Rette sich, wer kann

RETTE SICH, WER KANN

 

 

HAUTNAH ERLEBTES – ZUM LACHEN UND WUNDERN

 

 

Nicht nur wer eine Reise tut, kann was erleben. Katzenzüchter beispielsweise müssen sich dazu meist gar nicht vom Fleck bewegen. Sie - und zweifellos auch Käufer respektive „nur“ Liebhaber - geben nämlich eine ideale Zielgruppe für skurrile Begebenheiten. Inmitten des Gefechts stehen wir indes der bisweilen oft schon etwas schwerverdaulichen Komik der Situation nicht immer mit der entsprechenden Aufgeschlossenheit gegenüber. Ja, auch lustig Ding braucht Weile, bis es als solches erkannt wird. Wie die kleinen Episoden zeigen, herausgegriffen aus einem schier unerschöpflichen Reservoir – dem viele Kollegen möglicherweise noch allerlei Kurioses hinzufügen können, oder?

 

 

VON FABELWESEN UND GRENZGÄNGERN

 

Märchenprinzen beglücken uns zwar gelegentlich in Gestalt eines Tieres – siehe Froschkönig, oder etwas zeitgemäßer: Beauty and the Beast – aber für Katzen scheinen sie nichts übrig zu haben (nein, der Gestiefelte Kater ist nicht edlen Geblüts). Wie sonst ist erklärbar, dass sich nach zwanzig Jahren Zucht nicht mal das kleinste Prinzchen auf meiner Schwelle einfand? Mit einer (deutlich weniger brauchbaren) Prinzessin allerdings kann ich dienen ...

Vor Jahren beehrte nach privatsekretärlicher Voranmeldung ein parfumschwerer, orientalisch angehauchter Paradiesvogel mit royalem Gepränge mein Heim. Die überreife Sirene mit einem offenkundigen Faible für potente Finanzverhältnisse – in Gestalt dreier recht humorlos wirkender Herren im schwarzen Versace („Der Pate“ mutierte dagegen zum Heimatfilm) – bettete nach vier liftlosen Stockwerken ihr klug platziertes Silikon ermattet auf mein Sofa. Worauf ihr in der Sekunde Labung mittels Rauchware auf goldener Zigarettenspitze gereicht wurde und die Lady, schweigsam wie ein Wanderprediger, in den zehn folgenden Minuten ihr ganzes, trostlos-gramgebeugtes Leben vor mir ausbreitete: Werde sie doch von ständigen Reisen zwischen dem Palast in Dubai (oder irgendwo in dieser Gegend) und ihren diversen Imperien, deren globale Örtlichkeiten mein Gedächtnis sofort verweigerte, ruhelos hin und her gebeutelt. Und lechze daher nach seelischem Beistand in Gestalt einer kleinen Katze als ständige Begleiterin. Die finsteren Schwarzbebrillten, nicht eben wie Kofferträger aussehend, wirkten auch unverkennbar dafür nicht ausreichend streichelweich. Erwartungsgemäß war unmissverständlich von einem absolut makellosen Tierchen die Rede, Madame eigne nur extraordinäres ...

Meine darob unschwer unterdrückte Erleichterung – so was hab‘ ich nicht – ignorierend, beliebte daher zu meiner mehr als gelinden Überraschung ihr Auge wohlgefällig auf einem kleinen (satte sechs Wochen jungen) „langhaarigen Briten“ zu ruhen! Da der Alptraum nicht und nicht enden wollte beeilte ich mich, das präsumtive Opfer als nicht reisefertig weil zu jung und überdies bereits verkauft zu erklären. Alternativbesetzung gab es (Gott sei Dank) keine und der Griff zur Sattes verheißenden Brieftasche zeitigte zur allgemeinen Verblüffung nicht die erwartete Wirkung. Worauf die Befindlichkeit sachte in Richtung bodenlos rutschte und die Beklagenswerte eilig gen heimischen Glamour entwich, nicht ohne mir vorher deutlich vernehmbar die Gunst zu entziehen. Was ich tief bewegt zur Kenntnis nahm.

Dass reichlich Bares durchaus nicht alle Bedenken hinwegfegt, erfuhr auch ein Pärchen der anderen Art: Sie hielten den Mammon schon gezückt in Augenhöhe, als ich die Tür öffnete. Das unbeschreibliche Outfit und den über mich hereinbrechenden Körpergeruch tapfer missachtend gewährte ich dennoch höflich Einlass. Die künftige Katzenbesitzerin erfreute sich immerhin des Nutzungsrechtes über ein Gartenhäuschen hölzerner Bauart in der Größe von geschätzten 30m2 (plus Dachgeschoss!) samt freier Fläche rundherum, geziert von einigen eisern ums Überleben kämpfenden Grasbüscheln und etlichem nicht näher definierbarem Gerümpel – wie ich einem arglos und wie eine verehrte Devotionalie präsentierten, reichlich abgewetzten und seltsam klebrigen Foto entnehmen durfte. Der Begleiter schien sich mit der Lufthoheit über seinen Stammtisch zu begnügen. Nette Leute, ganz gewiss! Dummerweise befand sich der zaunlose Landsitz in Grußkontakt-Nähe eingeklemmt zwischen zwei Autobahnen und die Geschichte endete zu meinem maßlosen Bedauern nachvollziehbar.

Nun, das sind zwei Extreme – dazwischen bewegen sich jene Katzenliebhaber, von denen wir hoffen, dass sie an unsere Pforte klopfen ... Ausgenommen davon vielleicht Mr. und Mrs. Sparefroh, ähnlich beliebt wie sommerliche Killermoskitos. Deren Sinn nach rassigem Getier mit den berühmten „kleinen Fehlern“ trachtet – die fraglos nicht zu sehen sein dürfen, aber den Kaufpreis rund um den Nullpunkt ansiedeln. Genaugenommen sollten wir ja froh sein, dass uns derlei Schrott überhaupt jemand abnimmt und womöglich aus Dankbarkeit noch einen Kratzbaum dazu spendieren ... Eine interessante Perspektive in Richtung Kaufpreis hatte auch der Vertreter einer Futtermittelfirma anzubieten, wollte er die Edle doch mittels Naturalien begleichen. Der sichtlich überrumpelte Züchter ließ sich dann, wohl aufgrund des offenkundig wirklich netten Restes der vorstelligen Familie, mit 50:50 abspeisen. Und sah sich wenige Tage später telefonisch mit der Rückgabe samt gebrochener Pfote seines Youngsters konfrontiert: Dieser wahrhaft echte Tierfreund hatte nächtens das auf dem Fensterbrett sitzende Kätzchen ausgesperrt und wollte „das blöde Vieh“ (Zitat Ende) nun nicht mehr behalten, weil es unfähig war zu begreifen, dass ja jeden Morgen die Fenster wieder geöffnet würden. Es hätte doch bloß abzuwarten brauchen, statt runterzufallen und Ärger zu verursachen ...

 

 

GEWINNENDE DRAMATIK

 

Andersrum gibt’s jedoch auch Bemerkenswertes. Dass man in Tierhandlungen Rassekatzen mit Abstammungspapieren erwerben kann, die z.B. dem Europäer-ähnlichen Winzling eindeutig siamesische Perser-Vorfahren (!) bescheinigen, ist ja mittlerweile hinlänglich bekannt. Aber auch sogenannte richtige Züchter geben sich durchaus aufgeschlossen. Da hatte eine betagte Dame Erbauliches für eine wirklich nette schwarz/weiße Hauskatze hingeblättert in der Annahme, künftig einen Kartäuser zu beherbergen wie er echter nicht sein kann. Oder: Mittels kollegialer Hilfestellung wurde einem gar nicht einmal so unerfahrenen Züchter ein erwachsener Kater mit Herzfehler, Knickschwanz und Hüftdysplasie für eine ziemlich runde Summe gnädig zur Vervielfältigung überlassen.

Die Verfallszeiten in der Zucht können überhaupt atemberaubend kurz ausfallen. Neueinsteiger, der Tatsache gewärtig, dass Deckkater selten im gleichen Haus logieren und überdies Saftiges für den Freudensprung abzulegen ist, planen daher sinnig gleich ein Pärchen. Und laden gelegentlich zur eigenen Parodie, als bedürfe es einer solchen. Unbehelligt von Wissen jeder Art wurde also der Paarlauf saisonübergreifender Frühlingsgefühle erst ruchbar, als die grade mal acht Monate zählende Jung-Mutter mit sieben Kindern der ungeahnten Triebe niederkam! Der Zuchtausschuss zeigte kostenintensives Verständnis, das sich allerdings beim bereits elf Wochen später folgenden Ergebnis der nächsten Do-it-yourself-Nummer auf unfein teuer beschränkte. Die Züchter, das Haus mit Kätzchen voll bis zum Kragen und unfähig, die triebhaften Erzeuger wenigstens zeitweise getrennt und nicht nur die Gebühren in Grenzen zu halten, läuteten mit löblicher Einsicht immerhin die Auszeit ein.

Manche Züchter wiederum rechtfertigen diesen Status durch ganz besondere Kreativität: Einen Gratis-Start hinlegen sollte eine aus dem Tierheim gerettete edle Kurzhaarige nicht wirklich bestimmbarer Rasse. Weil doch so was von schön, wie das gesamte Umfeld (inklusive Putzfrau und Postbote) richtig erkannte. Nun stand aber des glücklichen Besitzers Begehr nach Sheba-Kindern – fast logisch, oder? – und wie’s der Zufall so will, hatte die aufgeklärte Nachbarin einen schwarzen Kartäuser (!) ... Nun, die Beziehung endete rüde mit gerichtssaalreifen Injurien, denn diese niedere Bazille resultierte sehr wohl Tantiemen aus der amikalen Verbindung. Obwohl die vier niedlichen Tigerchen (logisch) vom Blau so weit entfernt waren wie unsereins von der Seligsprechung. Und zu allem Übel wollte der kontaktierte (danach, hätte aber vorher auch nichts genutzt), urplötzlich doch im Telefonbuch stehende Club nicht einmal Stammbäume herausrücken. Tja, die zur Wahrheit wandern, wandern meist allein ...

Telefonische Verzweiflungsschreie nach Deckkatern für nicht nur (mit-hörbar) stimmlich überaktive Mädels unbekannter Herkunft gehören seit jeher beinahe zum täglichen Brot einer Club-Service-Line. Dass der edle Womanizer allein eine Gemahlin mit ebensolcher Abstammung beglücken dürfe, sorgte für mancherlei Unverständnis – immerhin wolle man ja zwecks Verbesserung (wovon?) ans Werk. Die bei ungebrochenem Zuchtwunsch in Aussicht gestellte Alternative nach einer entsprechend adeligen Kätzin rekrutierte selten Sympathie (hochnäsiges Volk, diese Züchter) und gipfelte in so manchem Verbalfoul. Wo die Herrschaften dann landen, bleibt meist verborgen – aber nicht immer: Für eine kühne Summe fand sich ein Katerbesitzer, der es mit der herrschenden Gesetzmäßigkeit wenig genau nahm. Indes, der Plaisiersüchtigen schienen beim Anblick der glorreichen Manneskraft schier die Sinne zu schwinden – sie fiel einfach um. Und die Beglückung fiel aus, denn selbst waghalsige Versuche zirkusreif-akrobatischer Natur brachten die Dame nicht in die rechte Position. Jegliche Nachhilfe wurde markerschütternd unwirtlich abgewürgt. Der Neo-Züchter, ebenso um seine Weltkarriere via Zuchtkatze wie auch um die nicht wieder herausgerückten Mäuse gebracht, wurde in seiner Verbitterung wieder beim Club vorstellig - und transpiriert mangels gebotenem Verständnis seither wohl über den Ungerechtigkeiten dieser Welt.

 

TAGE DER ERWECKUNG

 

Selbst das Herz auf dem rechten Fleck bewahrt nicht vor Pointengewalt: Etwa in Gestalt der mit verdrießlicher Sehschwäche geschlagenen Oma, die sich verzweifelt besorgt abmühte, ihrer namhaften Fremdgängerin eine Zecke aus dem Bauch zu drehen und weil erfolglos, schließlich doch den Tierarzt konsultierte – der den vermeintlichen Untermieter als Zitze entlarvte ... Dem Herzinfarkt ins düstere Antlitz blickte eine besonders Gefühlvolle, deren Jungtier offenkundig von epileptischen Anfällen heimgesucht wurde – derweil das Kind bar jeglichen Leidens lediglich das Flugvolk draußen vor dem Fenster ankeckerte ...

Etwas komplizierter gestaltete sich die Geschichte mit Kater Lancelot, der jedes Mal nach Erledigung seiner festen Geschäfte dieselben mit gekonntem Pfotenschlag wie weiland ein Golf-Weltmeister auf den Wohnzimmerteppich katapultierte. Vom Nebenzimmer aus! Erst nach zwei endlosen Stunden telefonischer Seelsorge trat Erhellendes zutage: Kaum zeigte der Strahlemann Anzeichen in Richtung Toilette zu schwenken, bezog die Sauberfrau schon mit dem Schäufelchen bewaffnet Position zur ungesäumten Entsorgung der Hinterlassenschaft. Worauf sich in der wahrhaften Intelligenzbestie manifestierte: Frauchen will das da nicht haben. Der inneren Not gehorchend und ohne sichtlichem Ausweg frequentierte er also seinen Pinkelpalast, um danach mit devoter Eile wieder für makellose Verhältnisse zu sorgen. Beim nächsten Mal „eingefangen“ und wieder ins Streu platziert behob das Problem mit sofortiger Wirkung und ungetrübte Harmonie hielt wieder Einzug.

Perserkatze Jenny wiederum, vier Jahre lang ohne Grund zur Beschwerde und wohl daher von mäßiger Gesprächigkeit, hatte mit Frauchen wochenlange Schreiduelle auszufechten, bis das zerfranste Nervenkostüm zum Tierarzt drängte. Der die Ausuferung forsch als rassebedingt erklärte, mit der man sich halt abzufinden habe – und die kriminell vereiterten Zähne mit studiertem Weitblick schlicht übersah ... Aber Tierärzte sind ein ganz eigenes Kapitel ...

 

 

 

 

©   KatzenJournal, all rights reserved

Site Originated 08.09.2012