Der blinde Patriarch

 

 

DER BLINDE PATRIARCH

 

Als Don sein Augenlicht verlor, steuerte er rüstig und im Vollbesitz seiner Kräfte auf sein sechzehntes Lebensjahr zu. Es ging schnell, nicht von einem Tag auf den anderen, aber innerhalb weniger Wochen war er zunächst auf dem linken, kurz darauf auch auf dem rechten Auge blind. Der Doc zerstörte unsere Hoffnung auf ein Wunder, was hier freilich nichts zur Sache tut, denn letztendlich ging es darum, wie Don und seine Familie mit dieser Situation zurecht gekommen sind. Dies ist seine Geschichte.

 

 

HERR DER GEZEITEN

 

Seit Don nach dem Tod seiner ersten Gefährtin deren Herrschaft über unser kleines Rudel übernahm, übte er (wie sie) seine Amtsgewalt nur sehr sachte aus, denn Gwen, eine der Älteren, fungierte wie vorher auch sozusagen als „graue Eminenz“ und kümmerte sich um den täglichen Kleinkram. Viel zu tun hatte sie nie, die „Basis-Gruppe“ war gut aufeinander eingespielt, aber seit wir nicht mehr züchten und alle Katzen kastriert sind, gibt es auch keine „personellen“ Veränderungen mehr. Es ist ruhiger geworden und es scheint, als wären die Katzen noch näher zusammengerückt.

Wie sehr, fiel eigentlich erst auf, als sich Don als neuer Regent herauskristallisierte – ziemlich unüblich, in der Regel hatte ein Mädchen das Sagen. Offensichtlich indes ein einstimmiges Wahlergebnis, das er nicht ablehnen konnte, denn er hatte es Zeit seines Lebens unverkennbar als angenehmer empfunden, nichts beaufsichtigen zu müssen. Und genauso eindeutig ging ihm schlicht alles auf den Keks, das irgendwie nach „Arbeit“ aussah – Kinder hüten zum Beispiel, oder sich sonstwie an der Erziehung oder was auch immer beteiligen (wie hin und wieder die anderen Kater). Das war Frauensache, wie im Grunde alles andere auch ...

Als Deckkater den Damen zwar ungemein ergeben (und stets sehr höflich), empfand er deren Avancen nach dem Verlust seiner Kronjuwelen zwar als degoutant, ließ sich aber sehr wohl herab, seine Lieblingsfrau zu beglücken. War sie mit einem Mal nicht zufrieden (wie auch?), verzog er sich angewidert ins Unendliche, wohl um sie nicht abweisen zu müssen, denn herzlich zugetan war er ihr nach wie vor. Er mischte sich niemals ein, stand selbst im Vollbesitz seiner Manneskraft anderen ebensolchen Katern mit freundlicher Toleranz gegenüber (markierte auch nie), und zog sich stets schon vor dem Herannahen des winzigsten möglichen Gewitterwölkens zurück.

Don bevorzugte ein friedliches Leben als Pascha, und hätte er nicht auf Ausstellungen mit geschätzten dreitausend Füßen gerudert, um sich der (dadurch unmöglich gewordenen) Präsentation zu entziehen, hätte man ein völlig falsches Bild von ihm bekommen. Weil hinter dem nur vordergründigen Desinteresse ein starker, immens intelligenter Charakter mit einer schnellen Auffassungsgabe stand, ein Kater, mit dem man tatsächlich reden konnte und der beachtlich viel davon verstand. Aber er war auch ein Dickkopf, und wenn ihm etwas so gar nicht in den Kram passte (wie Ausstellungen), dann konnte er stur sein wie ein Maulesel, wollte mit dem Kopf durch die Wand – und schaffte es auch. Gefaucht, geknurrt oder gekratzt hat er trotzdem so gut wie nie.

Und nun das! Wie würde ein so kompromissloses Tier mit einer derartigen Behinderung zurechtkommen?

 

 

WEHRET DEN ANFÄNGEN

 

Abgesehen von den äußeren Anzeichen war unverkennbar, dass „etwas“ nicht stimmt, denn Don war gereizt, fauchte seine Untergebenen an (uns nicht!), mied jegliche Nähe und zog sich auf die höchste Etage des Kratzbaumes zurück. Kletterte eine Katze hinauf und lugte über den Rand seiner Hängematte, wie um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, blaffte er sie an. Der Clan war merkbar irritiert und es hatte den Anschein, als würden im Garten Beratungen abgehalten, denn mehrmals konnten wir sie in kleinen Grüppchen beisammen sitzen sehen, was sonst kaum vorkam. Sie gingen zwar öfter mal gemeinsam auf die Jagd oder belauerten im Duett eins der Vogelhäuschen, kuschelten sich einträchtig beim Schlafen aneinander oder fanden sich zusammen, um einer Nachbarkatze zu verklickern, dass sie sich in besetztem Territorium bewegte – aber solche Konferenzen? Nein.

Glücklicherweise war der “Spuk“ mithilfe medizinischer Unterstützung nach knapp zwei Tagen vorbei, der im Grunde ja nur anzeigte, dass der arme Don offenbar Schmerzen litt. Nach diesen zwei Tagen war auch erkennbar, dass er auf dem einen Auge seine Sehkraft eingebüßt hatte. Ob vollkommen oder nur zum Teil war nicht ganz heraus, aber wir mochten ihn auch nicht mit Untersuchungen plagen – er hasste Tierärzte. Obwohl er keinen Tag seines Lebens krank war und eigentlich keine schlechten Erfahrungen gemacht haben konnte, nicht einmal bei der Kastration. Dass er diese womöglich übel genommen hätte, war gleichfalls unwahrscheinlich angesichts der Tatsache, dass er bei jedem simplen Impftermin (trotz perfekter ärztlicher Technik) bereits vorher in lange, lautstarke Klagearien ausbrach – um die Impfung selbst mit völligem Gleichmut hinzunehmen. Er hasste auch Tragekörbe, egal welche, sie schränkten seine ihm von Gott gegebene Bewegungsfreiheit ein und das ließ er uns büßen, indem er zum Steinerweichen jodelte ... Trotzdem konferierten wir natürlich via Telefon mit dem Doktor und übten uns daraufhin im Abwarten und Beobachten.

 

UND ER BEWEGT SICH DOCH

 

Nach diesen zwei Tagen kam nicht nur Dons Freundlichkeit, sondern auch seine bisherige Agilität wieder zurück, wenngleich er etwas langsamer unterwegs war und manchmal mit leichten Pendelbewegungen des Kopfes das Sehfeld auslotete, um den Blick zu fokussieren. Aber er hielt wieder Hof, wuselte in Begleitung seiner Schleppenträger im Garten herum, erklomm seinen Lieblingsbaum, wobei sein Hinterteil wie bisher maximal zwei Handbreit über dem Gras hing – höher wäre vermutlich wieder in die Kategorie Arbeit gefallen, für ihn war‘s wohl dennoch der Kilimandscharo ...

Und er nahm seine vernachlässigte Pflicht als Ernährungsminister wieder auf, die einzige Funktion, für die er sich seit Anbeginn als allein verantwortlich erklärte. Das heißt er quälte uns ständig mit der Forderung um Nachschub, nunmehr gewürzt mit dem dringlichen Hinweis darauf, was für ein armer Kater er doch sei und es mehr als angebracht wäre, ihn nach Strich und Faden zu verwöhnen. Er plagte uns nicht vergebens, logisch ... Zumal wir froh und erleichtert waren, dass das Drama doch einigermaßen glimpflich ausgegangen war. Und als er anfing, sich gegen das Übermaß an Zuwendung zu wehren – er liebte das natürlich, aber allzu viel Geknutsche ging ihm auf die Nerven, er zog eine gepflegte Unterhaltung vor – atmeten wir auf und dachten, nun wäre er wieder der Alte.

Eine krasse Fehleinschätzung, wie sich herausstellen sollte.

 

 

DRAMA, NÄCHSTER AKT

 

Zwischen dem Verlust des Augenlichts auf einer Seite und dem auf dem anderen Auge lag vermutlich nicht viel mehr als etwa eine Woche, vielleicht auch etwas länger, das ist schwer zu sagen, weil es diesmal ohne jegliche Wesensveränderung abging und er ganz eindeutig keinerlei Schmerzen litt. Diese kurze Zeitspanne reichte ihm jedenfalls, sich anzupassen und mit der Behinderung klar zu kommen. Sie reichte auch uns, halbwegs zumindest, uns daran zu gewöhnen, dass Don alles nun etwas gemäßigter anging. Abgesehen davon war er – ja, so fröhlich wie sonst auch, genauso neugierig und genauso hungrig ... Und genauso faul. Auch die anderen Katzen hatten sich wieder eingekriegt, der Alltag hatte uns wieder.

Weil tagsüber zu Hause, rannte ich ihm natürlich trotzdem ständig hinterher, um ihn zu beobachten und zu kontrollieren, ob es ihm auch gut ginge. Als Mensch braucht man vermutlich länger, sich mit einer solchen Situation abzufinden, und der Beschützerinstinkt erlahmt ja auch nie. Das erste Mal, als mir eine Veränderung auffiel, war spät abends. Draußen fiel der erste Schnee und ich entschied mich für ein Lesestündchen im kuscheligen Bett, eine meiner auch bei den Katzen sehr beliebten Freizeitgestaltung, denn sie pflegten mich einzurahmen wie ein Gemälde. Don, stets der Erste, wartete schon, um sich eine Kuhle zwischen meinen Füßen zu graben. Ein wenig später stand er auf, streckte sich ausgiebig – und wäre am Bettrand beinahe ins Leere gestiegen. Schließlich legte er sich auf den Bauch, machte die Vorderbeine lang und schob den Oberkörper hinterher, wie es Katzen vor dem Absprung aus größerer Höhe eigen ist, und glitt auf den Boden. Ich sprach ihn an, er wandte mir den Kopf zu: Beide Pupillen waren groß und offen, im Licht der Lampe indes kein Unterschied zwischen dem sehenden und dem blinden Auge zu bemerken. Ich war beunruhigt, aber nicht übermäßig, dachte okay, bei Kunstlicht ist das nicht ungewöhnlich, zumal sich Don verhielt wie sonst auch – er strebte in die Küche zum Futterplatz, ich konnte ihn schmatzen hören. Danach kam er zurück, hüpfte aufs Bett und ringelte sich wieder ein.

 

 

DER TAG. AN DEM ALLES ANDERS WURDE

 

Am nächsten Morgen begleitete er mich, wie an jedem Tag nach dem Aufstehen, zur gemeinsamen Runde ums Haus. Während ich die frische Morgenluft genoss, inspizierte er derweil vermutlich, ob während der Nacht irgend etwas Unbotmäßiges vorgefallen sein könnte, das seines Einschreitens (besser: Delegierens) bedürfe. Danach gibt’s Frühstück, und normalerweise stand er schon vor mir an der Tür und mahnte mich zur Eile. Diesmal nicht und mein Vorhaben, die Reaktion seiner „gesunden“ Pupille bei Tageslicht zu überprüfen, führte zu einer niederschmetternden Erkenntnis: Beide Pupillen waren geöffnet bis zum Anschlag, der Blick aus beiden „durchsichtig“ und vollkommen leer – und wie zur Bestätigung verfehlte er die Treppe zum Haus um eine Handbreit und landete in den Rhododendren. Mir wurde erst mal so übel, dass ich mich auf die verschneiten Stufen setzen musste. Dann heulte ich los. Don hob den Kopf, orientierte sich wohl an meinem Schluchzen, fand so den richtigen Weg und schmiegte sich an meine Beine. Das gab mir den Rest, ich trug ihn ins Haus, fütterte die Katzen, rang um Beherrschung – und überhäufte danach Gott und die Welt mit haltlosen Beschuldigungen ...

Trotz der matten Versuche, uns gegenseitig zu beschwichtigen, bekamen wir die Bilder eines künftig nur mehr teilnahmslos herumliegenden Katers, der bloß noch auf sein Ende wartet, nicht aus dem Kopf. Was jetzt?

 

 

EINZELGÄNGER KATZE?

 

Don schien es besser zu verkraften als wir. Derweil wir uns die Köpfe zermarterten, was wir falsch gemacht haben könnten oder wieso wir trotz ständiger Beobachtung nicht schon früher etwas bemerkten, begann er sich in seinem neuen Leben einzurichten. Und zwar niemals allein! Mit wachsendem Staunen erlebten wir einen völligen Wandel des Verhaltens aller Katzen zueinander.

Katzen sind von Natur aus Einzelgänger, Individuen, die wir Menschen zur Gemeinschaft zwingen und die sich, weil über die Maßen anpassungsfähig, arrangieren. Mehr oder weniger jedenfalls. So lautete zumindest die wissenschaftliche Definition, die freilich neuerdings einer kleineren, stetig wachsenden „Überholung“ unterzogen wurde. Was uns schon während des Züchtens (und zweifellos anderen Züchtern ebenso) aufgrund der wechselnden Schar aufgefallen war, an Verhaltensforschern aber lange vorbeiging, ist, dass Katzen sehr wohl eine Art Rudelverhalten an den Tag legen, wenngleich mit dem des Hundes nicht direkt vergleichbar. Sie bleiben Einzelindividuen, ordnen sich auch nur oberflächlich unter und verlieren sich dabei niemals selbst. Das heißt, die Hierarchie ist eine andere. Ohne nun hier ins Detail zu gehen, was fraglos den Rahmen sprengen würde, entwickeln Katzen innerhalb einer (zumindest überwiegend harmonierenden) Gruppe ein überraschend starkes Sozialverhalten. Einen Zusammenhalt, ein Mitgefühl und ein sich Kümmern und Sorgen um ein Gruppenmitglied, von dem wir uns alle wahrscheinlich ein Scheibchen abschneiden könnten.

 

 

DER PATRIARCH NIMMT SEIN LEBEN IN DIE PFOTE

 

So machte zum Beispiel keine der Katzen auch nur die geringsten Anstalten, Don seine Herrschaft streitig zu machen, wie es in freier Natur oder bei Herdentieren schon allein aus Gründen des Überlebens der Sippe unumgänglich wäre. Im Gegenteil, er wurde noch mehr gewaschen, umschmeichelt und hofiert als je zuvor. Und Don war nicht im mindesten gewillt, sich aufs Altenteil zurückzuziehen, er trabte tapfer durchs Haus, um sein Revier aus der neuen Perspektive heraus zurückzuerobern. So unermüdlich, dass es für uns fast unmöglich war, ihn ständig zu begleiten. Was auch gar nicht nötig war ...

Sein Hofstaat hatte nämlich eine Art Bereitschaftsdienst eingerichtet, anders lässt sich das nicht bezeichnen, denn er machte fortan keinen Schritt ohne rechts und links eine (stets wechselnde) Katze an seiner Seite, die die Richtung vorgab und ihn offenbar dahin lotste, wohin er wollte. Anfangs. Denn je besser er sich zurechtfand, desto eher liefen bloß eine oder zwei kätzische Bodyguards hinter ihm her, um darauf zu achten, dass er nicht im Nirwana landete oder nicht mehr weiter wusste. Oder eine hielt sich zumindest in seiner Nähe auf, um notfalls eingreifen zu können. Sie dirigierten ihn zu den Katzenkistchen (den Futterplatz fand er bezeichnenderweise alleine), zeigten ihm, an welchen Stellen er am leichtesten aufs Bett und wieder runter käme (das Bett war ein elementarer Bestandteil seines Wohlbefindens). Derweil wir uns bemühten, reglos und wie aufgebahrt zu schlafen, um ihn nicht zu irritieren, begann er neue Rechte einzufordern und wünschte nicht mehr am Fußende zu logieren wie vordem, sondern z. B. auf einem unserer Kopfkissen, in meiner Armbeuge, auf Brusthöhe zwischen uns oder auf meinen Beinen. Letzteres hat er sich glücklicherweise bald wieder abgewöhnt. Niemand kann mit einem Krampf in beiden Beinen schlafen ..

Schließlich geleiteten wir ihn die Treppe hoch ins Obergeschoß und ließen ihn die Räume inspizieren, meist in treulicher Begleitung der Dienst habenden Katze. Da Don vor allem „mein“ Kater war, schätzte er gleichwohl die Begleitung, dennoch schien es ihm mit der Zeit zu genügen, einfach nur meine Stimme zu hören. Er hatte Zwiegespräche immer geliebt, nun aber half es ihm sich zu orientieren: Er rief, und ich antwortete. Zwei Minuten später stand er bei mir im Zimmer und meldete frohgemut seine Rückkehr.

 

 

DIE EROBERUNG DES KRATZBAUMS

 

Don schätzte es seit jeher ungemein, aus luftiger Höhe milde auf uns Erdlinge herabzublicken und schien auch jetzt nicht darauf verzichten zu wollen. Ergo war er schneller oben, als wir einatmen konnten. Seine Höflinge hatten ihm zwar den Weg gezeigt, nur beim Runterkommen versagten ihre Weisungsmanöver, denn Don war gewohnt zu springen. Nach dem mörderischen Plumps, den er dabei verursachte, sollte man wohl eher sagen: er ließ sich fallen. Das wagte er nun Gott sei Dank nicht mehr, also stand er auf der höchsten Etage – und war sichtlich verzweifelt. Endlich wurden auch wir wieder gebraucht, aber stur, wie er nun mal war, reagierte er nur auf meine Hilfestellung – die ihm allerdings nicht gefiel. Aber da er, kaum (vermittels Leiter!) hinunter gehoben, schon wieder hinauf strebte, musste er es lernen. Die Angst und das Risiko, er könnte stürzen und sich verletzen, waren einfach zu groß.

Das Training sah vor (genauso, wie wir es auch den Kitten beigebracht hatten), sich mit den Vorderpfoten festzukrallen, das Hinterteil fast im freien Fall über den Rand der Liegefläche zu schwingen, auch die Hinterbeine im Sisalstamm zu verankern und sich danach „abzuseilen“. Zeigen Sie das mal einem ausgewachsenen Brummer, der höllische Angst hat ... Ein Kraftakt an Mut, es dauerte also ein bisschen, aber wir gaben beide nicht nach, und im Verlauf des Schulung entwickelte er eine eigene Methode. Der Umbau des Bücherbordes und das Schaffen einer Plattform fast auf halber Höhe, wo er sich abstützen konnte, erleichterte ihm den Lernvorgang enorm, und bald hatte er heraus, dass er von dieser Plattform gefahrlos runterspringen konnte.

Da er nie einen anderen Kratzbaum als den in meinem Arbeitszimmer benutzt hatte, mussten wir uns für die anderen keine Kletterhilfen überlegen, er zeigte nach wie vor kein Interesse daran.

 

 

SELBST IST DER KATER

 

Während der Wintermonate hatte Don so viel gelernt, dass er sich im ganzen Haus beinahe genauso bewegen konnte wie früher, nur bedächtiger und vorsichtiger eben, kein schneller Schritt und keine Achterschleifen mehr. Besonders flott unterwegs war er mit Ausnahme seiner „fünf Minuten“ (nur im Garten) schon seit Jahren nicht mehr, er hatte es nicht mit der Eile. Natürlich wich er immer wieder mal von der Ziellinie ab, vor allem wenn rundherum etwas Betrieb herrschte, der ihn ablenkte und die Konzentration minderte.

Er mochte im Laufe der Zeit auch keiner Katze mehr hinterherlaufen, sondern sich seinen eigenen Weg suchen – nur mit mir ging er gern „bei Fuß“. Hindernissen rechtzeitig auszuweichen war jedenfalls bald kein Thema mehr, auch wenn eines anderswo stand als üblich. Das heißt wir mussten nicht jedes Mal penibel einen Sessel wieder gerade rücken und durften uns etwas Nachlässigkeit erlauben. Allmählich war er häufiger allein unterwegs, der Bereitschaftsdienst hatte sich gelockert, blieb aber nichtsdestotrotz aktiv und folgte einem streng festgelegten Dienstplan. Daran erkennbar, dass auf sein Rufen häufig eine Katze angetrabt kam, die vorher tief und fest zu schlafen schien, während eine andere in seiner Nähe saß und kein Ohr rührte. Wünschte er nämlich Gesellschaft, Hilfe oder was auch immer, rief er – natürlich ließen zunächst auch wir alles fallen und eilten zur Rettung herbei. Zur verbalen Rettung, wohlgemerkt, wir trugen ihn nie von A nach B, denn auch wir hatten von unseren Katzen gelernt, nämlich dass ihm das nicht helfen würde, sondern nur abhängig machen. Der Dickschädel musste – und wollte! - alleine zurechtkommen.

Eindeutig hatten sich in dieser Zeit sowohl sein Gehör als auch sein Geruchsvermögen stärker aktiviert, um die fehlende Sehkraft so gut wie möglich auszugleichen. Ganz besonders das Gehör. Saß er früher ganz gern mal auf den Ohren, was freilich nichts mit seiner Hörfähigkeit zu tun hatte, teilte er seine Welt nun nach Geräuschen ein und an seinem Verhalten war leicht abzulesen, dass er nun auch die Mäuse husten hören konnte. Mussten anfangs auf den Boden geworfene Leckerchen punktgenau neben ihm landen, war das Orten auch weiter weg nun ein Kinderspiel, und sogar das fast unhörbare Plopp eines fallenden Stückchens Butter konnte er problemlos ausmachen. Interessant war, dass keine der Katzen ihm ein Leckerchen streitig machte, auch wenn er mitunter eine Weile danach suchen musste. Im Gegenteil – er schob mit seiner Nase frech den gebeugten Kopf des Untertanen weg und schnappte sich das Bröckchen selbst!

Gespielt hat er übrigens seit seiner Jugendzeit nie mehr, Fellmaus & Co fand er sterbenslangweilig. Aber ich dachte, mit einem dermaßen auf Hochleistung getrimmten Gehör könnte eine blinde Katze nach etwas Training durchaus unsere Geschicklichkeit auf eine neue Probe stellen ...

 

 

DER ROTE FADEN

 

In der ersten Zeit stand der Lernbereitschaft sein Eigensinn ein wenig im Weg, er wollte wie immer mit dem Kopf durch die Wand und ignorierte Hilfestellungen (unsererseits) jeder Art relativ häufig. Stand er unschlüssig vor einem Sofa oder Sessel, schoben wir mit den Händen in seinen Armbeugen den Oberkörper Richtung Rand der Sitzfläche, damit er die Vorderbeine einhaken und die Höhe abschätzen konnte. Die ersten beiden Male wehrte er sich, erkannte aber rasch den Nutzen und seither konnte er‘s alleine. Nicht immer war ihm nach Lernen zumute, wir loteten also seine Reaktion aus - Ruhe war der Schlüssel. Nicht im Sinne von Stille, sondern von geduldigem Warten. Das hört sich leichter an als es ist, weil das „neue“ Hörvermögen jegliche unterschwellige Emotion mehr als bisher mitbekommt, von Duftstoffen mal abgesehen. Wir haben oft bis zehn gezählt und tief durchgeatmet, bevor wir etwas sagten. Ein (für uns gar nicht mal so) aufgeregtes oder mehrfaches „Falsch“, wenn er in die verkehrte Richtung strebte, konnte ihn vollkommen aus der Kontenance bringen, und als ihm ein unbedarfter Besuchertropf auf die Zehen stieg, geriet er dermaßen in Panik, dass ich ihn hochnehmen und wegtragen musste.

Sparsame Hinweise, ein einzelnes Wort, ruhig und leise bzw. mit normaler Lautstärke, danach zusehen, wie er’s umsetzt, lediglich unterstützt durch Lob bei „richtiger“ Reaktion, hat’s am meisten gebracht! Ständiges „Ja, Nein, Falsch, Richtig“ hat ihn bloß irritiert. So aber merkte er sich die Bedeutung der Worte und ließ sich gut sachte dirigieren.

Denn wir ließen ihm natürlich jegliche Freiheit, auch wenn Besuch kam (weil er ja neugierig war) – allerdings wurden die Gäste angewiesen, gefälligst ihren Freudentaumel über das Wiedersehen etwas zu dämpfen und nicht herumzuhopsen. Ebenso nicht einfach auf ihn loszusteuern, ihn vor dem Streicheln (stets beginnend am Kopf) nur aus nächster Nähe anzusprechen und ihm die Hand zum Beschnuppern hinzustrecken. Nach einer solchen Kontaktaufnahme störte es ihn nicht mehr, wenn die Fremden dann durchs Haus liefen oder sich im Gästezimmer einnisteten. Auch Besucherhunde haben sich insofern als unkompliziert erwiesen, als quirlige an die Leine mussten, wenn sie auf Sitz oder Platz nicht reagierten. Ging der Doggy auf Don nicht zu, sondern wartete, bis er seine Witterung aufgenommen hatte (wobei es je nach Hund durchaus zu einem „Nasenkuss“ kommen kann), durfte dieser sich frei im Haus bewegen – lediglich mein Arbeitszimmer, generell für alle Katzen als Rückzugsmöglichkeit gedacht, war Sperrzone für alle Hausfremden. Nervöse Dauerkläffer haben wir freilich nicht mehr eingeladen.

 

 

BEWEGLICHE ZIELE

 

War der Garten zunächst kein Thema, weil der Schnee zu hoch war und Don nicht durch die Katzenklappe fand – zu welcher ihm seine Untertanen interessanterweise den Weg nicht gezeigt hatten –, kam mit dem Frühling und den „Tagen der offenen Haustür“ ein neues Problem auf uns zu. Da musste eine Lösung her, zumal wir ihm den Genuss des Garten keinesfalls verwehren wollten. Während wir noch grübelten, hatte Don unterdessen sehr wohl den Weg zur Katzenklappe gefunden und auch, wie er raus konnte. Aber er fand nicht mehr zurück ...

Spät nachts (eigentlich früh) noch bei der Arbeit, versuchte ich mein eingerostetes Gebein ein bisschen zu lockern und gönnte mir eine Pause mit heißem Kakao, stand am Fenster und betrachtete den traumhaften Sternenhimmel. Vor dem Haus, mit einem kleineren Teil des Gartens dazwischen, verläuft ein Sträßlein, nur wenig befahren, aber immerhin Grund genug, die Katzen darauf zu trainieren, dass diese Richtung tabu wäre. Klappt seit Jahren hervorragend. Verständlicherweise fiel mir fast der Becher aus der Hand, als ich mitten auf der Straße weiße Katzen sah – konnten nur unsere sein, keine Frage. Welche von den doch so gut Erzogenen hatten dermaßen gegen die wichtigste Vorschrift verstoßen? Und was zum Teufel machten die da?

Ich schnappte mir die Taschenlampe und raste hinaus, denn die relativ weit entfernte Laterne gab nicht genug Licht. Es waren drei, eng aneinander gedrängt, und es sah aus, als wollten sie in dieser etwas unbequemen Formation von der Straße runter und in die Wiese gelangen. Ich rief, sie guckten mich an – die Katze in der Mitte war Don ... Die Erleichterung aller über mein Kommen war ihnen ins Gesicht geschrieben, ich hob Don hoch und die beiden Bodyguards trabten dankbar nebenher. Ob sie noch Erfolg gehabt und es ohne mich geschafft hätten, ihren Boss wieder ins Haus zu bugsieren, kann ich freilich nicht sagen. Aber ich hatte auch keine Lust, das auszutesten.

 

EINE NEUE HERAUSFORDERUNG

 

Es war eindeutig keine Zeit zu verlieren. In aller Herrgottsfrüh stürmten wir los und kauften zig Meter von diesem niedrigen, geflochtenen Zaun, womit gern Blumenbeete reglementiert werden, und steckten knapp nach der Treppe zur Haustür die ganze Westseite des Hauses entlang ein Areal ab. Eingeschlossen den Essplatz, wo sich sommers häufig Menschen aufhalten – Don ist gern dabei, wenn wir essen, obwohl er nie etwas abhaben will ... Das Zäunchen, das einer erwachsenen Katze in etwa bis zur halben Brust reicht, ist niedrig genug, dass jeder locker drübersteigen bzw. die Katzen drüberspringen können, als Hindernis für Don (der niemals ins Ungewisse sprang) aber allemal ausreichend. Dann trainierten wir den Rückweg durch die Katzenklappe, sodass er auch bei geschlossener Tür jederzeit ins Freie konnte – sich verlaufen war ja nun nicht mehr möglich.

Das fand er phänomenal, wenngleich er anfangs nur sehr bedächtig und stets in Begleitung der Katze vom Dienst unschlüssig Pfote vor Pfote setzte – immer nur drei Schritte, nicht mehr. Aufgrund unseres intensiveren Vertrauensverhältnisses drehte ich mit ihm also täglich wiederholt eine Runde, bis er mehr oder weniger jedes Hälmchen und Blümchen kannte und lernte, dass er entlang des Zaunes auch alleine wieder zurückfinden würde. Seither lief er querbeet, ging „grasen“, lag in der Sonne oder unter dem Flieder im Schatten, und auch nachts überraschte ich ihn oft dabei, besonders nach einem heißen Tag, wie er im kühlen Gras lag und sich was dachte. Oft sogar allein. Und er sah dabei so glücklich aus, dass wir uns hin und wieder fragten, ob ihn das Blindsein überhaupt noch störe ...

Dumm, klar, natürlich würde er lieber sehen, aber „was wäre wenn“ ist nicht Katzenart. Ich kannte jede Regung meines Herzbuben und hatte nicht das Gefühl, dass er sich behindert vorkam. Seine zärtliche Dankbarkeit und seine seither sehr viel sensiblere Anhänglichkeit drückten mir zwar noch oft die Kehle zu, aber ich war unglaublich stolz auf ihn, wie grandios er sein Leben gemeistert hatte und wie sehr er jeden Augenblick davon genoss. Der König war zurück, auch wenn er leiser trat.

Im Spätsommer haben wir dann „seinen“ Garten vergrößert.

Und zwei Jahre später zog er sich zu einem Nickerchen unter den Flieder zurück und wachte nicht mehr auf ...

 

Die Botschaft lautet: Überlassen Sie eine erblindete Katze nicht einfach sich selbst, ihr Leben ist ja (auch als Senior) noch lange nicht zu Ende. Helfen Sie mit, ihr das Dasein so lebenswert wie möglich zu machen!

 

 

 

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