Der Tod und das Mädchen

DER TOD UND DAS MÄDCHEN

 

 

Wir reden nicht gern darüber. Kolportierte Nachrichten, diese oder jene Katze wär‘ gestorben, lösen wohl Betroffenheit aus, je nachdem, ob und wie gut oder nicht wir sie gekannt haben. Aber im Prinzip bleibt die Stimmung eher nüchtern. Hängt das Damoklesschwert aber über unserem eigenen Haus, gerät die Welt schon mal aus den Fugen. Und das ist auch gut so.

 

 

NAH AM WASSER GEBAUT

 

Denn es ist selbst jenseits aller Sentiments schlicht unmoralisch, ein todkrankes oder altes Tier einfach beim Veterinär abzugeben („es bricht mir das Herz, ich kann es nicht sehen“ – ach was, ehrlich??) oder ein verstorbenes in einem Winkel des Gartens zu verbuddeln oder im Tierkrematorium in die Tonne zu schmeißen ... und danach zur Tagesordnung überzugehen. Tja, meint Mensch, der keine Zierde seiner Rasse ist, sie ist tot und merkt es ja eh nicht mehr ... Gibt’s in der Tat und es bleibt nur zu hoffen, dass dem coolen Zeitgenossen am Ende seiner Reise die gleiche Rechnung präsentiert wird. Und wer jetzt meint, man könne Mensch und Tier nicht in einen Topf werfen, der möge sich bitte einem anderen Artikel zuwenden.

Ich gestehe, ich rede auch nicht gern darüber und diese Arbeit zählt nicht wirklich zu meinen Lieblingsthemen – emotional geladen bis zum Kragen und bereit, jederzeit das Schwert zu schwingen, hoffe ich auf Ihr Verständnis, denn meine Senioren reihen sich wie die Orgelpfeifen ...

So fallen freilich die Reaktionen naturgemäß unterschiedlich aus und glücklicherweise ist nicht jeder „cool“. Wir wünschen uns mit Recht für uns alle – Zwei- wie Vierbeiner – ein friedliches, schmerzfreies Ende. Was aber, wenn der Wunsch nicht in Erfüllung geht? Wie entscheiden, wann es Zeit ist, unsere langjährige Gefährtin gehen zu lassen? Eine liebe Freundin hat mir dazu eine Geschichte geschickt:

 

DER TOD UND DAS MÄDCHEN

 

„In den letzten Jahren habe ich mehrere alte Katzen verloren. Leider hat sich mein Wunsch, sie mögen friedlich einschlafen und am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen, bisher noch nicht erfüllt. Hierzu möchte ich eine meiner Erfahrungen aufschreiben. Auch wenn wir gerne den Tod tabuisieren, ist es vielleicht doch hilfreich, darüber zu sprechen und zu hören.

Petra war bis zum Alter von 17 Jahren relativ fit. Obwohl sie schon etwas „durchgetretene“ Füße hatte, kletterte sie als einzige (unter acht jüngeren Katzen) über das zwei Meter hohe, abgesicherte Gehegegitter und sprang auf der anderen Seite herunter, um im Garten einen Spaziergang zu machen. Dann kam die Zeit, als sie nicht mehr springen wollte und lieber mit uns durch die Tür ging. Sie, wie auch später die anderen alten Katzen, liebte es, eine Runde durch den Garten zu drehen, sich zu sonnen. Angst, dass alte Katzen streunen gehen, braucht man wirklich nicht zu haben. Ansonsten war ihr Tagesrhythmus von schlafen, futtern und wieder schlafen bestimmt. Sie entwickelte im Alter eine selbstbewusste Gelassenheit mit Menschen und Katzen. Sogar den neuen Hund hat sie noch im Alter gut verkraftet und akzeptiert. Das ist im übrigen ein Phänomen, das ich bei allen meinen alten Katzen beobachtet habe: Sie entwickeln Charakter und ruhen in sich.

Etwa ein dreiviertel Jahr, bevor sie starb, erlitt sie einen Zusammenbruch, das heißt, sie lag apathisch in einer Ecke und wollte nichts fressen. Da ich der Meinung bin, eine solch alte Katze sollte das Recht haben, in Ruhe zu sterben (natürlich nur, wenn sie keine Schmerzen hat), ließen wir sie einfach schlafen – am nächsten Tag ging es wieder gut. Es war noch nicht so weit gewesen.

Als sie 18 ½ war, gab es dann doch die Anzeichen des kommenden Endes. Sie mochte nicht mehr fressen und schlief fast nur noch. Ihr Körper war dünn und zart geworden, sie fühlte sich leicht wie eine Feder an, war aber ansprechbar und empfänglich für Streicheleinheiten. Als sie sich am dritten Tag mitten auf mein Kopfkissen legte, dachte ich, sie wolle uns zeigen, dass es nun zu Ende ginge – aber am nächsten Morgen hatte sich nichts geändert. Ich bekam nun zwiespältige Gefühle. Sollte ich zusehen, wie sie quasi verhungerte? Oder sollten wir sie einschläfern lassen? Vielleicht kann man erahnen, wie schrecklich dieses Gefühl ist, wenn man eine Entscheidung treffen muss, ohne wirklich zu wissen, wie man es richtig macht?

Ich bin dann doch mit ihr zum Tierarzt gefahren, der ihr die erlösenden Spritzen gab. Aber auch hier schlief sie nicht gleich ein, sondern musste erst noch würgen und brechen und ich war total hilflos und unglücklich. War die Entscheidung doch nicht richtig gewesen? Nun musste diese alte, würdige Katze als letztes Erlebnis eine Autofahrt und ein solches Elendsgefühl erleiden. Ich schwor mir jedenfalls, beim nächsten Mal zumindest den Tierarzt nach Hause kommen zu lassen, damit der Katze wenigstens diese Aufregung erspart bleibt.

Erst neun Jahre später musste ich mich wieder mit dem kommenden Ende einer Katze auseinandersetzen. Es handelte sich um Arminia, die 16 war, als sie einen Schlaganfall erlitt. Sie hatte sich etwa ein Jahr vorher zurückgezogen und wollte mit den anderen Katzen nicht mehr viel zu tun haben. Sie schlief viel in ihrem eigenen Körbchen, bekam ihr eigenes Futter und bewegte sich nur noch in ihrem kleinen Bereich. Der Schlaganfall äußerte sich so, dass sie eines Tag taumelte und nicht mehr springen konnte. Das war allerdings noch durch den Tierarzt behandelbar und sie bekam etwa 14 Tage lang diverse Spritzen und Medikamente. Aber dann kam der Moment, als sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Ich rief unsere Tierärztin an, die ihr zu Hause sehr behutsam die einschläfernde Spritze gab. Ich war in diesem Fall beruhigt, denn ich hatte das Gefühl, Arminia hatte nichts davon gemerkt. Sie lag in ihrem Körbchen und schlief einfach ein.

Ich finde auf jeden Fall, dass man es seiner sterbenden Katze schuldig ist, sie zu begleiten und um sie zu trauern. Sie hat uns so viele Jahre ihre Zuneigung gegeben, dass wir uns nicht vor dieser traurigen Pflicht davonstehlen dürfen, weil wir meinen, es nicht ertragen zu können. Es tut sehr weh, aber nur so kann man einen Verlust auch überwinden.“

 

 

GIB DEM FRIEDEN EINE CHANCE

 

Sich einer sehr alten Katze wirklich zu widmen ist bestimmt manchmal leichter gesagt als getan, denn sie ist in der Tat üblicherweise relativ selten präsent und es entsteht zudem der (mitunter berechtigte) Eindruck, sie würde außer schlafen gar nichts mehr tun. Hat sie ein Lieblingsplätzchen, ist sie in der Regel auch dort zu finden, aber gelegentlich kommt gemäßigte Wanderlust auf und gröbere Suchaktionen halten die Familie auf Trab. Kontakt ist jedoch enorm wichtig! Um aber in ihre stille Zurückgezogenheit nicht einzubrechen wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, müssen wir selbst zur Ruhe kommen – soll heißen, dass wir sogar in nur kurzen Momenten, in denen wir sie ansprechen oder streicheln, den Alltag abstreifen müssen, um unserem Schätzchen die konzentrierte Zuneigung auch wirklich vermitteln zu können. In der Hektik unserer Zeit eine bisweilen unlösbare Aufgabe, weshalb sie ab und an „aufgeschoben“ wird ... bis es manchmal zu spät ist.

Ein in Tränen aufgelöster Mensch, dessen Hände so zittern, dass er kaum seine Katze halten kann (Sie werden gebraucht, also reißen Sie sich gefälligst zusammen und überlassen das nicht der Sprechstundenhilfe!!), wenn er der Spritze ansichtig wird, mag als recht lausiger Begleiter erscheinen - dennoch wird die Welle der Zuneigung die kleine Seele noch erreichen. Und allein das zählt.

Es zerreißt einem wirklich das Herz, aber glauben Sie mir: Letztendlich ist es ein Trost, die kleine Gefährtin wirklich bis zuletzt begleitet zu haben. Ich war ein einziges Mal nicht dabei und schäme mich heute noch dafür, obwohl es schon fast 20 Jahre her ist ...

 

 

 

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