FIP - Praxisberichte

SCHRECKGESPENST FIP

 

Recherchen und Berichte aus der Praxis

 

 

Viruserkrankungen können generell ein großes Problem in Mehrkatzenhaushalten sein und in Catterys mitunter sogar das Zuchtfinale einläuten. Vor allem FIP kann bis zu einem gewissen Grad jeden treffen, weil sie, salopp gesagt, genauso wenig fassbar ist wie ein Geist. Noch immer. Der Weisheit letzten Schluss werden Sie hier daher nicht finden, so leid es mir tut. Die Wissenschaft scheint ein bisschen auf der Stelle zu treten, denn neuere Erkenntnisse bringen insofern kein Licht ins Dunkel, als sie uns nicht wirklich weiterhelfen. Deshalb denke ich, dass wir vermutlich am meisten aus den Erfahrungen anderer lernen können.

 

 

VORBEMERKUNG

 

Der erste Teil (siehe Themenbereich Gesundheit) beschäftigte sich mit dem Wesen des Erregers, in diesem Beitrag geht es überwiegend um Erfahrungsberichte, wie Züchter oder betroffene Haushalte mit vergleichsweise mehreren/vielen Katzen damit ungegangen sind. Weitere Informationen basieren auf Veröffentlichungen der Professoren Hans Lutz (Zürich), Marian Horzinek (Utrecht) und Niels Pedersen (Davis/Kalifornien), während zum Abschluss Teile eines Interviews zitiert werden, das Frau Professor Dr. Katrin Hartmann, die deutsche „FIP-Päpstin“, 2009 der Autorin gewährt hat.

Bemerkenswert ist der einhellige Tenor, der der ungeheuren Bedeutung bestmöglicher Haltung Rechnung zollt, nämlich Stressvermeidung, Pflege und Hygiene, seelische Betreuung und exzellente Ernährung – und ein „kleiner Rahmen“. Also eine überschaubare Gruppe, was ich in freier Interpretation der Empfehlungen forsch so formulieren würde: Sechs Katzen auf 30 Quadratmetern sind locker als Massentierhaltung zu werten ...

 

 

DIE SACHE MIT DEM STRESS

 

Eine endlose Geschichte, ja doch. Und dass mangelnde Harmonie oder gar Zoff innerhalb einer Gruppe starke Stressfaktoren sind, weiß jeder (hoffentlich), ebenso dass Zurücksetzung im Sinne von zu wenig Aufmerksamkeit und Zuwendung, unter dem nicht nur separierte Deckkater leiden können, alles andere als den Idealzustand signalisiert. Nimmt man jedoch die letzten zehn Jahre etwas näher unter die Lupe, wird unverkennbar, dass einerseits ein neues Verantwortungsbewusstsein gewachsen ist, andererseits die Katzen vielfach immer mehr zum Objekt degradiert werden. Sicher, Massenzüchter gab’s auch früher schon, gegen die ist leider sowieso kein Kraut gewachsen. Aber die Gepflogenheit, mehr oder weniger wahllos Katzen zu kaufen und wieder abzugeben, zu tauschen oder halt zusammenzupferchen, weil man sie bloß für einen Wurf verwenden möchte etc. – die ist relativ neu. Dass dabei die persönliche Beziehung zwischen Tier & Mensch auf der Strecke bleibt, liegt dabei genauso auf der Hand wie die Strassbelastung, verstärkt durch den Umstand, dass die Katzen kein Heimatgefühl entwickeln können respektive immer wieder neu anfangen müssen, sich einzugewöhnen.

Weniger neu hingegen ist, dass der Stresspegel auf Ausstellungen entweder unterschätzt wird oder unberücksichtigt bleibt. Ich möchte nun keineswegs Shows madig machen, aber selbst auf der seelisch stabilsten Katze lastet ein enormer Druck, wird sie womöglich jedes Wochenende auf eine solche geschleppt, weil sie halt grade so erfolgreich ist oder der Besitzer keine andere Freizeitbeschäftigung hat – er sollte schon wissen, was er seiner Katze zumuten kann. Immerhin gibt es nicht nur welche, die ihr Missbehagen kundtun und/oder schon mal regelrecht ausrasten, sondern auch Katzen, denen man es nicht so deutlich ansieht und die der Trubel oder was auch immer trotzdem „innerlich“ aus den Pfötchen kippen lässt. Dazu muss man kein Blümchen sein ... Nehmen Sie Rücksicht, will heißen, auch wenn Sie sich sonst vorbildlicher Haltung rühmen dürfen, sollte das kein Freibrief sein, die Belastbarkeit aushäusig auszureizen.

 

 

HALTUNG & HYGIENE

 

Und was die Hygiene anlangt, so ist damit kein steriles, zu Tode geputztes Umfeld gemeint, sondern „normale“, schlichte Sauberkeit: Wenn die Fenster blitzblank spiegeln, damit man bei den Nachbarn keine schlechte Nachrede hat, aber dahinter die Chaostheorie regiert und es etwa nur ein „gutes“ Zimmer gibt, in dem man Jungtierinteressenten empfangen kann (und das deshalb Katzen sonst nie zugänglich ist), ist das Wort Hygiene an sich fehl am Platz. Und wenn der Wohnbereich nur so glänzt, die Katzen dafür aber im Keller (o. ä.) hausen müssen – ja nun, dann sollte das Wort Haltung durch Gefängnis ersetzt werden. Sagen Sie bitte nicht, das alles wäre nun bloß erfunden, denn das ist nur die Spitze des Eisberges!

Sogar im Prinzip brave Sauberfrauen und –männer entfernen zwar täglich die Ausscheidungen aus den Streukästen, aber wie oft werden sie komplett geleert und die Einstreu erneuert? Und wie oft gewaschen? Und wer’s morgens eilig hat, schaufelt schon mal neues Futter in den Napf, ohne ihn vorher gründlich mit heißem Wasser zu reinigen. Vor allem Trockenfutter wird gern einfach nachgefüllt, weil das doch nicht schmutzig macht ... Und dass die Wasserschale schon Algen ansetzt, so sie das gleiche Schicksal erleidet, fällt auch nicht immer jedem wirklich auf.

Wissen Sie alles, kommt bei Ihnen nicht vor? Fein. Und wo sieht es so oder noch schlimmer aus und Sie kaufen trotzdem ein Kitten oder bringen Ihre Katze zum Decken hin? Weil die Deckgebühr so günstig ist, der Kater ums Eck wohnt oder Sie genau DIE Linie/Farbe einkreuzen möchten etc.? Tja. Hintenrum meckern bringt’s jedenfalls nicht ... Genug geschimpft. Musste aber sein.

 

 

TAG DER OFFENEN TÜR

 

Nun, Viren und Bakterien fühlen sich logischerweise in einem Umfeld besonders wohl, wo sie auf den geringsten Widerstand stoßen, und allein eine gestresste Katze ist allemal das leichteste Opfer. Lebt sie auch noch in unhygienischen Verhältnissen, stehen die Chancen ziemlich gut, sich „was einzufangen“.

Viren sind winzige Krankheitserreger (drei bis 50 mal kleiner als Bakterien), die in Form von Partikeln bei sämtlichen Säugetieren vorkommen. Allen gemeinsam ist, dass sie sich – im Gegensatz zu den Bakterien – nicht selbst vermehren können, sondern auf eine lebende Zelle angewiesen sind. Die in diesem Fall für uns relevanten sind jene mit Hülle: Coronaviren, „zuständig“ für u. a. Durchfall und FIP. Was insofern von Bedeutung ist, als Viren mit Hülle relativ leicht durch Desinfektionsmittel oder gewöhnliche Haushaltsreiniger (Seife) inaktiviert werden können – darum der Hygiene-Appell -, während Viren ohne Hülle auch an der Außenwelt eminent stabil bleiben. Das Coronavirus kann zwar gleichfalls „draußen“ einige Wochen überleben, aber die Aktivität nimmt rasch ab. Womit sich z. B., logischerweise nach gründlicher Reinigung des Haushalts, die relativ kurze (wenige Wochen) Wartezeit erklären lässt, nach welcher eine neue Katze einziehen darf, wenn die Vorgängerin nachweislich an FIP verstorben ist – was allerdings für Mehrkatzenhaushalte nicht als einzige Voraussetzung gilt.

 

 

ZUR SACHE – NICHTS ALS PROBLEME

 

Abgesehen von solchen „Äußerlichkeiten“ liegt das Hauptproblem vermutlich darin, dass angenommen wird, es gäbe kaum eine Zucht, in der alle Katzen frei von „harmlosen“ FCoV sind und somit theoretisch keiner züchten dürfte, dessen kompletter Bestand (inklusive Kastraten und Senioren) nicht absolut clean ist. Sozusagen um das Schicksal nicht herauszufordern. Wodurch Rassekatzen wahrscheinlich in Nullkommanichts zur Mangelware würden. Die Praxis hingegen sieht nun so aus, dass in der Regel (wenn überhaupt) ein sogenannter Coronavirus-Antikörper-Test gemacht wird (vollkommen irreführend immer noch als FIP-Test bezeichnet) und alle zufrieden sind und sich in Sicherheit wiegen, wenn die Titerhöhe nur gering ausfällt. Und in sehr vielen Fällen geht das ja auch gut. Kann sich aber genauso schnell ändern. Etwa wenn sich (wieder mal) der Stress dazuschlägt, den z. B. Kater beim Freudensprung genauso haben wie die Braut, vor allem wenn sie anderswo zu Hause ist.

Bedauerlicherweise hat sich zudem wie erwähnt im Wesentlichen nichts geändert, sodass Züchter weiter auf Lösungen hoffen müssen, die sie innerhalb eines vertretbaren Rahmes umsetzen können, ohne den „Betrieb“ für längere Zeit stillzulegen (wie sag ich’s meiner Katze) oder ihre Cattery in ein Ghetto umzufunktionieren. Die Forschung müht sich und wir dürfen dankbar dafür sein, dass kleine Katzenhaushalte Land in Sicht haben, aber bei größeren driften möglicherweise Theorie und Praxis einfach zu weit auseinander – und im Endeffekt stehen wir allein und müssen einmal mehr für unsere Entscheidungen gerade stehen.

 

 

ALS DA WÄREN?

 

Weil in Züchterkreisen die (nicht ganz unberechtigte) Annahme weit verbreitet ist, dass jede Cattery sozusagen ihre „eigenen“ Viren- und Bakterienstämme habe, gegen die ihre Katzen bereits eine Resistenz entwickelt hätten, wären in erster Linie Neuerwerbungen gefährdet. Weshalb Züchter eine neu hinzugekommene Katze vielfach grundsätzlich separieren, bis Entwarnung angesagt ist: Also alle erforderlichen „frischen“ Tests abgeschlossen sind sowie zumindest innerhalb dieses Zeitraums keine Auffälligkeiten (wie Niesen, Augentränen, Erbrechen, Durchfall, Appetitlosigkeit, ungewöhnliche Müdigkeit etc.) Anlass zu Besorgnis geben. Das hat was. Und wer’s nicht übers Herz bringt, die kleine ihrer Familie und vertrauten Umgebung verlustig gegangene arme Seele wegzusperren, könnte sie z. B. im Schlafzimmer einquartieren, damit sie wenigstens nächtens kuscheln kann. Was zweifellos auch der Bindung an den/die neuen Menschen sehr förderlich ist. Ist nun freilich die Erworbene frei von FCoV, so kann das bedauerlicherweise, salopp gesagt, völlig wurst sein, wenn ihre künftigen Mitkatzen das nicht sind ... womit wir eigentlich wieder am Anfang wären.

Eine schlechte Idee ist es trotzdem nicht, weil wir a) immer wissen sollten, was Sache ist, und weil b) die Neue während der Inhaftierung ein klein bisschen älter, stabiler, und der Stress der Eingewöhnung quasi „geteilt“ wird – anfangs muss sich nur mit uns im sicheren Kämmerlein auseinandersetzen, später dann sukzessive mit den anderen samt restlicher Umgebung. Das muss das Unheil nicht zwingend abwenden, aber jeder Strohalm ist gut genug, um ergriffen zu werden ...

 

 

AUS DER PRAXIS

 

Man kommt ja so rum im Laufe der Jahre und pflegt vielerlei Kontakte, und die gute Nachricht ist, dass der Großteil der Kollektive noch nie selbst mit FIP konfrontiert wurde, aber viele „jemand kennen, der“ ... und so weiter. Nun, (nicht nur) Erfahrungsberichten von Betroffenen zufolge mutierte in der Regel das Virus nie bei allen Katzen eines Bestandes, sondern zumeist „nur“ bei einigen wenigen (je nach Größe der Gruppe und wie optimal oder nicht offenbar die Haltungsbedingungen gewesen sind). Fast ausschließlich waren es Jungtiere im Alter von etwa drei bis sechs/sieben Monaten – also genau innerhalb jenem Zeitraum, in welchem normalerweise der Besitzwechsel stattfindet bzw. die Zeit der Eingewöhnung im neuen Heim. Wobei sich die Lebenserwartung deutlich unterschied zwischen künftiger Einzelhaltung (= diese Tiere überlebten fast alle) oder Eingemeindung zu bereits vorhandenen Katzen. In einigen Fällen war die Neue lediglich Zweitkatze, wurde indes nicht freundlich willkommen geheißen bzw. blieb die Beziehung über Monate gespannt, der die Junge letztendlich nicht standhielt. Je nach Situation sollen die Katzen aus diesen gefährdeten Zuchten insgesamt gesehen erst ab etwa zwölf bis 18 Monaten sozusagen aus dem Gröbsten raus gewesen sein, sehr vereinzelt erst nach bis zu zwei Jahren.

In zwei Fällen starb ein Kitten innerhalb von drei Wochen nach der Geburt, in einem kümmerte der ganze Wurf, alle Kätzchen wurden jedoch nicht obduziert, sodass über die Todesursache nur spekuliert werden kann, wenngleich der Verdacht auf FIP natürlich durch den Umstand erhärtet wurde, dass dies für beide Catterys nur der „Auftakt“ war.

Ein Züchter berichtete von einem Jungtier, das zwei Tage lang ungewöhnlich wenig fraß und fast nur schlief – und dann tot auf dem Teppich lag. Andere erzählten von unterschiedlichsten Symptome wie leichten, eigentlich (noch) nicht besorgniserregendem Appetitmangel bei nur gering verminderter Aktivität, gelegentlich Erbrechen, entzündlichen Ablagerungen an der vorderen Augenkammer oder Schnupfen. Die meisten Kitten litten unter Durchfall und/oder hartnäckigen Augenentzündungen. Gelegentlich zogen sich die Probleme über etliche Wochen bist Monate hin, aber die meisten starben innerhalb kurzer Zeit – und nicht einmal die Hälfte entwickelte eine Flüssigkeitsansammlung in der Bauchhöhle.

 

 

SICHERHEIT – OHNE NETZ

 

Aufgrund der relativ unspezifischen Anzeichen, die zwar oft (aber nicht immer) vom Tierarzt behandelt wurden, und weil es eben so schnell gehen kann, fielen die meisten Betroffenen/Züchter erst nach dem Ableben eines Tieres aus allen Wolken. Allerdings werden zweifellos etliche auch mehrere Todesfälle hingenommen haben, bevor sie reagierten, ebenso wie einige aufgrund von Fehlinformationen das Heil in der Flucht nach vorn sahen und eiligst alle Katzen impfen ließen. Was, wie wir längst wissen, ein absoluter Trugschluss ist und gar nichts bringen kann, im (gar nicht mal so seltenen) unheilvollsten Fall sogar das Gegenteil bewirkte und etliche Katzen gewissermaßen kalt ans Messer lieferte.

Offenbar dürfte die Tatsache, dass eine Impfung nur bei nachweislich Coronavirus-freien Katzen einen gewissen Schutz bietet, entweder noch nicht zu allen Veterinären durchgedrungen sein oder man geht davon aus, dass sie zumindest nicht schaden könne. Falsch gedacht.

 

 

VERHAFTUNGSMASSNAHMEN

 

Für Zuchten wurde Anfang der 1990er Jahre durch die Universität Glasgow das Frühabsetzen von Kitten empfohlen: Die tragende Katze wird zwei Wochen vor der Geburt separiert und jeder Kontakt mit anderen Katzen unterbunden. Nach der Geburt bleiben die Jungen nur bis längstens zur sechsten Lebenswoche bei der Mutter (weil angenommen wird, dass die Infektion für gewöhnlich erst danach stattfindet) und werden fürderhin ohne Muttertier gemeinsam isoliert aufgezogen. Eigene Beobachtungen der Arbeitsgruppen der (eingangs erwähnten) Verfasser konnten die schottischen Resultate indessen nicht bestätigen – wenngleich die Virusbürde deutlich herabgesetzt war. Auch Tierärzte dürften sich verschiedentlich aufgrund negativer Bilanzen gegen diese Methode ausgesprochen haben, ebenso einige der befragten Züchter, die trotz Beachtung aller Vorschriften nicht weniger Todesfälle zu beklagen hatten als andere. Was möglicherweise daran gelegen haben könnte, dass diese relativ viele Würfe hatten und die Mütter überwiegend mit winzigen Räumen vorlieb nehmen mussten (einer davon teilte einen Raum in kleine Boxen wie für Hasen).

Obwohl die Separation auf Kosten des Sozialkontakts von den meisten Züchtern als nicht befriedigende Lösung angesehen wurde, versuchten etliche nach dem ersten Schock zweierlei: Die einen trennten nur die Mütter mit Kindern vom Kollektiv (gemeinsam und leider nur mit unterschiedlichem Erfolg, weil die Ladys einander nicht immer „grün“ waren = Stress!), während die anderen, sofern es sich raummäßig einrichten ließ, alle Katzen in kleinere Gemeinschaften aufteilten. Allerdings (mit Ausnahme von zweien) nicht in den von Fachleuten angesprochenen Dreiergruppen, weil darauf Bedacht genommen wurde, keine Freundschaften auseinander zu reißen. Ebenso, dass die Räume eine gewisse Größe nicht unterschritten und sämtlich zumindest von einem Familienmitglied täglich über einige Stunden genutzt werden, sodass alle Tiere einigermaßen Bewegungsfreiheit hatten und es auch an menschlicher Zuwendung nicht mangelte – so musste sich z. B. in einem Fall eine achtköpfige Gruppe etwa 25 Quadratmeter teilen. Nichtsdestotrotz berichteten alle diese Züchter einhellig, dass es nach relativ kurzer Zeit entweder keine Todesfälle mehr gab oder nur sehr vereinzelt.

Zudem produzierten sie über einen Zeitraum von zumindest einem Jahr (gelegentlich bis zu zwei) keinen Nachwuchs und besuchten keine Ausstellungen. Dann war der Spuk vorbei ... die Türen wurden wieder geöffnet – wobei einige Züchter währenddem sukzessive den Bestand reduzierten, jedoch nur erwachsene oder fast erwachsene Tiere mit geringer Titerhöhe und ohne Auffälligkeiten in Einzelhaltung vergaben (häufig innerhalb der Familie oder im Freundeskreis). Sie haben alle überlebt. Das Holzauge blieb freilich wachsam ...

Hinzuzufügen sei, dass mit wenigen Ausnahmen permanente Tests unterblieben, um den Stresspegel möglichst niedrig zu halten (oder aus Sparsamkeit, das kann ich nicht sagen, wie ich auch für die Korrektheit sämtlicher Angaben nicht bürgen kann – für viele jedoch schon), sondern erst, als sich nach Monaten ohne Todesfall Entwarnung abzeichnete. Was ich nun wertfrei wiedergebe, ohne ein Tür zur Leichtfertigkeit öffnen zu wollen!

 

 

NUR ZUSAMMEN SIND WIR STARK – VON WEGEN

 

Angesichts all dessen wird umso deutlicher, wie wichtig es wäre, dass betroffene Züchter nicht gebrandmarkt werden, sondern auf Erfahrungsaustausch und die helfende Hand ihrer Kollegen zählen können sollten. Ja, und dann bin ich aufgewacht ... Dass aus uns allen eine große, glückliche Familie wird, ist Utopie, denn Outlaws und mangelnde Einigkeit gibt es überall und in allen Bereichen. Trotzdem sind wir, salopp gesagt, ein seltsamer (und bisweilen ziemlich aggressiver) Haufen, eine Gruppe von Einzelindividuen, die sich häufig selbst genug sind und „Freunde“ öfter wechseln als ihre Unterwäsche – aber mit Tieren leben, auf deren Anpassungsfähigkeit und Toleranz sie stolz sind. Scheint nicht abzufärben, denn die Hackordnung ist nicht von schlechten Eltern. Und oft genug kommen Unschuldige zum Handkuss.

Was Wunder also, dass daher aus gutem Grund keiner seine Reputation auf dem Altar der Öffentlichkeit opfern möchte – aber wenn wenigstens jeder ehrlich zu sich selbst ist und in Kenntnis der Verantwortung die nötigen Konsequenzen trifft ... das wär’ ja schon mal ein guter Anfang ... Und wenn jeder den anderen auch noch leben lässt, sind wir schon nahe am Himmelreich ...

 

 

 

Professor Dr. Katrin Hartmann

Dr. med. vet., Dr. med. habil., Prof., Dipl. ECVIM

Fachtierärztin für Innere Medizin und Labordiagnostik

Lehrstuhl für Innere Medizin der kleinen Haus- und Heimtiere

Leiterin der medizinischen Kleintierklinik an der

Ludwig Maximilian Universität, München

 

 

Frau Professor Hartmann, wann muss ich mir Sorgen machen, ob eine meiner Katzen an FIP erkrankt sein könnte?

Viele Katzen mit FIP (Feliner infektiöser Peritonitis) entwickeln sogenannte Ergüsse, also Flüssigkeitsansammlungen im Bauch (man spricht hier von Aszites) oder im Brustkorb (Thoraxerguss). Je nach Schwere des Ergusses ist bei Aszites eine Umfangsvermehrung des Bauches feststellbar. Bei einem Thoraxerguss bekommen die Katzen zunehmend Atemnot, da sich die Lunge nicht mehr richtig entfalten kann.

Manche Katzen entwickeln eine Gelbfärbung der Haut und Schleimhäute (Ikterus) oder leiden an einer Entzündung des Auges (Uveitis). Wenn FIP im zentralen Nervensystem auftritt, können neurologische Störungen, wie z. B. Kopfzittern oder Anfälle die Folge sein. Auch bei Antibiotika resistentem Fieber und chronisch kranken Tieren muss an FIP gedacht werden.

 

Was tun, wenn einer/mehrere der routinemäßigen Tests einen „positiven Titer“ ausweist/en?

Ungefähr 50 Prozent aller Katzen in Deutschland haben Antikörper gegen das Feline Corona Virus (FCoV). Ein „positiver Titer“ bedeutet, dass Antikörper gegen Coronaviren (FCoV) im Serum der Katze gefunden wurden. Dies heißt nicht, dass die Katze FIP hat oder bekommen wird, da auch ein großer Prozentsatz der gesunden Katzen FCoV-Antikörper-positiv ist. Die meisten dieser Katzen entwickeln niemals FIP.

Bei einer kranken Katze ist die Aussagekraft des Tests begrenzt, und es sollten nur negative oder sehr hohe Antikörpertiter als gewisse Diagnosehilfe fungieren. Niedrige und mittelhohe Titer sind überhaupt nicht aussagekräftig. Ein positiver Antikörpertest kann nur eine Aussage darüber machen, ob die Tiere Kontakt zu Coronaviren hatten.

Daher kann ein positiver „FIP-Test“

 

  1. von einer früher mit Coronaviren infizierten Katze, die das Virus in der Zwischenzeit eliminiert und noch Antikörper hat,
  2. oder von einer Katze mit einer „harmlosen“ enteralen FCoV-Infektion,
  3. oder von einer gegen FIP geimpften Katze (auch die intranasale Vakzine kann zur Entstehung von Antikörpern führen)
  4. oder von einer Katze mit FIP stammen.

Sinnvoll ist der Antikörper-Test aber z. B. für das Management in Katzenzuchten. In einem geschlossenen, FCoV-freien Bestand sollte jede neue Katze vor Aufnahme in den Bestand und z. B. auch jeder Kater, der zum Decken verwendet wird, vorher getestet werden. Da die Titerhöhe zwar nicht mit dem Grad der Erkrankung, wohl aber mit der Menge der Virusausscheidung korreliert, kann der Antikörper-Nachweis auch zur Identifizierung chronischer Ausscheider verwendet werden.

 

Kommen wir zum Züchter-Management: Um eine Infektion in einem FCoV-freien Bestand zu verhindern, sollten nur Antikörper-negativ getestete Katzen aufgenommen oder zum Decken verwendet werden. Nun heißt es aber, dass nahezu alle Zuchtkatzen Antikörper haben, wie soll ein Züchter daher vorgehen?

Zunächst einmal sollte versucht werden, dass in einer Zucht alle Katzen Antikörper-negativ sind. Es ist theoretisch möglich, FCoV aus einer Katzenzucht zu eliminieren, dies ist aber ein sehr langwieriger, aufwändiger und teurer Prozess. In Zuchten mit mehr als zehn Katzen pro Gruppe ist es praktisch unmöglich, FCoV zu eliminieren, da das Virus kontinuierlich von einer Katze zur nächsten weitergegeben wird, und die Infektion daher im Bestand endemisch bleibt. Ein Sanierungsprogramm ist jedoch möglich. Zunächst müssen chronische Virusausscheider durch wiederholte Kotuntersuchung identifiziert und abgesondert werden. Im Optimalfall wird im Bestand zu dieser Zeit nicht gezüchtet und die Katzen werden in kleinen Gruppen (maximal drei Katzen pro Gruppe) gehalten. Um dann eine Neu-Infektion in einem FCoV-freien Bestand zu verhindern, sollten nur FCoV-Antikörper-negative Katzen in den Bestand aufgenommen werden. Auch zum Decken dürfen nur Antikörper-negative Kater verwendet werden.

 

Welcher Test hat dann Sinn?

Aus Kot können sogenannte Polymerase-Ketten-Reaktionen (PCR) durchgeführt werden. Bei diesen Untersuchungen wird die vorhandene DNA der Viren vervielfältigt und in einer Färbereaktion sichtbar gemacht. Die Untersuchung sollte aus drei unterschiedlichen Kotproben innerhalb von zwei Wochen durchgeführt werden.

Katzen mit einer hohen Virusscheidung sollten getrennt und abgegeben (möglichst in Einzelhaltung) und von der Zucht ausgeschlossen werden. Alternativ ist der Nachweis von Antikörpern möglich. Der PCR-Nachweis im Kot gibt allerdings eine genauere Auskunft über die tatsächlich ausgeschiedene Virusmenge.

 

Welche Ergebnisse sind unbedenklich, welche nicht?

Für einen FCoV-freien Bestand sind nur negative PCR-Ergebnisse erwünscht. Dabei ist zu beachten, dass ein positives Ergebnis nicht mit der Krankheit FIP gleichzusetzen ist. Sie zeigt jedoch eine Ausscheidung. Daher kann eine PCR-positive Katze andere mit FCoV anstecken.

 

Wann wäre die Impfung ratsam, wann nicht?

Seit 1993 gibt es einen Impfstoff gegen Coronaviren, der lokal in die Nase der Katze geträufelt wird und an der Haupteintrittspforte die Vermehrung der Viren verhindern soll. Die Impfung wird allerdings kontrovers diskutiert. Der Impfstoff ist bei Katzen, die bereits Kontakt zu FCoV hatten, wirkungslos. Auch bei Katzen, die nie zu FCoV Kontakt hatten, ist die Effektivität der Impfung daher als fraglich anzusehen. Sicher ist es nicht sinnvoll, Katzen in einem Haushalt zu impfen, in dem FCoV auftritt oder in dem ein Tier an FIP erkrankt war.

 

Der Erreger ist eng verwandt mit dem auch für Katzen ansteckenden Caninen Coronavirus (CCV), das allerdings keine FIP auslösen kann. Wäre umgekehrt eine an FIP erkrankte Katze für meinen Hund eine Gefahr?

Zwischen den von verschiedenen Tierarten isolierten Coronaviren bestehen zwar enge antigentische Beziehungen und es treten auch Antikörper-Kreuzreaktionen zwischen FCoV und dem Caninen Coronavirus (CCV) auf, jedoch infizieren sich Hunde nicht mit FCoV und erkranken demnach auch nicht an FIP.

 

 

 

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