Siebenschläfer

SIEBENSCHLÄFER

 

WARUM SCHLAFEN KATZEN SO VIEL?

 

 

Beobachten Sie auch manchmal mit neidvollem Seufzen Ihre Katze, die eingeringelt und in seliger Entspannung in Morpheus‘ Armen ruht, und fragen sich, wovon in aller Welt sie bloß so müde sein kann?

 

 

TIMETABLE

 

Spätestens dann, wenn uns das alltägliche Vollzeitprogramm wieder mal zum Halse heraushängt, weil sich die Bügelwäsche bis in den Himmel stapelt, der Staubwedel ruft, die Fenster geputzt, das Auto gewaschen oder was auch immer dringend erledigt werden sollte, würden wir gerne mal mit unserer Katze tauschen. Scheint doch ihr Leben offenkundig nur aus Spielen, Essen und vor allem Schlafen zu bestehen, das wäre hin und wieder wirklich wünschenswert. Berufstätigen fällt das an den Wochenenden oder Feiertagen natürlich ganz besonders auf und können dann auch schon mal etwas enttäuscht reagieren, wenn sie mit ihrer feliden Schlafmütze konfrontiert werden, die wenig Verständnis für ihre nun vergleichsweise reichlich zur Verfügung stehende Freizeit aufbringt – während sie sich wochentags in der Regel dem Lebensrhythmus ihrer Dosenöffner anpasst. Oder dem ihres Lieblingsmenschen, wie die Mieze des kleinen Mädchens, das die Frage, was an ihrer Katze sie so besonders liebe, mit deren kameradschaftlichem Verhalten beantwortete: Sie würde sie schon an der Tür erwarten, wenn sie von der Schule nach Hause komme, während der Schulaufgaben dösend neben ihr ausharren und danach oft bis zum Schlafengehen mit ihr spielen.

Die Nickerchen einer Katze folgen tatsächlich ebenso wie die Wachphasen einem bestimmten Ritual, die normalerweise von den häuslichen Gewohnheiten ihrer Mitbewohner geprägt werden. Wozu sollte sie auch den ganzen Tag im Haus herumtigern, wenn das wahre Leben erst abends mit unserer Heimkehr beginnt? Der fließende Wechsel zwischen aktivem Miteinander und reinem Anwesenheitsdienst wird nur dann erforderlich, wenn ständig jemand zu Hause ist. Aber auch dann – selbstverständlich – gibt es feste Ruhezeiten, die stets eingehalten und nur durch starke Reize zeitweilig verschoben werden.

 

 

TECHNIK IST ALLES

 

Wie auch immer der felide Terminplan ausschaut, Fakt bleibt, dass Katzen wirklich einen Großteil ihres Lebens verschlafen, in etwa zwei Drittel, um es einzugrenzen – und damit schlafen sie doppelt so viel wie der Mensch - also sechzehn Stunden von den 24 eines Tages. Weshalb zum Beispiel eine neun Jahre alte Katze nur drei davon wach gewesen ist – und in den Folgejahren noch zulegen wird, weil Senioren generell noch häufiger bzw. längere Ruhephasen einlegen.

Das liegt nun nicht daran, dass Katzen ständig mit Übermüdung kämpfen, sondern an ihrem grundlegend anderen Schlafverhalten. Während wir uns so an die sieben, acht Stunden am Stück der nächtlichen Erholung hingeben und meist nur alters- oder krankheitsbedingt ein Schläfchen zwischendurch einlegen, gehören Nickerchen in mehr oder minder regelmäßiger zeitlicher Abfolge bei den meisten (anderen) Säugetieren zum normalen Programm.

Ganz besonders bei solch extrem hochentwickelten Raubtieren wie den Katzen, geprägt durch ihre ausgefeilte Jagdtechnik. Während Fleischfresser mehrheitlich sehr viel Zeit aufwenden müssen, um ihre Beute zu suchen und dann auch zu erwischen, hat Mieze ihre Beutegründe penibel kartografiert. Sie streift zwar genauso durchs Gelände auf der Suche nach Neuem, zu Kontrollzwecken und ebenso weil sie neugierig ist, aber eilig hat sie es dabei nicht, denn sie weiß genau, wo in ihrem Revier die Mäuse husten. Dann sitzt sie da und wartet, schleicht sich an, tötet und frisst. Und diese überaus erfolgreiche Strategie lässt ihr viel Zeit zur Entspannung. Katzen haben den Stress in der Tat wirklich nicht erfunden ...

Freilich gibt es Unterschiede hinsichtlich Kraftaufwand und Jagdtechnik, wenn zum Beispiel eine große Raubkatze einer Beute hinterher sprinten muss, die auf längere Strecken schneller ist als sie. An der Häufigkeit der Schlafphasen ändert sich indessen nichts, es sei denn, die Mieze ist Mutter und die Zeiten sind schlecht.

 

 

TIMING-WELTMEISTER

 

Sorgen, die unsere Sofamonster sicherlich nicht belasten. Und wieso schlafen sie dann trotzdem so viel? Na ja, was würden Sie denn tun bar jeglicher Hausarbeit oder sonstiger Pflichten, ohne Zeitung, Bücher, Fernsehen, Computer, Handy? Ein bisschen zum Fenster rausgucken um zu sehen, was es Neues gibt. Eine Runde durchs Haus, ob auch noch wirklich alles an seinem Platz steht und keiner klammheimlich etwas weggetragen hat. Alle naselang ein Häppchen futtern und nach gebotener Frist verdaut im Streu vergraben. Zwischendurch vielleicht mal eine Fellmaus malträtieren, Krallen schärfen an der Sofaecke (so lange Frauchen nicht zuschaut), den Vorhang neu drapieren. Oder Herrchens Jogger von den Schnürsenkeln befreien, die Palme umgraben. Was halt so ansteht den lieben, langen Tag ... Grundgütiger, und dann ist noch nicht mal Mittag! Verständlich, dass nach jeder Action ein Nickerchen eingelegt wird, oder?

Kehren wir „zum Ernst des Lebens“ zurück – ob aus Notwendigkeit zum Lebensunterhalt oder zum Zeitvertreib, womit immer Katzen sich beschäftigen (müssen), dazwischen wird geruht. Es ist Teil ihrer Natur, denn wenn sie etwas partout nicht leiden können, dann ist es Kraftverschwendung. Und das macht sie zu perfekten Meistern richtigen Timings.

 

 

SCHLAF, KINDCHEN SCHLAF

 

Übrigens gibt es kein Tier, das so leicht in Schlaf fallen kann wie eine Katze. Buchstäblich sogar. Die meisten Züchter kennen das von ihren Kitten, die mitten im Spiel ganz plötzlich ein wenig schwanken als hätten sie zu tief ins Glas geschaut, ehe sie in sich zusammensacken oder schlicht umfallen und schlafen, egal wo sie sich gerade befinden und ungeachtet allem, was sich rundherum so abspielt. In den ersten vier Wochen ihres jungen Lebens verschlafen sie die Hälfte des Tages, also insgesamt zwölf Stunden, und erst danach ändert sich das Schlafverhalten rasant und gleicht sich dem der Erwachsenen an. Während dieses ersten Monats gibt es bei den Kleinen auch nur eine Schlafvariante, nämlich den Tiefschlaf. Darum kann man sie auch einfach pflücken und bequemer platzieren ... während das kleine Häufchen in unserer Hand hängt wie ein nasser Lappen und von alledem nichts mitbekommt.

 

FORSCHUNGSPROJEKT SCHLAFMÜTZE

 

Danach wird’s deutlich diffiziler und der Katzenschlaf variiert zwischen kurzen Nickerchen, längerem, leichten Schlaf und Tiefschlaf. Die Neurophysiologie ihres Schlafverhaltens konnte insofern ziemlich genau analysiert werden, als Katzen in der Tat beliebte Untersuchungsobjekte in der Schlafforschung sind – und sich, erlaube ich mir kühn hinzuzufügen, bestimmt auch gerne dafür zur Verfügung stellen ... Schlafend nützlich sein, auch nicht schlecht ... Wissenschaftlich formuliert ist Schlaf ein Zustand verminderter Aktivität, der durch relative Unempfindlichkeit gegenüber Außenreizen sowie durch vollständige Bewegungsruhe gekennzeichnet ist.

Unterschiedlicher Ausprägung versteht sich, doch zu Beginn steht immer das Nickerchen, ein Dösen, das in leichten Schlaf übergeht. In diesem Stadium liegt Mieze für gewöhnlich erst auf dem Bauch, macht Müffchen und hält den Kopf leicht gesenkt. Danach bekommt sie etwas Schlagseite und der Körper bildet einen lockeren Halbkreis, der Kopf ruht meist entweder auf den Vorderpfoten oder diese werden untergeschlagen und die Nasenspitze berührt die Hinterbeine. Diese Phase dauert zwischen zehn bis 30 Minuten, wobei nur ihre Nacken- und Rückenmuskulatur erschlafft, das Unterbewusstsein aber in „Bereitschaft“ bleibt und sie daher durch den geringsten äußeren Einfluss ganz leicht geweckt werden kann.

Wird die Katze nicht gestört, setzt sodann der maximal sechs bis sieben Minuten dauernde Tiefschlaf ein, auch als REM (= rapid eye movement) bekannt. Deutliche Kennzeichen sind eine veränderte Körperhaltung, sie ringelt sich fester ein, das Gesicht oft von den Pfoten verdeckt. Entspannung pur, selbst die intuitiven Wachposten erlauben sich Nachlässigkeit – sind allerdings im Bruchteil einer Sekunde von Null auf Hundert, falls es erforderlich wird. Und Mieze träumt, auch wenn das wissenschaftlich noch nicht komplett untermauert ist. Denn darauf hinweisend und charakteristisch für diese Phase sind einzelne, kurze Perioden schneller Augenbewegungen, die sowohl bei geschlossenen als auch bei halbgeöffneten Augenlidern erfolgen. Außerdem treten einzelne, unkontrollierte Muskelkontraktionen auf, das heißt - bei stets ruhigem Körper - zucken die Pfoten (gelegentlich bis zur Schulter, so dass es Mieze richtig zu schütteln scheint), die Ohren, die Schwanzspitze, die Schnurrhaarkissen und auch die Lippen, wobei sie bisweilen sogar schmatzende Geräusche erzeugen. Und Katzen sprechen im Schlaf, knurren, grummeln, murmeln ... Ganz klar, sie sind komplett weggetreten und da braucht es schon extreme Reize, um sie wach zu kriegen. Trotzdem bleibt, wie schon erwähnt, das „innere Holzauge“ bis zu einem gewissen Grad immer wachsam.

Nach dieser ja nur wenige Minuten dauernden Zeitspanne kehrt Mieze für die nächste halbe Stunde jedoch wieder zum leichten Schlaf zurück, wechselt neuerlich zum Tiefschlaf und so geht es weiter, bis sie erwacht. Die so gemütlich wirkende Rückenlage macht übrigens oft den Übergang zwischen leicht zu tief und umgekehrt deutlich, während der REM-Phase liegen Katzen eher selten auf dem Rücken.

 

 

SCHLAFLOS

 

Wird eine Katze während der Schlafphasen – insbesondere während des Tiefschlafes – immer wieder gestört, geht es ihr nicht viel anders als uns. Sie wird reizbar, unleidlich und nervös, kann sogar rapide abmagern und in krassen Fällen mit Erbrechen und Durchfall reagieren. Zu diesen unverkennbaren Stresssymptomen gesellt sich zumeist ein struppiges, trockenes, oft brüchiges Fellkleid und sie schmeißt die Haare manchmal gleich büschelweise weg. Bei unseren Zimmertigern kommt es allerdings eher selten so weit, weil sie wahre Meister im Abtauchen sind, wenn derlei zu befürchten ist bzw. wenn sie in einem generell unruhigen Haushalt leben. Falls Ihre Mieze daher immer wieder mal im Wäscheschrank hinter den nie benutzten Pullovern nistet oder grundsätzlich eher unauffindbar denn sichtbar bleibt, sollten Sie sich doch mal was dabei denken ...

 

MEIN BETT – DEIN BETT

 

Fixe Schlafplätze sind ein wesentlicher Bestandteil des Reviers jeder Katze, egal ob unterm Fliederbusch oder auf dem Sofa. Die Wahl des Platzes wird durch das Schutz- und Wärmebedürfnis bestimmt, das heißt, je sicherer sie sich fühlt, desto weniger wird sie sich verkriechen. Eine Freigängerin schläft niemals mitten auf der Wiese wie auf einem Präsentierteller, es sei denn, das Gras ist so hoch und dicht, dass auch kein Räuber aus der Luft sie ausmachen kann. Und selbst dann wird logischerweise maximal gedöst.

Auch das geliebte Plätzchen auf dem Fensterbrett wird zumeist nur für Nickerchen benutzt und außerdem mit der Sonnenbewegung verändert, sodass der leichte Abfall der Körpertemperatur während des Schlafes kompensiert werden kann. Weshalb eine Solomieze bei ungemütlichen Raumtemperaturen gelegentlich unter die Bettdecke kriecht oder Clans Schlafgemeinschaften bilden, wobei sich in der Regel immer die gleichen zusammenfinden. Trotzdem ist es bei Gruppenhaltung ungemein wichtig, dass jede Katze ihren eigenen Schlafplatz hat, wohin sie sich zurückziehen kann, wenn sie ungestört sein möchte. Er wird als Tabuzone von den anderen respektiert.

Nur bei besonders beliebten Plätzchen wird gern Timesharing praktiziert und es kommt ein ziemlich genauer Terminplan zum Einsatz – Mimi nach dem Frühstück, Otto am Nachmittag und so fort. Bei einer größeren Schar wird manchmal sogar stundenweise gewechselt und der Vorgänger je nach Verhältnis zueinander mehr oder minder nachdrücklich zur Seite gedrängt (einfach drauflegen hat sich auch gut bewährt), falls er seine Frist überschreitet. Kitten und Jungtiere genießen zwar normalerweise eine Art Narrenfreiheit und dürfen sich dazuquetschen, müssen aber auch schon mal mit kurzen, terminfreien Zeiten dazwischen vorlieb nehmen, weil so viel Tuchfühlung nicht Jederkatz‘ toleriert. Besonders Senioren wünschen ihre Rechte häufig unangetastet zu genießen. Bleibt das Kätzchen im Haus (oder kam als Neuerwerb dazu), wird es eben so lange „pendeln“, bis es – auch in der Rangordnung – seinen eigenen festen Platz gefunden hat. Und fortan ungestört schlafen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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