Raue Schale, weicher Kern - Maine Coon

 

 

 

 

Was wissen Katzenfreunde über diese Rasse? Wenig, wenn’s nur ums Hörensagen geht, weil bei den sogenannten Naturrassen viele über die Kollegen stolpern – Norwegische Waldkatzen und Sibirische Katzen. Bei jenen, die sich schon ein bisschen näher damit befasst haben, landet „groß“ unangefochten auf dem ersten Platz, danach mit einigem Abstand „schaut irgendwie wild aus“, dicht gefolgt von „freundlich“. Besser geht’s nicht, oder?

 

 

            CHARAKTER – TYPISCH GENTLE GIANT

 

            Mit einer Maine Coon aus gutem Haus bringen wir ein Stück Natur in unsere vier Wände, als idealen Gegenpol zu unserer technikorientierten Zivilisation. Ein bodenständiges Familienmitglied ohne Allüren, freundlich, sanftmütig, liebevoll, anhänglich – eine schöne, kraftvolle Katze, mit der sich gut leben lässt. Was freilich nicht bedeutet, dass sie alles schluckt und ergeben hinnimmt, egal wie sie behandelt wird oder wo/wie sie lebt. Fraglos kann sie sich wehren, wenn ihr etwas total gegen den Strich geht oder sie sich überfordert fühlt (und dann ist mit ihr nicht gut Kirschenessen), es dauert nur manchmal länger als bei anderen Katzen. Ihre Toleranz also mit Unterwerfung zu verwechseln wäre ebenso unklug wie mutwillig die Grenze auszuloten, was, wie im Prinzip bei jeder Katze, das wunderbare Temperament nachhaltig schädigen kann. Insofern ist die Maine Coon zwar durchaus eine ideale Anfängerkatze, aber keineswegs für Hohlköpfe, die sie als lebendes Spielzeug betrachten oder sich selbst überlassen, weil sie doch so ausgeglichen wirkt.

In den höflichen Riesen schlummert nämlich allerlei Leidenschaft, die mitunter in seltsamem Widerspruch zu ihrer ruhigen Ausstrahlung stehen kann. So sind Dreimetersprünge keine Seltenheit, kommt man zu Fuß nicht ans Ziel. Jugendlicher Übermut lässt natürlich nicht lange überlegen, aber auch Ältere haben Power - wenn’s drauf ankommt. Ressourcen vergeuden ist nicht. Trotzdem spielen sie gern, sind aufgeweckt und für Spaß zu haben, besonders wenn er ihre Intelligenz fordert, wobei sie sich beim Spielpartner Kind höflich zurücksteckend anpassen. Aber sie mögen (nette) Kinder und begegnen Knirpsen oft mit Engelsgeduld.

            Woraus folgt: Maine Coon sind kontaktfreudig und brauchen unbedingt Gesellschaft. Eine allein würde traurig vor sich hinkümmern, denn Abreagieren nach Katzenart - im Sinne von dann graben wir mal die Blumentöpfe um oder machen adrette Schnipsel aus den Vorhängen – ist nicht direkt ihre Art. Können tun sie’s schon, unsauber werden aus lauter Unglück auch, aber da ist die sanfte Seele schon schwer angeschlagen. Also bitte: Artgenossen, Kinder, Hunde, diverses andere Getier, unterhaltsam und tunlichst nicht ins Beuteschema passend. Soll heißen: vom Kaninchen abwärts bitte nicht. Möglicherweise muss auch mal der eine oder andere schwimmende Bewohner eines nicht abgedeckten Aquariums dran glauben, denn Wasserspiele sind allemal lustig.

Innerhalb einer Wohnung relativ schaumgebremst, sind sie noch immer gute Jäger und würden, so vorhanden, diese Leidenschaft in einem halbwegs geräumigen Garten ausleben. In einem gut gesicherten, denn Zäune sind kein Hindernis und die Intelligenzbestien neugierig genug, das Dahinter entdecken zu wollen. Und weil schon mal da, kann man sich ja auch in der Gegend bisschen umsehen ... Aber: Garten oder Balkon sind toll, indes nicht unbedingt erforderlich, anständige Klettermöbel tun’s genauso. Bewegung ist wichtig und muss sein, weil auch Coonies übergewichtig und träge werden können. Gar nicht gesund!

Apropos geräumig: Eine im Vollbesitz ihres Elans stehende Maine Coon in ein Singleapartment zu pferchen ist Tierquälerei! Mangelnde Zuwendung auch. Sie brauchen sie wie Pflanzen das Wasser und fordern sie auch ein, allerdings oft so unaufdringlich, dass man’s kaum bemerkt. Viele Coonies ziehen sich dann immer mehr zurück ... und kümmern. Wie gesagt: Raue Schale, weicher Kern ...

 

 

PFLEGE – MUSS SEIN, ABER COIFFEUR BRAUCHEN SIE KEINEN

 

Maine Coons haben als Naturrasse ein „Allwetterfell“: Dicht, kurz am Kopf, an den Schultern und den Beinen, wird es entlang des Rückens und an den Seiten allmählich länger, mit vollen, strähnigen Pluderhosen an den Hinterbeinen und langem, strähnigem Fell am Bauch. Trotzdem ist die Textur seidig, das Fell hat Stand und die Unterwolle ist fein und weich, das Deckhaar grob und glatt fallend. „Strähnig“ hat aber nichts mit ungepflegt zu tun.

Heißt: Bürste und Kamm haben das ganze Jahr über Saison und vermittels einer gewissen Konsequenz und Regelmäßigkeit gibt sich das Pelzchen relativ pflegeleicht. Aber täglich hinterher rennen muss man einer Maine Coon trotzdem nicht, wiewohl natürlich, geht man’s eher lasch an, Knötchen und Knoten entstehen können, die verfilzen und dann der Schere zum Opfer fallen. Bei grober Vernachlässigung sind sogar die berüchtigten, von den Perserkatzen bekannten, „Platten“ möglich und müssen unter Narkose geschoren werden – sie schmerzen nämlich nicht nur, sondern die Haut darunter kann nicht atmen und Ausschläge etc. können entstehen. Freilich ist das von Katze zu Katze unterschiedlich.

Auch wenn Showehren angedacht sind. Bei manchen reicht Kämmen, bei anderen ist „Natur pur“ höchstens auf einer Holzfällertagung attraktiv. Besonders wenn die Mieze ein Gehege zur Verfügung hat, sollte sie vor der Ausstellung eine Badewanne von innen sehen. Freilich soll die Prozedur die Natürlichkeit unterstreichen und nichts künstlich verändern, ergo macht es Sinn, sich vom Züchter beraten zu lassen und lange vor dem Showdown einen Testdurchlauf zu machen.

(Ein Artikel mit Pflegetipps für Show und Alltag ist in Vorbereitung).

 

 

AUSSEHEN & FELLFARBEN – UNPLUGGED

 

Der Standard ist mehr als ausführlich und gespickt mit einer Fülle von Anmerkungen. Züchter kennen ihn (hoffentlich), Amateure verlieren leicht den Überblick. Die Kurzversion beschreibt eine Katze, die primär Kraft und Robustheit ausstrahlen muss. Im Gesamteindruck großformatig mit einem langen, hartbemuskelten, rechteckigen Körperbau, breitem Brustkorb, kräftigen, mittellangen Beinen und einem langen, wehenden Schwanz (nicht buschig á la Fuchs), der mindestens bis zum Schulterblatt reichen sollte. Zu den Charakteristika gehören große Ohren, breit am Ansatz, mit einer Ohrbreite dazwischen und hoch am Kopf sitzend. Und natürlich der kantig wirkende Kopf mit hoch und stark ausgeprägten Wangenknochen, einer Schnauze, die fast aus jedem Blickwinkel viereckig ausschaut = spitz zulaufend wäre ebenso unverzeihlich wie ein schwaches Kinn! SO gebaut käme kein Mensch auf die Idee, eine Coonie etwa mit einer Norwegerin zu verwechseln!

„Groß“ ist freilich ein relativer Begriff und hat auch nichts mit Gewicht zu tun (die Muskelmasse macht’s, nicht der Fettanteil). Maine Coon gehören zu den größten Rassen, die wir haben, Schäferhunde sind sie keine. Und, um bei den Katzen zu bleiben, mit einer Savannah können sie auch nicht mithalten. Für seine beeindruckende Stattlichkeit braucht ein ausgewachsener Kater zudem drei bis vier Jahre. Die Mädels sind im Vergleich (wie immer) kleiner und dürfen sich auch feminin geben, müssen aber schwer (nicht plump!) gebaut sein. Und die Youngster müssen (auch wie immer) erst in sich selber hineinwachsen. Gut Ding will eben Weile haben.

Neben der Gesundheit, die generell Priorität haben sollte, liegt der Schwerpunkt für gewissenhafte Züchter in Pflege und Erhalt des typischen Aussehens gleichauf mit jener der grundlegenden Charaktereigenschaften. Fellfarben und Zeichnung sind gewissermaßen die attraktivste Nebensache dieser Rasse, die sich innerhalb bestimmter Grenzen auch kleiden darf, wie sie mag. Heißt: 1. Sofern sich ein Züchter nicht auf bestimmte Farben spezialisiert steht es ihm frei, innerhalb der Rasse jede Katze mit jedem Kater zu verpaaren. Weil 2. alle Fellfarben mit/ohne Zeichnungsmuster (gestromt, getigert, getupft) inklusive Silber sowie jedem Anteil von Weiß bis zu Reinweiß erlaubt sind – nicht hingegen Chocolate/Lilac, Cinnamon/Fawn, Points (= Siam-Abzeichen) oder der sogenannte Burma-Faktor (= einfärbige Katze mit dunkleren Abzeichen á la Siam).

Was freilich nicht bedeutet, dass es keine Coonies in diesen Farben gibt, menschliche Experimentierfreude kennt ja keine Grenzen. Die Natürlichkeit ist dann aber wohl dahin.

 

 

GESCHICHTE – SEHR LANG UND TEILS SEHR LUSTIG

 

Die Maine Coon heute ist quasi ein Gesamtkunstwerk, das Natur und Züchterhand in relativer Eintracht geschaffen haben. Letztere mischte sich indes spät ein, denn die Urahnen waren bereits lange vor der Erhebung in den Adelsstand in den USA bekannt und beliebt – und schon Ausstellungskatzen, ehe die erste Show im heutigen Sinne stattfand. Nämlich als Farmers Best. Die Zottelkatzen, Shags oder Coon Cats (Waschbärkatzen), wie sie in Maine genannt wurden, beeindruckten neben ihren Qualitäten als unerschrockene Rattenfänger auch durch ihre imposante Größe und wurden neben allerlei Nutzvieh, Ernte- und sonstigen Erzeugnissen auf Märkten präsentiert - wo die Farmer wetteiferten, wer den stattlichsten und besten Jäger hatte, dessen Jungtiere dann zu Bestpreisen weggingen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Und weil sie zudem auffallend intelligent, freundlich und fast hundeartig fügsam waren, schafften sie auch schnell den sozialen Aufstieg in die Wohnstuben.

Und wohl ebenso in die Herzen von Nichtfarmern, denn als die ersten US-Shows organisiert wurden, waren die Coons dabei. Das ist freilich fast ewig her, und wenngleich bereits 1878 ein schwarz-weißer Naturbursche die Katzenschau in den New Yorker Madison Square Gardens aufmischte, verlagerten die Importe von Persern und anderen exotischen Rassen das Interesse wieder zu Ungunsten des rustikalen Landadels. So verging fast ein Jahrhundert, bis ihre steile Karriere als Rassekatze, ganz im Stil des American Way of Life, nicht mehr aufzuhalten war – in erster Linie dank der Pioniere im US-Bundesstaat Maine, die ihren imposanten Coons unverdrossen nicht nur die Stange gehalten, sondern auch Zuchtbuch geführt und einen Standard erarbeitet hatten. Ein maßgeblicher Beitrag zur Homogenität ihres Aussehens, die immerhin Grundpfeiler jeder Rasse ist.

Im Endeffekt prägend war dennoch die grenz- respektive kontinentalübergreifend gemeinsame Zielsetzung der Züchter, sodass unterschiedlich Detailverliebte nicht an ihrer Unverwechselbarkeit rütteln. Die Gentle Giants sind mit der CFA als Schlusslicht seit den 1970er Jahren in den USA anerkannt und um diese Zeit schnupperten sie auch erstmals Showluft in Europa, genauer: in Deutschland. Die FIFe nahm sie 1982 in ihre Familie auf und seither ist ihre Popularität quasi explodiert. Weltweit.

 

 

GESCHICHTE(N), DIE DAS LEBEN SCHRIEB

 

Mit der Historie ist es ja nun so wie mit Studien – jeder sagt mitunter was anderes und so mag sich die vorige Kurzversion flüssig und schlüssig anhören. Aber der Chronist hat’s schwer, wenn er gräbt ... Um Sie darauf einzustimmen, noch ein bisschen Show total:

Die erste Maine Coon, die je gezeigt wurde, soll der schwarze Capt. Jenks of the Horse Marines gewesen sein. Berichten zufolge waren damals fast alle Coons in den Neuenglandstaaten einfarbig oder weiß gescheckt, der vermutlich Erfolgreichste indes war ein Tabby namens Leo, der 1895 in den New Yorker Madison Square Gardens Best Cat wurde und den Titel in Boston drei Jahre hintereinander hielt. Und laut einer anderen Quelle King Max hieß, so wie Jenks ein Mädchen namens Cosie und Tabby gewesen sein soll ...

Ähnlich verhält es sich mit der Herkunft: Stammen sie jetzt von den Norwegischen Waldkatzen ab oder doch umgekehrt? Nun, als Heimat der Coonies gilt die Ostküste Amerikas und damit kommen die Wikinger ins Spiel, die lange vor Christoph Kolumbus als erste Europäer überhaupt ihre Füße auf amerikanischen Boden setzten: Anno 1001 landete der „Rote“ Leif Erikson nämlich nicht wie erhofft in Grönland, sondern in Neufundland. Also einen Katzensprung von Maine entfernt. Wie alle Seefahrer hatte er zweifellos Katzen zur Eindämmung der Nagerplage an Bord, und sollten einige frühzeitig abgemustert haben, hatten sie mächtig viel Zeit, sich zu vermehren und zu einer respektablen Population wilder Hauskatzen anzuwachsen – um ein paar Jahrhunderte später geadelt zurückzukehren und vielleicht Verwandte zu treffen ...

Nicht ganz so viel Raum für Spekulationen lässt uns die malerische Geschichte um Samuel Clough, Neuengland-Hochseekapitän aus Wiscasset in Maine – die zumindest am Beginn und am Ende auf Fakten beruht, belegt durch noch existierende Briefe. Er sollte, als sich die Französische Revolution ihrem Höhepunkt näherte, die königliche Familie samt Entourage in Sicherheit bringen. Das hat bekanntlich nur teilweise geklappt, lediglich der royale Hausrat und die langhaarigen Katzen der Königin erreichten die neue Welt und fiel mangels Besitzanspruch schlussendlich der Kapitänsfamilie zu. Katzen mit langem Haarkleid sind am französischen Hof schon seit der Zeit des Sonnenkönigs bekannt und man geht davon aus, dass sie aus Persien kamen. Aber nichts Genaues weiß man nicht, insofern wären die herrschaftlichen Leisetreter durchaus passable Vorfahren der Coons.

Dann hätte ich noch den legendären britischen Captain Coon im Angebot, welcher temporär in Biddleford Pool in Maine logierte und zwecks Handel die Küsten Neuenglands rauf- und runtersegelte – mit einer Gruppe langhaariger Katzen an Bord. Welche ihn der Überlieferung zufolge auf seinen Landgängen begleiteten und so wie der Seebär persönliche Freundschaften gepflegt haben sollen. Jedenfalls wurden die langhaarigen Kätzchen in den Würfen damals Coons Katern zugeschrieben. Ob diese aus seiner englischen Heimat stammten oder Nachfahren von Leif Eriksons oder Marie Antoinettes Katzen waren, ist nicht bekannt. Sie könnten genauso Verwandte von den während der gesamten Kolonialzeit mitgebrachten Schiffskatzen sein ... z.B. von den „French Domestic“ jener französischen Siedler, von denen Maine 1635 seinen Namen bekam ...

Das war’s freilich noch immer nicht.

 

 

REALSATIRE

 

Weil es so unterhaltsam ist, kann man eigentlich gar nicht oft genug darüber schreiben, also will ich Ihnen das nicht vorenthalten: Die vermutlich geläufigste Version der Herkunft ist wohl, dass die Maine Coon aus einer Kreuzung zwischen Katze und Waschbär (racoon) stammen. Ich weiß, ein alter Hut, der aber so alt auch wieder nicht ist, denn diese Auffassung wurde in aller Ernsthaftigkeit 1974 (!) in „The Cat and the Man“ von einem Herrn Grilke ebenso vehement vertreten wie von Marilis Hornidge in „The Yankee Cat – The Maine Coon“. Also lachen Sie nicht allzu laut! Was natürlich nichts dran ändert, dass es trotzdem so schräg wie falsch ist, weil biologisch unmöglich.

Theorie Nummer zwei wiederum besagt, dass Wild- und Hauskatzen einander paarungsmäßig zugetan gewesen sein sollen – wofür es, hört, hört, sogar Augenzeugen (!) gab: 1949 in Texas und 1954 in North Dakota, nachzulesen in Sandersons „Living Mammals of the World“ aus dem Jahre 1970. Die Beweiskraft leidet freilich ein bisschen unter der Tatsache, dass es dort außer Puma und Luchs keine Wildkatzen gegeben hat. Und man beide Staaten selbst bei großzügigster Auslegung nicht gerade als Nachbarn bezeichnen kann, mal abgesehen davon, dass Maine auch nicht direkt um die Ecke liegt.

Wen stört’s? Immerhin gilt jenseits aller Phantasie die Maine Coon quasi als Nationalkatze ihrer Heimat. Wenn das kein Privileg ist?

 

 

Einige Rassen zum Vergleich:

 

 

Maine Coon 2009, Norwegische Waldkatze, Deutsch Langhaar, Neva Masquerade (die Pointversion der Sibirischen Katzen), RagaMuffin

 

 

Fotos: Cermak, Geringer, Kneifel, Köpf,

Schürmans (www.tierfotografie-berlin.de)

 

 

 

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