Von Katzen und anderen Schätzen - Leseprobe

VON KATZEN UND ANDEREN SCHÄTZEN
122 Seiten A5, illustriert, Euro 8,--

Leseprobe

 

 

 SCHATZ-SUCHE

 

            Genau genommen gibt’s bei uns daheim ja nur Schätze, mit einem in der Pole Position und in der zweiten Reihe mich und alle jene, die ich gesucht ... oder gefunden ... oder wie war das noch?

Da der Mann an meiner Seite und ich es mit Hase, Mausi & Co nicht so haben, ich aber für gewisse brisante Situationen eine Beschwichtigungsformel brauche, habe ich mich für Schatz entschieden. Okay, nicht wahnsinnig originell, aber mit attraktiver Bandbreite und Balance zwischen unverbindlich-verbindlich. Wer „Hast du überlebt, Schatz“ aus Mr. & Mrs. Smith kennt, wird wissen was ich meine. Hin und wieder verzichte ich allerdings aus diplomatischen Gründen darauf, weil Schatz aufgrund jahrelanger Übung bedauerlicherweise der dringenden Vermutung anheim fiel, es könne ein gewisser Zusammenhang zu einem bedrohlichen Angriff aus dem Hinterhalt bestehen. Vollkommen aus der Luft gegriffen, keine Frage, dennoch ließ ich aus taktischen Erwägungen das Schatz weg, als ich eines Morgens beim gemütlichen Frühstück der Sonntagszeitung gegenüber erklärte, wieder ein Haustier haben zu wollen. Die Blätter zitterten auch nur ein bisschen, dann fluchten sie unterdrückt und sanken abrupt in sich zusammen. Schatz hatte sich am heißen Tee die Lippen verbrüht und ein paar Tröpfchen dürften durch die dünne Pyjamahose sein Allerheiligstes getroffen haben.

Das war gut. Ich meine, das tat mir natürlich so was von unsäglich leid, aber nun war er erst mal anderweitig beschäftigt und das wiederum verhinderte unbedachte, grenzgeniale Spontanäußerungen leicht entzündlicher Natur.

Als er frisch verarztet etwas breitbeinig und mit salbegeschwängerten Lippen aus dem Bad zurückkam, nuschelte er auch nur etwas von Streifenhörnchen (im Raum füllenden Terrarium), Laborhasen und Labormeerschweinchen (im Gehege im Garten) und wies mit anklagendem Blick auf Karlheinz. Karlheinz ist ein Spaniel, uralt, stocktaub, der beim Anblick eines einzelnen Regentropfens zur Salzsäule erstarrt und sich eigentlich auch sonst kaum bewegt. Luise, unsere einäugige, greise Schildpattkatze, war zwar grad nicht präsent, aber gedanklich sicher miteingeschlossen. Sie kam wie alle unsere Tiere aus dem Tierheim. In meiner Familie wurde immer schon viel gerettet, und kurz nach dem Einzug in unsere erste gemeinsame Bleibe bin ich daher ganz selbstverständlich losgezogen und mit reicher Beute heimgekehrt. Wohlwissend natürlich, dass Schatz Tiere liebt, aber halt irgendwie ... unentschlossen und zögerlich daherkommt. Damals verfiel er indes in erstaunliche Betriebsamkeit, sodass es nicht mal ein halbes Jahr dauerte, bis er einen Großteil meiner Schützlinge in der Verwandtschaft und im Freundeskreis verteilt hatte. Und seither steif und fest behauptet, dass uns nun einige nicht mehr kennen und neulich sogar einer die Straßenseite gewechselt habe, als er seiner ansichtig wurde. Aber das ist natürlich Quatsch. Außerdem hatten wir die ganz Alten und Lädierten sowieso behalten.

Jedenfalls hat Schatz „Tierheim“ zum Unwort des aktuellen und aller folgenden Jahrtausende erklärt und kriegt schon bei Tiersendungen im TV einen dermaßen gehetzten Blick, als drohe Besenkammer, Entmündigung und Finanzkatastrophe.

„Nein, Schatz“ (Mist, jetzt war’s mir doch herausgerutscht), trällerte ich also leichthin und bemühte mich, die leidende Miene nicht persönlich zu nehmen, „nicht aus dem Tierheim.“ Das Leiden wurde von Argwohn und einem großen Fragezeichen im Blick überschattet, also war’s Zeit für Phase zwei.

„Marita Kungelmanns Katze hat geworfen und IHR (Unterton: triefend sarkastisch) Mann will alle aus dem Haus haben. Auf der Stelle!“ Ich schüttelte bekümmert den Kopf über so viel Brutalität und schenkte Schatz meinen treuherzigsten ‚So etwas würdest du nie tun’-Blick.

„Sieben auf einen Streich, denk an, aber für die finden wir sicher schnell nette Leute. Und wir behalten bloß eins. Und die Mutter“, murmelte ich in meine Serviette. Das zauberte endlich wieder Farbe in sein käseweißes, verstörtes Gesicht. Ziemlich viel Farbe, und für die Atemprobleme war er eigentlich auch viel zu jung.

„Sieben?“ krächzte er und presste beide Hände auf die Brust. Mit so einem schnellen Erfolg hatte ich nicht gerechnet, das lief ja wie am Schnürchen.

„Oder“, sinnierte ich laut und legte eine gute Portion Zögern in meine Stimme, „wäre dir ein Kätzchen vom Züchter lieber?“

„Züchter? Kaufen? Geld?“, japste er zurück.

„Ja nun“, tönte es lässig durch mein Honigbrot, „so teuer sind die heutzutage gar nicht mehr. Dafür gesund, geimpft, gut aufgezogen und super lieb, das gibt’s nicht geschenkt. Außerdem könntest du dir eins aussuchen, wolltest du denn nicht immer ein Rotes?“

Schach. Und matt.

 

 

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