Lady Charming - Interview vom anderen Ende der Welt

 

 

LADY CHARMING

 

Nachrichten vom anderen Ende der Welt – Interview mit

 

Lesley Morgan Blythe

 

 

Für die australische Züchterin und Allbreed Richterin ist Japan oder Amerika sozusagen genauso um die Ecke wie Europa, denn sie ist vereinsübergreifend auf Shows rund um den Globus zuhause – seit über 40 Jahren. Das gibt eine satte Summe an Erlebnissen und mein Fragenkatalog hatte in etwa das Ausmaß eines Telefonbuches. Das kommt ja nicht immer gut an ... aber:

 

 

 

            ALLES ROGER

 

Weltoffen und freimütig gewährte Lesley Einblick ins eigene (Cattery Comyn) und globale Zucht- und Ausstellungsgeschehen, erzählte über ihr Naheverhältnis zum Ballett und zu vielerlei Rassen, über Sklavenhandel und ... ja, einfach über Gott und die (Katzen-)Welt. Und ich gebe zu, die Korrespondenz sehr ungern beendet zu haben, während der, nur unterbrochen durch ihre Reisen, immerhin einige Wochen ins Land gingen. Ich vermisste die unverdrossen gut gelaunten, mit britischem Humor durchtränkten Antworten dieser zierlichen, quirligen Lady mit dem schier unerschöpflichen Wissen. Das nur einmal versagte bei der Frage, woher die Bezeichnung Down Under für Australien käme: „Keine Ahnung“, und sie fügte hinzu: „Es macht uns als Name nichts aus, aber wir verwenden es nicht!!!“ - mit drei (sehr bedeutsamen) Rufzeichen.

Leider sind seither Fotos verloren gegangen, andere haben nur Schnappschuss-Qualität. Als kleiner Einblick in die „Best of“ vieler Rassen der letzten Jahrzehnte respektive zur Illustration von Textpassagen sind sie freilich allemal geeignet. Nur fürs Lokalkolorit wollte kein Emu posieren, einem Tasmanischen Teufel hält man sich besser fern und Känguru kam auch keins vorbei ... aber Lesley bot an, die Essteller ihrer Katzen zu fotografieren: „Großartig! Total mageres Fleisch und leicht verdaulich, obwohl man ein bisschen Fett auf andere Weise beifügen muss.“ Nun, das Internet füllte ein paar Lücken und so finden Sie zum Abschluss trotzdem ein bisschen Gegend und Fauna – typisch für die wunderschöne, Australien (südlich von Melbourne) vorgelagerte Insel Tasmanien, wo Lesley zuhause ist. In Hobart, der Hauptstadt.

 

 

Auf Ihrer Website sind Sie zusammen mit „Zack“ zu sehen, einem Abessinier – welche Rolle hat er in Ihrem Leben gespielt?

Diese Frage ist nicht leicht für mich – ich bin noch immer nicht über seinen Verlust (Mai 2008) hinweg und werde es vermutlich auch nie sein. Es ist schwer, an ihn zu denken oder über ihn zu sprechen, ohne dass ich klinge wie ein Katzennarr, dessen Leben sich nur um seinen „Kindersatz“ dreht. Sehr unprofessionell! Aber er war ganz einfach das Höchste an Entzücken, Schoßtier, Begleiter und Familienmitglied. Er war (ist es noch, glaube ich) der erfolgreichste ABY in der australischen Ausstellungsgeschichte – und er war wunderschön (mit besseren Ohren als auf dem Foto, einem wunderbaren Profil und abgerundetem Ober- und Hinterkopf) und darüber hinaus ein perfekter Showman. Zack hatte ein großes Herz, liebte die ganze Welt und vermittelte den Menschen so viel, wer auch immer sie waren. Und über alledem hatten wir eine ganz außergewöhnliche Beziehung ... wir konnten unsere Gedanken austauschen ...

 

In Ihrer privaten Zuchtgeschichte erwähnen Sie neben Persern und Exotics auch Burmesen, Briten und Siamesen – was hat es damit auf sich?

Abgesehen von den Hauskatzen, die wir immer hatten, kamen zuerst Chinchilla Perser, die ich züchten und ausstellen wollte. Aber als Teenager (mit 13 ½ Jahren) konnte ich natürlich nicht allein auf Shows fahren, also mussten meine Eltern mit. Meine Mutter fand das so interessant, dass sie für sich eine Burmesin als „eigene“ Katze erwarb (später sogar die gleichen Lehrgänge wie ich besuchte und ebenfalls ein Allbreed Richter wurde), während mein Vater – ein genauso großer Katzenfan – sich zurücknahm und für vier Jahre mit dem Import seiner großen Liebe, den Britisch Kurzhaar beschäftigt war. Es waren die ersten in Australien! Auf diese Weise wurden diese drei Rassen zum „Family Business“. Außerdem hatten wir noch eine Manx-ähnliche Katze, eine sehr gute Rumpy (= schwanzlos, Anm.), die mein Vater mit drei Wochen auf der Straße aufgelesen hatte.

 

Und wie kommen die Siamesen ins Bild?

Da war ich schon fast 18 und kurz vorm ersten Examen fürs Richteramt. In Australien gab es (neben veralteten Ansichten) damals nur Siamesen in Seal- und Bluepoint und Tabbys nie mit Verdünnung. Und ich dachte mir, wieso nicht auch Tabbypoint in Chocolate und (vor allem) Lilac? Um meine Theorie zu beweisen, importierte ich aus England eine Sealtabby (mit Lilac im Pedigree) und einen Lilac-Kater, züchtete den ersten lilac tabbypoint Siamesen und präsentierte ihn auf unserer Showbühne. Die „großen alten“ Damen waren not amused vom Benehmen dieses Enfant terrible und gaben mir zu verstehen, dass Tabbys NUR „rot, seal oder silber“ sein dürften/könnten. Worauf ich antwortete: „Oh, ich dachte Tabby ist eine Zeichnung und keine Farbe!“ ... Meine Eltern sind vor Entsetzen fast gestorben! Und: Autsch: Lilac und chocolate Tabbypoint wurde bald darauf anerkannt ...

 

Und warum haben Sie wieder aufgehört?

Ich habe mit den Siamesen aufgehört, als eine Chocolatepoint herauskam, die weiße Zehen hatte, und ich dachte, dass das eventuell aus einer illegitimen Linie des Tabbypoint-Großvaters käme (= Experimentalstammbaum dritte Generation). Das wollte ich nicht „vermehren“. Erst einige 30 Jahre später habe ich herausgefunden, dass es eine rezessive!! Weißscheckung auf der Lilac-Seite der Familie gab.

 

Zurück zu den Persern. Sie haben 1964 begonnen und seither hat sich die Rasse weltweit komplett verändert - woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ja, ich begann mit „mädchenhaften“ Chinchillas. Zu dieser Zeit (Australien war nach GCCF = Großbritannien ausgerichtet) hatten die silbernen Perser einen anderen Standard als z. B. die blauen, und sie wurden weniger kräftig erwartet wie einige anderen Farben. Aber ich entschied mich schnell für die „One Girl Mission“, nämlich mich dem Persertyp der anderen Farben anzunähern, so gut ich konnte. Bis zu einem gewissen Grad ist mir das in den folgenden sechs Jahren auch gelungen.

Vergleicht man die frühen Exemplare mit denen von heute, so muss ich zustimmen, dass sich die Perser mehr „entwickelt“ hat als andere Rassen (eventuell mit Ausnahme der SIA/ORI). Vielleicht bin ich nicht befugt zu sagen warum, aber ich denke, einige Faktoren, die dazu beigetragen haben könnten, sind:

a) Für fast 90 Jahre oder so waren sie die größte Einzelrasse auf den Shows in der ganzen Welt, und während dieser Zeit wurde eine enorme Anzahl von Persern gezüchtet und ausgestellt - das bedeutete schwerste Konkurrenz und auch den Anreiz für Neuerungen. Und was konnte man an einer der ältesten Rassen, deren Farben und Muster seit Jahrzehnten etabliert sind, anderes verändern als den Typ?

b) Ich denke, der größte Durchbruch war, als in den US Linien die „normalen“ Kitten aus sogenannten „Peke-face Persern“ (immer nur Rote) doppelt und dreifach zurückgedeckt wurden im Hinblick auf die Peke-face Komponente. Der Look veränderte sich, Züchter und Richter folgten einander in dieser Richtung und alles andere wurde als passé angesehen (von einigen).

c) Und weil die Katzen aus diesen Linien alle vollfarbig waren, es den New Look fast nur in Rot, Schwarz und Schildpatt gab, bewirkte das meiner Meinung nach ein Rückschritt bei den verdünnten Farben. Bis dahin wurde bei Blauen, Cremes und Blaucremes ja für gewöhnlich Reinzucht praktiziert, sie also nur untereinander verpaart (wie auch die Silver tipped und shaded), doch sind all diese schönen Pastellfarben in dem Moment verschwunden, als die vollfarbigen Katzen vom Typ „New    Wave“ so universell eingekreuzt wurden.

 

Es gab aber schon in den 1980ern Bestrebungen, davon wieder wegzukommen.

Nun, Katzen mit dem Peke-face Kopftyp hatte einen gestreckteren, leichteren Körper und viel größere Ohren als der Standardperser, zudem waren Unebenheiten etc. im Schädel erwünscht!! Und während des Strebens, die Nasen immer kürzer zu bekommen, sind viele wichtige Merkmale verloren gegangen – kleine Ohren, Schwanzlänge, gute, gesunde Körper-Knochen-Struktur. Das hat sich wieder verbessert und die Züchter haben sich auf einen vernünftigen Körperbau und eine harmonische Runderneuerung konzentriert. Aber es gibt trotzdem noch immer Katzen, wo ich den Eindruck habe, dass auf nichts anderes als nur auf eine möglichst kurze Nase geachtet wurde. Das allein macht aber weder eine gute Perserkatze noch Exotic aus, besonders wenn der Stopp in einer Linie liegt mit dem oberen Rand der Augen - das geht zulasten des gerundeten Schädels, und die obere Augenlinie wird zu gerade.

Als Züchter von Persern und Exotics war ich immer bestrebt, einen gewissen Anteil der “alten englischen Linien“ in meiner Zucht zu erhalten, denn das bewahrte eine kräftige Knochenstruktur, gute Schwänze und Ohren. Angelangt in der Zielgeraden, wollte ich ein exzellentes Gesamtbild, und nicht eine Nase so hoch oben wie möglich und dahinter einen kilometerlangen Körper.

 

Heute gefallen Sie Ihnen wieder besser?

Wenn sie gesund sind und keine Defekte am Skelett haben, ja, in der Tat. Besonders wenn der Stopp sich in der Mitte zwischen den Augen befindet, was einen lieblich gerundeten Oberkopf und große, offenen Augen ermöglicht! Aber ich hasse es, schiefe Kiefer zu sehen, unebene Wangenknochen zu fühlen, Schädel mit Höckern, Einbuchtungen oder eine flache/gerade Stirn. Absolute nicht verbessert worden sind die Breite des Nasenleders und die der Nasenlöcher. Allzu viele sind winzig und ein Gesundheitsrisiko für die Katze! Jeder PER/EXO Standard in der ganzen Welt verlangt eine kurze und breite Nase, und wenn die Nase breit sein soll folgt daraus, dass das Nasenleder dies ebenfalls sein sollte!

 

Bei den meisten anderen Rassen dürfte jedenfalls die Modernisierung deutlich moderater ausgefallen sein ...

Nun, auch andere Rassen haben sich über die Jahre enorm gewandelt, aber wohl weder so offensichtlich noch so dramatisch, verglichen mit den Persern oder Siamesen. Nehmen wir die Abessinier als Beispiel: Wenn wir den Typ der letzten 100 Jahre Revue passieren lassen, sind die Veränderung nicht so groß. Aber die ABY Züchter haben lange und intensiv daran gearbeitet, um die Fellstruktur, die Farbe und das saubere Ticking von heute zu erreichen. Und ihre Bemühungen, graue Unterwolle, weiße Flecken und Tabbymarkings zu eliminieren, brachten sehr viel subtilere Veränderungen - die man als solche durchaus mit den Fortschritten im Persertyp gleichsetzen kann.

 

Apropos ganze Welt: Seit wann amtieren Sie als Richter?

Ich habe zuerst mein Examen für Kurzhaar gemacht, das war (sitzen Sie gut?) 1968 – und mein erster “Einsatz“ fand an meinem 18. Geburtstag statt. Aber zu dieser Zeit (wir hatten ja nur zwei Kategorien: Kurzhaar und Langhaar) war das keine große Sache, denn es gab nur Siamesen (in vier anerkannten Farben, Tabbys und Redpoint waren experimental), braune oder blaue Burmesen, ein paar einsame Cornish Rex im ganzen Land, eine Handvoll (nicht sehr guter) Korat sowie wildfarbene und rote Abessinier. Das war’s! 1971 habe ich dann mein Langhaarexamen gemacht und wurde Allbreed, aber in Australien hatten wir nur Perser und einige Heilige Birma, später kamen noch Briten und Manx dazu ...

 

Briten und Manx - bei den Langhaar?

Ja nun, alles was neu und unbekannt war, wurde als „foreign type“ dieser Gruppe eingemeindet, ohne besondere Logik. So viel musste ja erst noch importiert oder sogar „kreiert“ werden zu dieser Zeit! Mittlerweile haben wir auch eine Kategorie mehr, die Lang- und Halblanghaar sind immer noch Gruppe eins, SIA/ORI unsere Gruppe zwei und die Kurzhaar als Gruppe drei identisch mit jener der FIFe. Und: Vor dem 21. Lebensjahr braucht man nun ans Richten nicht mal zu denken. Das alles geschah in Tasmanien, und ausgebildet wurde ich von einer Ex Turnlehrerin, die in Pension ging und von Victoria (Melbourne) nach Tasmanien umzog ... glücklicherweise, denn sie war eine von nur vier Allbreed Richtern zu dieser Zeit. Für uns bedeutete das den ersten Allbreed in Tasmanien, während sich die Population in Victoria um 25 Prozent reduzierte ...

 

Woher kannten Sie damals andere Rassen/Farben?

1972 lebte ich in London (während meiner Ballett Phase) und amtierte als Steward so oft ich nur konnte, besonders bei den Rassen, die in Australien selten oder mehr oder weniger gar nicht bekannt waren. Ich denke, das hat mir enorm geholfen.

 

Ballett-Phase ...?

Ja (hier die Kurzversion), ich war Tänzerin und habe im Londoner The Dance Center die Meisterklasse bei Anna Northcote besucht, während ich auf den Vertragsbeginn mit dem Queensland Ballet wartete. Ich war unter anderem sehr oft der „Feuervogel“ und „Sheherezade“ (diese Rollen habe ich aber nur mit dem Tasmanian Ballet getanzt), mein absoluter Lieblingspart war aber „Giselle“ ... damals war ich etwa 35 und hatte schon meinen Sohn. Aber man braucht ein bisschen Lebenserfahrung, um es gut zu machen, glaube ich wenigstens.

 

Zurück zum Richten: Was mögen Sie besonders daran, was ist Ihnen wichtig?

Es ist der Kontakt mit den Katzen, der mir die allergrößter Freude macht. Ich liebe das besondere Gefühl einer exklusiven Beziehung zueinander – nur die Katze und ich. Auch wenn ich sie immer nur für einige Minuten auf dem Tisch habe.

Wichtig ist mir, der Philosophie meiner Lehrermeisterin gerecht zu werden, die sagte: „Höre niemals auf weiterzulernen. Stehe zu deinem Urteil. Bleib dir selbst treu, aber (genauso wichtig) auch dem Standard, den Katzen und den Züchtern. Denn als Richter hast du die Zukunft der Rassen in deinen Händen.“ Ich nehme diese Verantwortung sehr ernst, allerdings machen mich einige dieser Grundsätze nicht immer populär bei allen Ausstellern.

 

Nun sind Sie ja weltweit unterwegs und sehen Katzen, die je nach Kontinent bzw. Club nach verschiedenen Standards gezüchtet werden – erschwert das die Beurteilung?

Ich habe immer den gerade passenden Standard dabei, bereit nachzuschlagen für den Fall eines Zweifels, was meiner Meinung nach besonders wichtig ist, wenn man im Wochentakt von einer Organisation zur anderen wechselt. Meine persönliche Bestleistung (oder besser die schlimmste) war vor einigen Jahren, als ich innerhalb von sechs Wochen nach fünf verschiedenen Standards gerichtet habe: ACF, FIFe, CFA (oder war’s TICA?), eine Show in Neuseeland und eine andere für einen nationalen Verband in Australien. Du kannst als Gastrichter nicht einfach herumreisen und eine gute Zeit haben, denn es gibt Unterschiede in den einzelnen Standards, also wäre es weder professionell noch korrekt, sich nicht an die Regeln der einladenden Organisationen zu halten. Leider ist das (mein?) Gedächtnis einfach nicht gut genug, alle kleinen Unterschiede abzurufen, egal ob du den passenden Standard vorher studiert hast oder nicht. Übrigens sind die des ACF und der FIFe einander sehr, sehr ähnlich – ein Erbgut aus unserer Zeit als Mitglied.

 

Wie groß sind denn die Unterschiede?

Wie schon gesagt, ACF und FIFe ähneln einander. Obwohl unser „Europäischer Burmese“ eine etwas schwierigere Klasse auf den meisten Shows ist, besonders in Bezug auf die Augenfarbe. Die Russisch Blau in der FIFe unterscheidet sich durch Platzierung der Ohren und der Augenform. Und was die Briten betrifft, so frage ich mich manchmal, ob ich nicht auf einer TICA oder CFA Show bin (sorry!), denn zwischen dem „cobby“ Körper statt groß bis mittel in Größe, Muskulatur etc. besteht ein großer Unterschied. Ich finde auch, dass viele europäische Briten sehr kurze Gesichter mit sehr ausgeprägtem Stopp aufweisen und muss zugeben, sie erinnern mich sehr an meine EXO in der zweiten Generation. Aber es gibt allerlei Rassen, die ich in der FIFe besonders gern richte, wie z. B. Ocicats. Oder Norweger, Maine Coon, Abessinier ... und gute Perser ... und ... ja eigentlich viele!

Bei der Majorität der Rassen gibt es jedoch keine so großen Unterschiede. Vielleicht hat Europa einen anderen Weg im Look der SIA/ORI beschritten, hauptsächlich eine extremere (Tendenz zu horizontal) Ohrenstellung. Aber vieles ist gleich, und das macht auch Sinn in Bezug auf den freien Austausch von Katzen.

 

Andere Länder, andere Sitten – wo fahren Sie denn besonders gern hin?

Ja nun, ich fühle mich natürlich nicht überall gleich wohl, aber wenn es interessante, gute Katzen und nette Leute gibt, bin ich schon glücklich. Eine weniger konventionelle Antwort wäre dieblack satisfaction“ bei meiner Richtertätigkeit in Südostasien. Nicht wegen der Show, sondern wegen meiner „Freizeitgestaltung“: Ich führe seit mehr als 20 Jahren einen Kreuzzug gegen den unmoralischen und herzlosen (!!) Handel mit Kitten in asiatischen Zoogeschäften. Statt örtliche touristische Besonderheiten abzuklappern überrede ich einen Einheimischen, mich in ein Zoogeschäft zu begleiten und spiele dort die dumme Blondine, die keine Ahnung von gar nichts hat, ihre Katzen zu Hause aber sooooo vermisst und unbedingt eins von diesen süßen Kitten haben muss ... Klappt so gut wie immer, auf diese Weise Einblick über australische Catterys zu gewinnen, die Kitten in Massen senden und damit zu einer meist sehr unerfreulichen Zukunft verdammen. Mit diesen Informationen kann ich dann zu Hause entsprechend agieren und ich bin sehr glücklich, bereits einigen „Lieferanten“ das Handwerk gelegt zu haben. So komme ich ganz zufrieden zurück, ohne Moscheen, Gärten, Schauspiele oder was auch immer gesehen zu haben, doch dafür mit dem Gefühl, vielleicht einige Kitten gerettet zu haben.

 

Welchen Stellenwert haben denn Rassekatzen in Australien?

Wie in vielen Teilen der Welt, geht auch in meinem Land die Anzahl der gezüchteten Katzen zurück. Das ist wohl Teil eines sozio-ökonomischen Problems, aber es ist auch eine Sache von Gesetzgebung und political correctness. Von vielen „Grünen“ werden Katzen (gezüchtete oder nicht) als Feinde der ursprünglichen Tierwelt angesehen. Es gibt auch einen sozialen Aspekt im Hinblick auf den Lebensstil. Früher einmal waren die nur im Haushalt tätigen Frauen die Bastionen der Cat Fancy, nun gehen sie außer Haus, arbeiten für ihren Lebensstandard und haben für die Cat Fancy keine Zeit mehr – und es gibt natürlich auch so viele andere Verlockungen zum Verbringen der Freizeit.

 

Gibt es viele Züchter?

In Australien haben wir zwei große Dachverbände, ACF (gegründet 1972) und CCCA (so um 1980), die überwiegend kooperativ arbeiten. Wir tauschen Richter und Katzen aus und haben unsere Mitgliedsvereine in allen Staaten, die den nationalen Organisationen unterstehen. Die größte Konzentration an Katzenzüchtern findet sich natürlich in Regionen mit der stärksten Populationsdichte – die östliche Seeküste und Melbourne. Aber ACF hat auch sehr starke Mitgliederverbände im Süden von Australien und weiter im Westen (Perth). Seit 1972 sind so etwa 30- bis 40.000 Stammbäume registriert worden, und als vor etwa einem Jahrzehnt die Database von ACF und CCCA vereint wurde, kamen rund 19.000 dazu.

 

Und wie funktioniert angesichts der Entfernungen eine Zusammenarbeit?

Nun, wir und unsere Katzen verbrauchen eine ziemliche Menge an Flugkilometern, denn West- und Ostküste trennen rund fünf Flugstunden voneinander, oder 4500 Kilometer von Hobart (Süd) nach Darwin (Nord).

 

Welche Rassen sind besonders populär?

Als ich mein Training begann, sah ich nur Perserkatzen. Die zwei aus England importierten Heilige Birma, „Praha Shigatse“ und „Stacpoly Kharma“, beide sealpoint, bekam ich nicht zu Gesicht. Ich habe zwar Fotos, aber keine guten, jedenfalls waren die ersten nichts Besonderes. Das hat sich mittlerweile natürlich sehr geändert. In Tasmanien z. B. (wir haben nur eine Show pro Jahr) sind 2008 die Top Four der Gruppe I Birmas, und ein sealpoint Katerchen wurde Best Kitten of the Year. Es gibt auch einige Birma Special Clubs, die jährlich Ausstellungen gemacht haben, in den letzten Jahren sind daraus allerdings Allbreed Shows geworden. Die größte Ansammlung von Birmakatzen war auf einer Zweitagesausstellung in Neuseeland vor mehr als zehn Jahren, wo ich gerichtet habe – 236!!

Aber populäre Rassen kommen und gehen, das ist auch regional unterschiedlich. Lange Jahre waren die Burmesen am meisten vertreten, dann erinnere ich mich an eine Show im Süden von Australien mit 78 Russisch Blau. Heutzutage ist es ein bisschen ausgeglichener, aber Ragdolls, Birma, Britisch Kurzhaar und Manie Coon sind an der Spitze. Je nachdem wo man gerade ist, können auch Bengalen eine große Gruppe sein, SIA/ORI wiederum in geringerer Zahl, außer im äußersten Norden von Queensland und in Südaustralien, wo 70 in einer Club Show keine Seltenheit sind.

 

Wenn man mit so vielen Katzen/Rassen zu tun hat - ist Ihnen je eine begegnet, bei der Sie hätten „schwach“ werden können? Die Sie auch gern züchten würden?

Also ... wahrscheinlich hängt das teilweise mit meinen früheren Siamesen zusammen, aber wäre ich noch jünger und könnte mit ihrem Tempo mithalten, würde ich in der Sekunde Abessinier züchten! Aber ehrlich gesagt habe ich da ein kleineres Problem, denn Katzen können mich generell leicht verführen und jede Rasse, die meine Zuneigung im Lauf der vielen Jahre gewonnen hat, wäre ein Anreiz zum Züchten – und würde Noah’s Arche im Vergleich zu meinem Haus wie ein kleines Ruderboot aussehen lassen. Für gewöhnlich liebe ich freilich die am meisten, mit denen ich gerade zusammen bin.

 

Exotics also. Sie sind ja Pionierin für diese Rasse in Australien – wie kam es dazu?

Da muss ich schmunzeln ... 1983 habe ich bei Felikat (Holland) gerichtet, und in diesen zwei Tagen stand mein Richtertisch genau gegenüber dem Käfig eines silvershaded EXO, zwischen einer Rex und einer Abessinier – und ich musste ihn einfach ständig anstarren. Während der 27 Stunden meines Rückfluges saß ich dann da und überdachte ein Zuchtprogramm. Niemand hatte bis jetzt Exotic in Australien gezüchtet! Und ich hatte die Perser, meine Eltern die Briten, also wäre es nur vernünftig, diese dafür zu verwenden, zumal alle unsere Linien seit mehr als zehn Generationen keine genetischen Defekte aufgewiesen hatten. Es würde also keine unliebsamen Überraschungen geben (auch nicht hinsichtlich der Farbe), wie es vielleicht der Fall wäre, nähme ich stattdessen kurzhaarige Hauskatzen.

 

Nach einigen Jahren schwarzer/blauer Exotics haben Sie mit „Pascale“ Weiß eingekreuzt. Sie wird als EXO bezeichnet, gleicht aber eher einer wenig typvollen Britin – warum haben Sie diese Paarung gewählt?

Pascale war wirklich nicht besonders typvoll, aber sie stammte aus einer schwarzen Britin und einem weißen Perser mit für diese Zeit gutem Typ und hatte einen „gesunden“, gut dokumentierten Stammbaum. Zwar waren wir da schon drei Exotic Züchter in Australien, aber wir hatten alle nicht viel Auswahl und mussten aufgrund der vielen Vorurteile seitens der Perserzüchter nehmen, was wir kriegen konnten. Das galt auch für kurzhaarige Outcrosses - und ich brauchte einen. Deshalb, und nicht um Weiß einzubringen, nahm ich Pascale. Aus dieser Linie sind übrigens hauptsächlich Schwarze hervorgegangen, außer verpaart mit Weiß (was Crash Hot ergab) ... und zusammen mit einem außergewöhnlich schönen schwarzen Perser brachte sie ein exquisites schwarzes Mädchen, „Hetty Hotstuff“. Fazit: Züchte mit Blick auf die Großeltern, nicht auf die Eltern!!

 

Wie sahen zu dieser Zeit denn die australischen Britisch Kurzhaar aus?

Nun, je nach Cattery. Es gab (und gibt) ganz unterschiedliche Looks. Die Briten meiner Eltern hatten außergewöhnlich gutes Fell und auch exzellenten Typ. Sie halten auch noch immer den Rekord mit den meisten ACF National BIS Gewinnern aller Rassen – unser Äquivalent zur FIFe World Show. Wohl keine „EXO-Typ“ Briten , waren sie nichtsdestotrotz sehr rund, mit netten kleinen Ohren und total homozygot für Kurzhaar. Das machte sie zu einer erstklassigen Wahl für das Kurzhaar-Gen, dachte ich.

 

Wieso haben Sie dann eine Zuchtpause eingelegt?

Die Unterbrechung war unfreiwilliger Natur und ergab sich einfach daraus, dass in den letzten beiden Jahren meine zwei Mädchen mit einem meiner jungen Kater verpaart wurden, der Nachkommen gezeugt hat, aber offensichtlich unfruchtbar geworden sein muss, wie sich herausstellte. Seine enthusiastischen Paarungsversuche haben zumindest verhindert, dass die Mädchen Pyometra bekamen ... An denen es jedenfalls nicht lag, denn letztes Jahr ging die jüngere der beiden Damen (damals auch schon drei) in „Therapie“ zu einem Züchter in Queensland, dem ich vertraue und der sich mit Chocolates befasst. Er wollte den „cobby“ Körper, die kleinen Ohren und den kurzen Schwanz, den mein Mädchen hatte – und sie wurde prompt Mutter, 68 Tage nach ihrer Ankunft!

Und um ehrlich zu sein, es passte gut in meinen persönlichen Zeitplan, für drei Saisons keine Kitten zu haben. Es wäre nicht sehr verantwortungsvoll von mir, auf breiter Basis zu züchten, auch wenn die Idee verlockend scheint. Denn mehrere dreiwöchige Überseereisen pro Jahr bedeuten ja längere Perioden der Abwesenheit, aber ich möchte sie betreuen, bei der Geburt dabei sein und das Aufwachsen der Kätzchen miterleben, Meine Katzen stehen in dem Ruf, extrem gut sozialisiert zu sein, dazu muss ich ständig zu Hause sein, während sich ihre Persönlichkeit entwickelt – einige Nächte alleine wäre okay, aber keinesfalls länger.

 

Wie wird es weitergehen?

Jaha, mal sehen. Noch habe ich meine zwei weißen intakten Mädchen. Nach einer Reise mit der Älteren nach Queensland zum Kater – und mit etwas Glück - wäre ich einmal mehr in der Lage mich Züchter zu nennen! Was übrigens bedeutet, dass ich mich zum ersten Mal mit einer Exotic in die Farbe chocolate stürze ... das könnte interessant werden ...

 

Was würden Sie sich denn wünschen? Oder andersherum gefragt, was würden Sie gerne ändern, wenn Sie Einfluss darauf hätten?

Herrje, wo soll ich da nur beginnen? Unglücklicherweise wären nicht gerade wenige meiner Wünsche erfüllbar, und optimistisch wie ich nun einmal bin ... hier in willkürlicher Reihenfolge:

a) Dass in welchem Kontinent auch immer “Sklavenhandel” von Katzen und Kitten eliminiert würde, und die Züchter mit ihrem Herzen züchten und nicht mit der Geldbörse;

b) dass alle Organisationen das EMS System (FIFe) übernehmen! So logisch, so einfach und so viel besser, würden wir alle dieselbe Sprache sprechen;

c) dass es universelle, vereinheitlichte Standards gäbe (ich bin ein Träumer!);

d) dass wir, ein anderer Australier und ich, mit dem geplanten Buch schneller vorankommen! Es soll die wahre Geschichte der Cat Fancy in Australien erzählen und viele Mythen aufklären ... und wird finanziell ein totales Desaster sein. Aber wir haben viele korrekte Fakten gesammelt und z. B. herausgefunden, dass die ABY Historie in Australien nicht 1957 begann, wie jeder glaubt, sondern dass sie schon 1886 ausgestellt wurden;

e) dass mehr Züchter und Aussteller einen Schritt zurück machen würden. Nicht jede Katze ist ein Showtier! Forciere langsamer und erwarte keine Spitzenergebnisse in den Schoß geworfen zu bekommen, nur weil du deine heiß geliebte Katze ausstellst. Ich erinnere mich der Zeiten, als für ein CAC die Champagnerkorken knallten, und einen Champion zu besitzen oder, besser, einen zu züchten war ... whow!!

f) Und ich wünschte wirklich, dass die Katze und ihre Wohlergehen im Mittelpunkt aller Entscheidungen in der Cat Fancy stünde. Das schließt die Standards, die Langlebigkeit und das Vermeiden von ungesunden Zuchtgewohnheiten ein, welche einige Rassen in die Knie zwingen auf der Jagd nach Titeln und Pokalen. Da ist kein Sinn und keine Glorie im Erzüchten einer superben Ausstellungskatze mit einer Lebenserwartung von nur drei Jahren!

 

Diesen Wünschen kann ich mich nur anschließen, wie jeder wirkliche Katzenfreund. Und wie heißt es doch so schön: Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger ...

 

 

 

Tasmanischer Teufel (ein Raubbeutler und

Fleischfresser), wird bis 65cm groß und ca. 8kg schwer, hat eine enorme Beißkraft und ist extrem aggressiv – wenn er sich ärgert, kriegt er feuerrote Ohren, kreischt weithin hörbar markerschütternd und „duftet“ wie ein Stinktier ... Sozusagen eine Art Dauerzustand, denn er ärgert sich über alles und jedes ...

  

 

  

Ca. so groß wie Bayern, 7 Einwohner je km²; 37% Nationalparks, Tasmanische Wildnis UNESCO Weltkulturerbe

 

 

 

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