das gäbe eine „schreckliche Mischung“. Was die Pioniere wohl sagen würden, könnten sie heute unsere schicken Cameos sehen?

Nun, die Sache mit der Genetik steckte ja höchstens grade mal in den Kinderschuhen und es gab nichts anderes als Learning by Doing. Niemand wusste (weit bis ins letzte Jahrhundert), dass die Fellfarben bei Katzen einen in der Tierwelt einzigartigen Bauplan haben und Rückschlüsse aus der Hundezucht eine falsche Fährte legen konnten. Besonders im Hinblick auf die geschlechtsgebundene Vererbung von Rot. Weshalb es die Pioniere äußerst befremdlich fanden, dass rote Kater sehr viel häufiger geboren würden und die roten Mädels so selten wären, was deren Marktwert ins Astronomische zu treiben schien. Richtig bekümmert zeigten sie sich jedoch, weil es nicht und nicht gelingen wollte, rote Katzen mit solch blauen Augen zu bekommen, wie sie die Reinweißen haben. (Helles) Orange oder (reife = braune) Haselnuss war vorgeschrieben, Bronze bevorzugt – aber alle Hoffnung ruhte darauf, die tiefblaue Augenfarbe der Jungtiere möge erhalten bleiben und dessen Züchter zum stolzesten aller machen. Tja, daraus wurde nichts (nicht zuletzt, weil alle kleinen Kätzchen blaue Augen haben und erst später umfärben).

 

ALARMSTUFE ROT

 

Nichtsdestotrotz wurde die Farbe allmählich modern, eine ganze Reihe von Züchtern beschäftigte sich damit und es ging voran, sodass die Besten nun immerhin schon fast streifenfrei waren. Als „ziemlich einzigartig“ ging Jael in die Geschichte ein, die bis ins hohe Alter Trophäen einheimste, weil ihre hochgelobte Farbe nobel darüber hinwegsehen ließ, dass sie grüne Augen hatte. Sehr viele Trophäen übrigens, denn sie scheint für damalige Zeiten beachtlich langlebig gewesen zu sein, wurde doch extra vermerkt, dass sie 1902 im stolzen Alter von 15 Jahren dahingeschieden sei. Möglicherweise hat ja ihre Besitzerin, Miss Mildred Beal, mit ein wenig Eisensulfat im Trinkwasser nachgeholfen, welches nicht nur „das Orange verbessern“ würde, sondern zudem als „ausgezeichnetes Stärkungsmittel“ galt. Auch einer der schönsten Kater kam aus ihrem Haus, Minotaur, dessen (im Gegensatz zu seinem Namenspatron) süßer Gesichtsausdruck als besonderes Qualitätsmerkmal gepriesen wurde.

Vielleicht hätte er sogar fürs Guinness Book of Records kandidieren können (das gibt’s aber erst seit 1955), denn die Katzen wurden auch auf Kraft und Größe getrimmt und eine Beobachterin vermerkte, die größte Katze, die sie überhaupt je gesehen hätte, wäre ein roter Sohn von Torrington Sunnysides aus der Cattery von Mrs. G.H. Vidal gewesen, der einer der berühmtesten und erfolgreichsten seiner Zeit war. Einige seiner überaus vielversprechenden Kitten gingen in die USA.

Wo sich unter anderem beispielsweise die Cattery Red Knight oder Daffodil um die Kultivierung von Rasse und Farbe bemühten. Die CFA registrierte bereits im Gründungsjahr 1906 Solids aus Großbritannien, rot und schwarz waren die ersten Farben in den USA, die miteinander wetteiferten. Acht Jahre später gab es schon neun Farbklassen und in den 1930er Jahren übernahmen die Blauen das Ruder und die Roten hatten für eine Weile ausgedient. Erst in den späten 1970ern machten die Peke-Face-Reds mit ihrer „piggy expression“ von sich reden und sorgten später auch hierzulande für allerlei Aufregung. Nach einem satten Jahrzehnt Zurückrudern schwappte die rote Renaissance auch auf Europa über – schön, dass sie noch nicht zu Ende ist.

 

QUEEN MOM

 

Und wie kam das Rot in die anderen Rassen? Ob einige Anleihen bei den Perserkatzen genommen haben, ist nicht so ganz heraus, aber in erster Linie hatten (wie meistens) zweifellos die Hauskatzen ihre Pfötchen im Spiel. Wobei ein britischer Pionier-Züchter freilich weder vor die Tür ging und die nächstbeste Dahergelaufene einsammelte noch ewig und drei Tage landauf landab herumtigerte und gezielt auf die Suche ging – na ja, so ähnlich war’s wohl schon. Katzenpapst Harrison Weir (1824-1906) pilgerte durch die britischen Lande und sammelte Informationen und Eindrücke, andere, nicht involvierte Reisende waren mit offenen Augen unterwegs und so sprach es sich einfach herum, wo was am ehesten zu finden wäre.

Es ging den Züchtern ja nicht nur um die Farbe, sondern die Angedachten mussten auch in Körperbau und allgemeinem Aussehen tunlichst mit der zukünftigen Braut/dem Bräutigam übereinstimmen. Für die Britisch Kurzhaar etwa sollte die Landmieze also kräftig und kompakt sein und einen möglichst runden Kopf haben und Paarungspartner für Schlankrassen schmaler proportioniert sein – Mutter Natur hat’s ja in petto und das Gewusst Wo war mitunter schnell ermittelt, weil sehr viele Züchter eher ländlich logierten und man einander entweder kannte oder passend weitergereicht wurde. Die Szene war seinerzeit ja recht klein. Vergleichsweise. Natürlich hatten diese Hauskatzen keine Papiere, aber ein Hausrecht und in der Regel einen sie sehr schätzenden Besitzer, sodass häufig immerhin die Elterntiere und/oder Geschwister (oft auch aus früheren Würfen) bekannt gewesen sind. Landhäuser oder Bauernhöfe mit mehr oder weniger viel Gegend rundherum sind auch heute noch (nicht nur in England) ein Pool für kleine Populationen, wo sich bestimmte Farben manifestieren können, weil die Tiere untereinander bleiben.

Abgesehen davon wurde relativ unbekümmert alles mögliche miteinander gekreuzt, einfach der schlichten Tatsache folgend, dass die Katzen zum Beispiel kurzhaarig waren oder aus der gleichen Gegend stammten wie etwa Siamesen und Einfarbige, für die nach heutigen Begriffen mehrere Rassen infrage kämen. So können wir zwar in der Geschichte sehr weit zurückgehen, aber irgendwann ist Ende der Fahnenstange und niemand weiß, was letztlich wirklich dahinter stand. Das gilt für Rot indes nur ausgesprochen eingeschränkt, weil es abgesehen von den Perserkatzen erst sehr spät züchterisch kultiviert wurde.

 

ROTFIEBER

 

Bei Naturrassen wie Norweger, Maine Coon, Sibirer, Deutsch Langhaar oder auch der Manx liegt der „natürliche“ Weg auf der Hand und das dürfte auch für die türkischen Rassen gelten. Wiewohl spekulativ, weil sich eben die Spur oft verliert. Wann die roten Farbspiele ihren Anfang genommen haben, wissen wir zwar nicht, aber sehr wohl, dass die entsprechenden Farbschläge bei verschiedenen Rassen in den 1960/70er Jahren anerkannt wurden und in etwa ab diesem Zeitraum relativ gut dokumentiert sind. Vor allem die Engländer und Holländer sind recht beherzt in Sachen Rot unterwegs gewesen – sozusagen nachdem die ursprünglichen Grundfarben (Siamesen oder Burma etwa gab’s ja zunächst mal nur in Seal), allesamt genetisch schwarz beziehungsweise zur Braunserie gehörend, „abgearbeitet“ waren.

Den Auftakt bildeten die Siamesen, die ihre Farbe sicher von Hauskatzen hatten, denn ihre einfarbigen Schwestern, die Orientalkatzen, durften erst reichlich zehn Jahre danach offiziell hold erröten. Bei den britischen Rexrassen, deren Vorfahren bekanntlich Hauskatzen gewesen sind, war das Rot somit entweder schon im Erbgut – Cornish Rex-Urahne Kallibunker kam aus einer schildpattfarbenen Hauskatze und kleidete sich selbst in Creme – oder wurde später durch anderer Hauskatzen beziehungsweise durch Vermischen der Rexrassen untereinander eingebracht (unter anderem um den Erbgang des Locken-Gens zu testen). Siam redpoint und Hauskatzen brachten mit vereinten Kräften das Rot in die (englischen) Burmakatzen und die Züchter sahen sich mit einer echten Herausforderung konfrontiert: Erst Mitte der 1970er lagen die ersten Kitten mit maximal reduzierter Zeichnung im Nest. Aufgrund der aufhellenden Wirkung des sogenannten Burma-Gens sind sie blasser als vollpigmentierte Rote und bringen es „nur“ auf ein exquisit warmes, relativ helles Orange.

Etwa um diese Zeit kam auch das Rot bei den Britisch Kurzhaar zu neuen Ehren. In der Tabby-Version oder als Schildpatt schon in Good Old England vorhanden und gern gesehen, wurden sie quasi traditionell immer wieder mal mit Perserkatzen verpaart, aber Rote waren grad nicht modern und kaum vorrätig, schon gar nicht schöne Red self. Abgesehen davon hatten die persischen Kollegen den Langhaaranteil beim Britennachwuchs unerfreulich ansteigen lassen - mit den Highlandern machte man erst sehr lange danach aus der Not eine (attraktive) Tugend -, also musste eine neue Idee her.

Sie wurde in Holland geboren und lautete: man nehme eine Abessinier, um das Muster aus den Briten rauszukriegen. Besser gesagt, mit dem Aby-Ticking zu überdecken, was nicht unbedingt klaglos funktionierte, denn die Ur-Abessinier waren regelrechte Streifenhörnchen und ihre Züchter hatten selbst lange alle Hände voll zu tun, das Fellkleid mittels langwieriger und mühsamer Selektion so sauber hinzukriegen, wie wir es heute gewohnt sind. Auf dem Weg zur Einfärbigkeit war der Schritt so übel zwar nicht, brachte aber neues Ungemach, weil Rotgetickt bei den Briten nicht erlaubt war/ist, sodass heute noch Richter eine streifenfreie rote Britisch Kurzhaar auf den Kopf stellen und nach dem bösen Ticking suchen. Aber sehr viel seltener fündig werden, weil die Züchter ja seither nicht geschlafen haben.

 

 

TARNEN UND TÄUSCHEN

 

Nun spielt Rot nicht nur in einer ganz eigenen Liga, sondern es präsentiert sich auch kaum eine andere Farbe in so vielen Schattierungen und Nuancen, wo zwischen gelblich-orange über bräunlich-rötlich bis satt-tiefdunkel alles vorkommen kann. Das brachte schon die englischen Pioniere ins Grübeln, die befanden, richtiges Rot im Sinne einer Signalfarbe wäre das nicht, sondern eher eben orange oder dem Fruchtfleisch einer Blutorange vergleichbar. Englische Blutorangen schauen offenbar anders aus als unsere. Andererseits – wie blau ist eine Blaue? “Blaustichiges“ Rot gibt’s jedenfalls keines und falls Sie mal einer schon fast violett aussehenden Orientalin begegnen, so hat das definitiv nichts mit dem Rot-Gen zu tun.

Das schicke fuchsrote Fellkleid der Abessinier (oder Somalis) übrigens auch nicht. Optisch „rote“ Abessinier gab es schon um 1880 in Großbritannien und sie wurden über ein halbes Jahrhundert lang als Fehlfarbe angesehen und ausgemerzt (dessen Bedeutung wir hier nicht vertiefen wollen) – bis sie die FIFe in der roten Hoch-Zeit, 1963, als eigene Varietät anerkannte. Dass dieses Rot keins sein kann, stellte sich freilich relativ schnell heraus, weil in Verpaarungen mit wildfarbenen (genetisch schwarzen) Abys nie daraus zu erwartende Schildpatt fielen, und so wurde richtigerweise eine braune Mutante vermutet und die Farbe in Sorrel (rotbraun) umbenannt. Es gründet auf Cinnamon, bildet zusammen mit Chocolate die sogenannte Braun-Serie und wird - im Unterschied zum „echten“ Rot - nicht geschlechtsgebunden vererbt. Durch die genetisch braune Abessinierkatze soll übrigens dieses Gen einer weiteren (nicht bewiesenen) Vermutung zufolge erst in die Rassenkatzenzucht gelangt sein.

Und weil wir ja Forscher und Entdecker sind, gibt’s mit tatkräftiger Unterstützung roter und schildpattfarbener Hauskatzen natürlich auch genetisch rote Abessinier – da streiten sich die Geister, bislang vertritt indes die Mehrheit die Auffassung, damit würde die Abessinier ihrer Charakteristik verlustig gehen. Hat was.

Wie auch immer: Seit einem guten halben Jahrhundert gilt jedenfalls Rot als Standardfarbe bei allen möglichen Rassen und die Festspiele dauern immer noch an. Immerhin ist es auch die Farbe der Könige, und wiewohl da eigentlich Purpur gemeint ist –eine schöne rote Katze ist unbestritten eine wahrhaft königliche Erscheinung!

 

 

 

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