Trio Infernal

TRIO INFERNAL

oder

 

WIE MAN MIT KÄTZCHENAUFZUCHT

HEITERKEIT INS LEBEN BRINGEN KANN

 

 

Tierkinder aufwachsen zu sehen heißt, eines der vielen Wunder der Natur hautnah zu erleben - allerdings darf ein wenig Ehrfurcht vor dem Leben schlechthin nicht fehlen. Also, Ehrfurcht im Sinne von Schaffung eines verhaltensbiologisch korrekten Freiraums zur Entfaltung der kindlichen Katzenseele. Zu Deutsch: Hänge dein Herz nicht an Dinge, die du sowieso nicht brauchst. Der Gewinn liegt im Herzen des Betrachters ...

 

 

Der Ficus gleicht einer Trauerweide, der Futterplatz einem Schlachtfeld, die Pantoffel haben keine Quasten mehr und die älteren Semester unter den Katzen sind auf Tauchstation, um ihre zerzausten Pelzchen wieder glatt zu bügeln - kein Zweifel: Kleine Kätzchen tummeln sich im einstmals so gemütlichen Heim und strapazieren in seliger Heiterkeit alles Bewegliche und Unbewegliche, was Mensch in stiller Resignation noch nicht dem Mülleimer überlassen hat. Sie sind klein genug, dass man ihnen noch alles verzeiht, und groß genug, die menschliche Nachsicht gehörig zu strapazieren. Erfahrene wissen, dass in sagenhaft kurzen dreizehn Wochen eine halbe Einrichtung ihr Leben aushauchen kann ohne jeglichen Einfluss einer Wirtschaftskrise, schwarzer Magie oder ähnlich Erklärbarem.

 

 

MISSION ERDE - SIE SIND UNTER UNS

 

Kätzchenaufzucht ist ein wirklich erlebenswertes Ereignis, welches allerdings gewisse Anforderungen stellt. Nur starke Naturen stehen das mehrmals durch. Mit Elan und den besten Vorsätzen macht der Mensch sich ans Werk, die Kleinen zu wahren Wunderwerken züchterischer Schöpferkraft zu machen. Selbstverständlich sind sie sagenhaft schön, bei DEN Eltern war das nicht anders zu erwarten. Aber auch Gesundheit und Charakter bedürfen der Aufmerksamkeit. Also werden Bücher gewälzt, andere Menschen zur Geisterstunde aus den Betten geklingelt und mit Fragen überhäuft und in der Küche sieht es aus, als würde fünfmal täglich ein mindestens sechsgängiges fürstliches Menü gezaubert, da die Königskinder unterschiedlichen Gechmäckern frönen. Aber es mundet, vermerkt der Mensch mit Stolz. Man hört es. Der Nachbar vermutlich auch, denn die Kleinen pflegen nicht immer unbedingt elegant zu speisen.

Spätestens dann, wenn man eins der Süßen aus dem Kuchenteig fischt und fieberhaft überlegt, ob man zuerst das Zweite aus der Badewanne angeln oder das Dritte vermittels einer eiligst anzuschleppenden Leiter (die blöderweise im Keller steht) vom höchsten Ast des Kratzbaumes retten soll - während das Erste schon wieder am Backrohr hängt und das nasse Zweite innerhalb von fünf Minuten bereits das dritte Mal mannhaft die Palme erklimmt - spätestens dann hat auch der Anfänger seine Lektion gelernt und fragt sich in gelinder Verzweiflung, wieso um alles in der Welt er ausgerechnet Katzen züchten muss, wo er doch vor dem Fernseher oder wo auch immer seine Abende wesentlich beschaulicher verbringen könnte.

 

 

TRIO INFERNAL

 

Ich schätze, Sie glauben mir nicht, wie? Nun, ich gebe zu, es war nicht immer so .... Bitte beachten Sie die Betonung: Sie liegt auf war – weil einerseits lange vorbei, andererseits die British silvertabby längst einen total „benutzerfreundlichen“ Charakter haben. Und für den Fall, als Sie trotzdem der Meinung sein könnten, die nachfolgende (ungeschminkt erzählte) Geschichte könnte die Verkaufschancen Ihrer Kitten beeinträchtigen: Ich habe mich in der Rasse geirrt.

Also: Lange bevor die Werbung einen Boom samt züchterischer Betriebsamkeit auslöste, bescherte mir der genetische Zufall einer Testpaarung meine drei "Musketiere", so genannt, weil sie absolut alles gemeinsam machten (sie zwängten sich sogar gleichzeitig aufs Klo). Sie waren wirklich ein heiteres, sehr charmantes Trüppchen voll ungebrochen guter Laune, schienen immer zu lachen ... und niemals zu schlafen. Nach den relativ normal-friedlichen ersten sechs Wochen töteten sie mir nichtsdestotrotz allmählich den Nerv.

Sie ermordeten die Palme neben dem Telefon, schubsten bei ihren Turnübungen ständig den Hörer von der Gabel, sodass Anrufer nicht durchkamen (weshalb nahe liegt, dass die Handy-Erfinder Katzen gezüchtet haben), knabberten Löcher ins Kabel und in die Bettdecke, und die untersten Bücherreihen sah aus, als hause darin eine Mäuseschar. Eines ihrer Lieblingsspiele war, sich in Schränke einsperren zu lassen, deren Inhalt dann ungestört umgeräumt werden konnte. War alles reif für den Abfalleimer, kratzten sie an der Tür und begehrten nach Befreiung. Sie schliefen im Plattenschrank und stylten die Hüllen auf unkenntlich, zogen von den Videokassetten die Schildchen ab, um sie zu verspeisen und bemächtigten sich der Computertastatur. Die Hütchen von den Zeichen und Buchstaben konnte man damals schon leicht wegkratzen (um die Denkaufgabe abzukürzen – oder wissen Sie, was wohin gehört?, kaufte ich zwecks Vorlage eine zweite und deponierte sie im Büro. An das ständig Hinundhertragen gewöhnt man sich). Die unteren 30cm meines Morgenrockes glichen in Kürze einem Wolkenstore und mein Bademantel sah aus wie ein Flokati. Sie holten die Wäsche vom Trockner, schubsten die Seife aus der Schale und vergruben die Nagelbürste im Katzenklo.

 

 

FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY (?)

 

Sie glauben mir noch immer nicht? Tun Sie's, denn für das absolute Glanzstück habe ich einen Zeugen: Ich hatte einen Gast zum Frühstück und freute mich an einem verregneten Sonntag auf einen gemütlichen Brunch und langen Schwatz - mit einer "Katzenfrau", also ein Mensch mit Gefühl und Verständnis gesegnet. Dennoch wäre es mir nicht unlieb gewesen, mit der guten Erziehung meiner kleinen Schätze zu glänzen. Normalerweise gelingt das mit Links, meine Samtpfoten haben eine natürliche Aristokratie, betteln ist ordinär, klauen undenkbar. Spitze Biafragesichter und ein müder, entkräfteter Augenaufschlag sind das Äußerste (es sei denn, es kommt Milch ins Spiel - die Aussicht darauf belebt sowohl die Gemüter wie den Erfindungsgeist).

Nicht so bei den Musketieren. Vornehme Zurückhaltung kam in ihrem Wortschatz nicht vor. Kaum war der Tisch fast fertig gedeckt, donnerten sie an, als wäre wie weiland bei ihren literarischen Vorgängern wieder einmal die Königin zu retten. Bailey schwang sich auf den Rand des Tischtuchs und mühte sich verbissen, Höhe zu gewinnen. Wir pflückten ihn ab, während seine beiden Schwestern die Diretissima über die Stühle wählten und die Schlacht am kalten Büffet zu eröffnen gedachten. Wir setzen sie mit strengem Nein auf den Boden und warfen zwecks Ablenkung ein Bällchen, derweil Bailey den Angriff auf der anderen Seite wiederholte. Nein und Bällchen. Als wir mit frischem Kaffee, Saft und Toast zurückkamen, waren Lachs und Schinken Geschichte. Mimi verputzte gerade mein weiches Ei im Glas und Molly hatte ihre Nase bis zu den Ohren in der Butter, welche (anhand der Fettspur leicht zu erkennen) vom Teller bis zum Tischrand geschoben, sich nun anschickte, in Slowmotion die angrenzende Wand hinunterzurutschen ... wo Bailey erwartungsvoll noch am Tischtuch hing.

Während wir uns mühten, wenigstens das Geschirr zu retten, verschwand ein Großteil der Butter in seinem Bäuchlein. Danach war ihm reichlich kotzübel, aber er hatte keine Zeit, sich zu übergeben. Mein Gezeter verscheuchte die Meute nun doch und sie raste aus dem Zimmer, anderen Abenteuern entgegen. Und wir räumten das Schlachtfeld und beschlossen nach Beseitigung der Kampfspuren, nun eher doch im Cafe zu frühstücken.

 

 

PYJAMA FÜR ZWEI

 

Bei gelegentlichen Versuchen zu relaxen (oder chillen, wie’s beliebt) auf dem Sofa war schnell heraus, dass ich einen passablen Kletterbaum abgab. Dann turnten sie nach Durchquerung der Kaffeetasse durch den Hausanzug - in dem ich natürlich drinsteckte, sonst wäre die Sache ja nur halb so lustig - über meine Ohren und die Brille, um sich danach an meine Schulter zu kuscheln und selig an meinem Ohrläppchen zu nuckeln. Dann war meine Welt wieder in Ordnung, großmütig verzeihend klaubte ich die unermüdliche Molly vom Schinkenbrot und drehte den Fernseher an in der Hoffnung auf Nachrichten über Leute, die auch so ihre Sorgen haben.

Möglicherweise habe ich versehentlich und unbewusst kleine Leoparden aufgezogen? Wie auch immer, später bevölkerten die lieben Kleinen jedes für sich einen eigenen Haushalt und ihre Lebenslust war nach wie vor ungebremst. Ihre Leute fanden das lustig. Vielleicht auch, weil ich das Rückgaberecht sicherheitshalber aus dem Kaufvertrag gestrichen habe ... Quatsch, DAS ist wirklich erfunden. Bei mir kehrte jedenfalls wieder sagenhafter Friede ein. Hm. Na ja ...

 

 

KRIEG DER STERNCHEN

 

"Normale" Jungtiere begnügen sich damit, zwitschernd wie kleine Vögel imaginären Feinden hinterher zu galoppieren oder kühn Nahkampftechnik zu demonstrieren: Über steifen Beinchen wölbt sich ein drohendes Buckelchen, das Schwänzchen zittert kerzengerade und grimmig blitzt ein Minizahn - verbunden mit steifen Seitwärtssprüngen ist das aber auch wahrlich zum Fürchten! Mit nie enden wollender Unverdrossenheit galoppieren sie beim Zimmer-Wildwest mit Papierkugeln und Stoffmäusen um die Wette und sind so beängstigend aktiv, als hätten sie einen Motor eingebaut. Damit lässt sich freilich leben.

Katzenkinder, heißt es zudem so tröstlich, sollen vom Spielen ermüdet da in ein kurzes Nickerchen fallen, wo sie sich gerade befinden. Das tun sie in der Tat. Sei es im Papierkorb, in einem Blumentopf oder im Bücherschrank. Wäschetruhen sind genauso beliebt wie millimeterbreit geöffnete Schranktüren - obwohl noch niemand ergründen konnte, wie diese Miniaturtiger ins höchste Schubfach gelangen. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass man nach qualvollem Suchen und den entsetzlichsten Vorstellungen eines friedlich schlafend im Küchenschrank in einer Bratpfanne gefunden hat (ha!, das waren nicht meine!). Selbst glatt gestrichene, unberührt wirkende Bettdecken können sonderbar flache, kleine Häufchen Katze zutage fördern.

 

 

EINE SCHRECKLICH NETTE FAMILIE

 

Sind die kleinen Charakterdarsteller einmal alt genug, um ohne abenteuerliche Zuhilfenahme von Stuhl, Papierkorb oder Bücherberg den Schreibtisch zu erklimmen, um dortselbst die Verwüstung mit System fortzusetzen (vielleicht freut es Sie zu hören, dass auch ein Teil dieser Geschichte zu den Opfern zählt?), neigt sich die Waage der Zeit allmählich zugunsten eines neuen Besitzers.

Die richtige Familie zu finden ist nicht leicht, denn welcher Züchter verfügt schon über hilfreiche Röntgenaugen oder andere übersinnliche Kräfte? Ich persönlich pflegte in meinen züchterischen Anfangsjahren derlei tiefsinnige Betrachtungen morgens in der U-Bahn anzustellen, unweigerlich gefolgt von dumpfem Brüten angesichts der stumm leidenden, halbaufgetauten Mitbürger. Dass dabei nichts Rechtes herauskam, versteht sich wohl von selbst.

Ist es dann eines Tages wirklich so weit und ein in Wahrheit absolut völlig fremder Mensch trägt das erworbene kleine Wesen zur Tür hinaus, ist alles vergessen: Die angenagten Korbmöbel, die Breipfoten auf dem Kopfkissen, das flotte Krallenspuren-Streifenmuster an den Beinen und dass sie mir die Haare vom Kopf gefressen haben – in alle den Jahren, denn ich glaube, daran gewöhnt man sich nie, stand ich am Treppenabsatz, sah einem Stückchen meines Lebens nach und eine dicke Träne kullerte hinterdrein.

Adieu Baby, hab's gut!

 

 

 

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