Siamesen

ELEGANZ IN VOLLENDUNG

 

SIAMESEN

 

 

Thailands exotische Schätze haben die ganze Welt fasziniert. Siamesen zählen zu den (oder sind die) ältesten bekannten Katzen und ihr Einfluss auf die Rassekatzenwelt ist unübersehbar – denn mit ihren Points gelten sie als Urahnen einer epochalen Spielart, der die Colourpoint aller Rassen ihr unverwechselbares Outfit verdanken und auch bei anderen Kreationen mitgemischt haben. Freilich macht nicht nur das die Siamesen zu den faszinierendsten Katzen schlechthin, sondern auch ihre edle Eleganz – und ihr bewundernswertes Wesen ...

 

 

 

CHARAKTER – FERNÖSTLICH ZAUBERHAFT

 

Das haben natürlich auch ihre engeren Verwandten drauf, die feenhaften Balinesen oder die Seychelloise (Siamesen mit Weißscheckung) z.B., ebenso ihre Vorläufergeneration, heute Thai genannt, die einfärbigen Orientalen in Kurz- und Langhaar ... Egal in welchem Outfit die Katze sich präsentiert, den einzigartigen Charakter haben sie alle. Keine kann mit solcher Hingabe lieben und leben wie sie, da gibt es keine Halbherzigkeiten, sondern nur volle Power. In jeder Hinsicht.

Sie schätzen Artgenossen überaus, pflegen Freundschaften mit Hunden und sonstigem Getier (angeblich mögen sie auch Hamster und andere Nager, ich würde freilich nicht drauf schwören, ob nicht bloß „zum Fressen gern“ ... immerhin angeln sie auch begeistert im Aquarium, was aufgrund der fachlichen Überqualifikation der Fischerin den Insassen selten gut bekommt), sind unermüdliche Spielgefährten für (nette) Kinder - und beten ihre Menschen schlichtweg an, verschenken ihr übervolles Herz, weil nichts den Kontakt und das Bedürfnis nach menschlicher Nähe ersetzen kann. Es ist so ausgeprägt, dass sie uns auf Schritt und Tritt begleiten, sich um unseren Hals legen wie ein Schal und herumtragen lassen (stundenlang, wenn’s der Hals aushält), uns mit der Pfote Aufmerksamkeit heischend anstippen, hingebungsvoll Haare und Gesicht waschen, Nase und Kinn beknabbern ... was sie mit Intelligenz und Körperkraft (unterschätzen Sie niemals orientalische Muskeln!) nicht schaffen, erobern sie mit Charme.

Und Stimmwunder sind sie auch. Alles wird kommentiert, erklärt, erzählt – die Sprache dieser Rasse verfügt über eine wahre Sintflut von Ausdrucksmöglichkeiten, vom fiepsenden „Mi“ über‘s knarrende „Wä“, das wie eine ungeölte Türangel klingt, bis zum unüberhörbaren „Rrrau“, wenn etwas aus dem Ruder läuft.

Ich schätze, liebe und bewundere sie seit dem Moment, an dem man sie mir im Jahre Schnee als Steward-Anfänger reihenweise überließ, weil andere sie nicht tragen mochten. Sie würden hampeln und beißen ... Hallo? Selten so zärtliche Schnurrer im Arm gehabt. Nun, das Naturell sollte freilich mit jenem ihres Besitzers harmonieren, doch wem es manchmal zu üppig kommt, der kann es tatsächlich mit Erziehung versuchen. Denn der größte Wunsch dieser lebhaften Intelligenzbestien ist, uns zu gefallen, und das lässt sie enorm schnell begreifen, was wir wann weniger goutieren. Und dann herrscht tatsächlich Ruhe im Karton und sie gewähren uns nicht nur den gewünschten Freiraum, sondern halten tatsächlich auch die Klappe. Sagenhaft.

Nur Alleinsein (Siam solo grenzt an Tierquälerei, bitte zumindest einen Partner – ganz wichtig: von gleichem Temperament, sonst wird’s frustig!) würde diese hinreißenden Persönlichkeiten mit dem Löwenherzen ebenso verkümmern lassen wie zu wenig Beachtung oder Entzug der körperlichen Nähe - eine unverzeihliche Verschwendung!

 

 

PFLEGE ... PFLEGE ??

 

Siamkatzen haben zwar Unterwolle, aber nur sehr, sehr wenig, und das macht die Pflege denkbar einfach. Eine streichelweiche Bürste finden sie toll, bringt aber nichts außer Genuss – immerhin. Ein sehr feingezähnter Kamm, unbedingt mit gerundeten Spitzen, oder eine Gumminoppenbürste entfernt (ganzjährig) abgestorbenes, loses Haar (fühlt sich auch härter an und kriecht übrigens gern in Kleidung und Polstermöbel, also weg damit – aber bitte moderat, Sie wollen aus dem schicken Schätzchen ja keine Nacktkatze machen). Hinterher kann Rehleder Glanz ins Pelzchen bringen und entfernt Staub oder altersbedingte Schuppen. Mit feuchten Händen kräftig abstreifen tut’s auch, wenn es nur darum geht, dass sie beim Putzen keine losen Haare verschlucken soll.

 

FARBEN & AUSSEHEN – ELEGANZ IN

VOLLENDUNG

 

Ein langer, schlanker Körper, Muskeln wie ein durchtrainierter Athlet, doch so dezent verpackt, dass die Katze immer graziös und elegant wirkt – aber niemals dünn; die Schultern nicht breiter als das Becken; die Länge des Rückens muss die Länge der Beine überschreiten, welche ebenfalls lang und schlank (aber nie dünn und schwach bemuskelt) sein sollten; der Schwanz kann sozusagen nie lang genug sein.

Der Kopf gilt gern als heißes Thema, aber – die Nase ist immer lang, die Ohren sind immer groß, die Augen sind niemals rund und immer blau. Die Attraktivität des Kopfes wird (zusammen mit den Ohren) durch die Dreiecksform bestimmt, das ideale Profil zeigt einen leicht konvexen Oberkopf und eine gerade Nasenlinie. Wichtig ist, dass der Kopf Substanz hat, also weder zu klein noch zu schmal (wie zusammengedrückt) ist. Ideal platzierte (stets zugespitzte) Ohren verlängern den Keil (andernfalls stört’s die Dreiecksform), das erfordert sowohl Breite dazwischen als auch Breite an der Basis; weshalb, sozusagen aus Platzmangel, die äußere Ohrenlinie auf Höhe des inneren Augenwinkelns herunterrutschen kann (je nach Standard). Kann man im Profil eine senkrechte Linie von der Nasenspitze zur Kinnspitze ziehen, ist das Kinn korrekt. Die mittelgroßen, leicht schräg stehenden, geschlitzten Augen (so tiefblau wie nur möglich), dürfen nie tief liegen und niemals engstehend sein. Insgesamt gesehen also keinesfalls ein sogenannter offener Ausdruck, nichts mit lieblich und freundlich wie das Wesen, sondern ein köstlicher „ich bin wie ich bin und damit basta“-Blick ...

Das Fell ist sehr kurz, fein, glänzend, eng und glatt anliegend (aufstehendes Fell kann auf Stress oder Krankheit hindeuten) und fühlt sich überraschend fest an (rau, hart, zu seidig oder zu weich wäre ein Fehler). Der FIFe-Standard ist übrigens so lang wie mein Arm, das hier entspricht einer übersetzten Kurzfassung ...

Der Kleiderschrank umfasst seal/blue, chocolate/lilac, red/creme, cinnamon/fawn, alle diese Farben in Verbindung mit Tabby sowie in den sich daraus ergebenden Schildpatt-Varietäten – und natürlich ausschließlich auf die Points bezogen = Maske im Gesicht, gefärbte Ohren, Beine und Schwanz. Die Körperfarbe ist immer hell und variiert mit der Farbe der Points. Einzige Ausnahme ist die reinweiße Siam, die früher Foreign White genannt wurde, aber genetisch trotzdem eine Point-Katze ist und daher auch blaue Augen hat (grüne haben nur Orientalen).

Und natürlich wurde auch hier allerlei versucht und es gibt eine große Anzahl von Experimentalfarben (zumeist nicht anerkannt), häufig mit Silber.

 

 

GESCHICHTE – DIE LEGENDE LEBT

 

Soweit rekonstruierbar wird allgemein das alte Königreich Siam (Thailand) als Heimat der Siamkatzen angenommen und ein Buch, der Ayudhya-Periode (1350-1767) zugeordnet, liefert dafür den Beweis. Das Manuskript ist in der Staatsbibliothek von Bangkok zu sehen und beschreibt siebzehn verschieden aussehende Katzen in Gedicht und mit Abbildung. Deren Farben haben zwar unter dem Zahn der Zeit sehr gelitten, aber zu den am besten erhalten gebliebenen gehört neben einer blaugrauen Katze, auf die wir die Korat zurückführen, und einer kupferfarbenen als Ahnfrau der Burmesen eine, die recht präzise eine Siam sealpoint zeigt: schwarze Füße, Schwanz und Ohren und ein dunkles Gesicht. Der Text selbst verwischt letzte Zweifel und spricht von „roten Augen“, was auf eine blaue Augenfarbe hinweist, weil diese das Licht reflektiert, wenn ein Lichtstrahl auf die weit geöffnete Pupille trifft.

Dereinst frei geboren wie alle unsere heutigen Rassekatzen, soll es in bestimmten Regionen richtige Siam-Kolonien gegeben haben und der König, darauf aufmerksam gemacht, ließ etliche kommen, zeigte sich entzückt und beanspruchte das Exklusivrecht. Klar. Kennen Sie das Musical „The King and I”? – genau der soll’s gewesen sein. Jedenfalls waren sie fortan in den Palästen zu Hause, wurden gehegt und gepflegt und bezahlten das hohe Ansehen mit einem geregelten Liebesleben. Oder nahmen als hochnobles Präsent des obersten Herrschers an die Priesterkaste als „heilige Katzen“ an religiösen Zeremonien teil. Bewiesen ist das nicht (klingt auch verdächtig nach der Mär über die Heiligen Birma), aber da Siamkätzchen weiß geboren werden und Weiß in der buddhistischen Religion die Farbe der Reinheit symbolisiert, zumindest denkbar. Mal abgesehen davon, dass der Klerus eigentlich immer und überall seine Finger im Spiel hat/te. Eine weitere (ziemlich gruselige) Legende besagt: Stirbt ein Mitglied der königlichen Familie, wird dem Leichnam als Gefäß für seine Seele eine lebende Katze mit ins Grab gegeben. Schlüpft die Katze dann durch eines der Löcher in der Grabplatte wieder ins Freie, hat sie den von allem Irdischen gereinigten Geist des Verstorbenen in sich aufgenommen, der in ihr weiter lebt.

In England blieb ihr derlei erspart, Storys gab’s trotzdem: Da etliche der ersten Importkatzen schielten und das auch vererbten, dachte man, das gehöre dazu. Und erfand flugs eine nette Erklärung, wonach sich der felide Blick beim Bewachen der königlichen Schatzkammern derart aufs Geschmeide fixierte, dass er stehen blieb ... Die Geschichte vom Knoten wiederum besagt, dass die Thaiprinzessinnen den Katzen ihre zahlreichen Ringe über den Schwanz gestreift haben sollen, bevor sie ins Bad stiegen, und machten einen Knoten in die Spitze, damit die Pretiosen nicht verloren gingen. Hört sich schauerlich an, Gott sei Dank auch total unlogisch – wie sollte die Lady die Dinger wieder runterkriegen? Einem anderen, genauso wenig plausiblen Märchen zufolge hat sich die Katze den Knopf selbst zugefügt, um etwas Wichtiges nicht zu vergessen. Und weil das nichts nützte, gab sie den Knoten an ihre Nachfahren weiter. Ja nun, jetzt ist aber Schluss und wir wenden uns den Tatsachen zu.

In Großbritannien sind wir ja schon, und um die „Tradition“ des bis heute nicht endenden Polarisierens zu verdeutlichen: Die aller erste Siamkatze wurde 1871 in London ausgestellt und als „unnatürlich und alptraumähnliches“ Geschöpf bezeichnet. Die eigentliche Geschichte beginnt indes 1884 mit einem Pärchen im Gepäck des britischen Generalkonsuls Owen Gould, ein huldvolles Abschiedsgeschenk von König Rama V. Mr. Gould, mäßig dankbar, übergab daheim „Pho“ und „Mia“ seiner Schwester Lillian Velvey, die sich alsbald über Nachwuchs freuen durfte. Die Kleinen, registriert als Nr. 1a und 2a, segneten zwar früh das Zeitliche, wurden aber zuvor auf der 17. Crystal Palace Show in London dem verblüfften Publikum präsentiert – und prompt mit einer silbernen Teekanne für Best in Show ausgezeichnet. Bei immerhin 480 teilnehmenden Katzen.

Nun, entweder fühlte sich der König von Siam durch die abendländische Begeisterung oder die angereisten britischen Ladys so geschmeichelt, jedenfalls landete in den Folgejahren mehrere großzügige Gaben auf den britischen Inseln. Die exotischen Schönheiten waren eine Sensation und selbstverständlich blieben auch diesmal die Gegner nicht aus, aber es half alles nichts, sie wurden vom Boom einfach überrollt.

1892 wurde ein vorläufiger Punktestandard für ihre „Exzellenz, die Königliche Katze von Siam“ publiziert und Katzenpapst Harrison Weir schwärmte von der „Gestalt, der stolzen Haltung und den tigerähnlichen Bewegungen“, die einer „großen, wilden Buschkatze“ (?) glichen. 1902 gab’s den ersten verbindlichen Standard mit für unsere Begriffe etwas kurioser Wortwahl: „ ... es ist dies eine etwas seltsam und verblüffend aussehende Katze von mittlerer Größe. Wenn sie nicht allzu schwer ist, vermittelt sie einen geschmeidigen Eindruck. Im Typ ist diese Katze in jeder Beziehung das absolute Gegenteil der idealen Kurzhaarkatze, aber durch den Farbkontrast ein schönes Tier, das oft einen Knick im Schwanz aufweist und auch schielende Augen hat.“ Hört, hört. Die ersten Siamesen waren alle seal, die Points wurden dunkel-seehundbraun gewünscht, der Körper so hell und gleichmäßig wie möglich, bevorzugt creme, aber auch rehbraun war zugelassen. In den späten 1920er Jahren wurde der Standard korrigiert und auf ausschließlich blauäugige Katzen beschränkt ... Es gab nämlich neben den blauäugigen Royal Siamese auch noch eine einfärbige Variante mit gelben Augen. Aber das ist eine andere Geschichte ...

Und andere königliche Günstlinge (oder Hintertürchen) gab es auch. Aus Hongkong ist der 1885 dort geborene „Wankee“ bekannt. Er gehörte einer Mrs. Robinson, zusammen mit „Ah Choo“, der später als Modell für die Medaille des Katzenclubs gewählt wurde. Auch Amerika ging nicht leer aus: 1879 segelte eine kleine, zarte Siamesin als Geschenk für den damaligen amerikanischen Präsident Rutherford Hayes übers Meer und ein „amerikanischer Freund“ brachte sein royales Präsent 1890 in die USA, wo seit Anfang des 20. Jahrhunderts Siamesen gezüchtet werden und sich bis heute großer Popularität erfreuen.

Womit wir quasi in der Moderne gelandet wären, aber noch kurz in England bleiben müssen, um neben Angela Sayer (Solitaire) die wahrscheinlich wichtigste Pionierin hervorzuheben: Patricia Turner (Scintilla, 1961-1992). Sie gilt als Schöpferin der weißen Siamesen (Foreign White), „erfand“ Anfang der 1970er das Caramel, experimentierte mit Rot und Tortie und hatte auch noch Zeit, die ersten Tabbys zu kreieren. Als Züchterin, Richterin und hervorragende Genetikerin machte sie sich nicht nur um die Orientalenfamilie verdient und wurde fast bis ins neue Jahrtausend nie müde, für korrekte Zuchtplanung einzutreten.

Bis in jene Zeit waren auch „unsere“ Siamesen relativ große, wesentlich massivere Katzen als heute und wurden daher später gelegentlich respektlos als „Pferde“ bezeichnet. Unterschiede in der Entwicklung im Laufe der Jahrzehnte sind bis zu einem gewissen Grad bei allen Rassen zu beobachten. Bei manchen davon sind sie recht gravierend, dazu gehört auch die Familie der Orientalkatzen, was natürlich zu heftigen Kontroversen zwischen den Anhängern führen musste. Auch der Rückgang des Interesses in den 1990ern wird den Verfechtern des extremen Typs angelastet, weil sie sich über den Geschmack der Käufer hinwegsetzten, die alles jenseits des geliebten „Apfelköpfchens“ ablehnen. Ein Umstand, der durch die Teilung der Züchterlager in Siam-Züchter und Thai-Züchter im Prinzip salomonisch aus der Welt geschafft wäre. Und der Vorwurf, durch die extrem schmalen Köpfe sei kein Platz mehr für die Augen und würde das Schielen verursachen, widerspricht sich selbst – siehe vor!, da waren die Köpfe alles andere als schmal. Im Zusammenhang mit meinen Recherchen ist mir ein recht bezeichnender Satz haften geblieben: Läge es an der Kopfform, müssten auch die Fische schielen ... Das hinkt zwar beträchtlich, hört sich aber gut an.

Im Prinzip ist es eine Frage der Sympathie, was uns am meisten anspricht. Der Boom ist sicher vorbei, aber der Tiefpunkt wohl auch, denn seit etlichen Jahren ist in Europa eine mehr als erfreuliche Renaissance zu beobachten. Nicht zuletzt dank integrer Züchter, denen es erfolgreich gelungen ist, Robustheit und schlanke Schönheit zu vereinen. Und beraten lassen muss man sich immer. Sie kaufen ja schließlich auch keine rassige Kutsche, ohne ihr unter die Haube zu schauen und wissen sehr gut, was Sie von Schnäppchen zu halten haben. Oder?

 

 

Zum Vergleich ein kleiner Blick auf die Siam einst & heute und ein noch kleinerer (keine andere Rasse hat eine derart riesige Familie) auf die Verwandtschaft (nur die in Pointed):

 

„Klassische“ Siam heute: Thai; Mitte: Siam (NL) aus 1978 und USA 1996

 

Die zwei jüngsten Kinder: Seychelloise & Peterbald, und ein „altes“: Balinesin

 

Fotos: Cermak, Kneifel, Obergfell, privat

 

 

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