Kulturgeschichte: Die nordischen Waldgeister

 

 

 

 

Eine Kulturgeschichte der Katzen dieser Welt – Serie, Teil 1

 

ZWISCHEN FEUER UND EIS:

DIE NORDISCHEN WALDGEISTER

 

 

Lange, dunkle, kalte Winter, seeehr viel Stille, unglaublich viel Gegend und nur sehr wenige Menschen - der ideale Nährboden für Märchen und Sagen. Sie waren (und sind in manchen Landstrichen vielleicht auch heute noch) in Skandinavien, Grönland, Island oder Sibirien das das über lange Monate einzig Blühende. Allein der Gedanke an tröstlich wärmende Herdfeuer beschwört eine ständige Weihnachts-Stimmung herauf – und was wäre diese ohne Katze?

 

 

GÖTTERDÄMMERUNG

 

Die unter Katzenfreunden nordischer Leisetreter vermutlich beliebteste Legende ist jene der Göttin Freyja, die dereinst auf einem von Katzen gezogenen Wagen den Himmel nach ihrem zeitweilig abgängigen, weil ziemlich flatterhaften Göttergatten abgesucht haben soll. Ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, denn der Galan soll begehrlichen Blickes auch sehr irdisch zugange gewesen sein, nämlich in Jötunheimr, dem Reich der Riesen, welche der Mythologie zufolge (unter anderem) in der Flammenburg auf einem isländischen Vulkan hausten. Weniger auf den Spuren der erotischen Eskapaden Odins denn nach einem Beweis für das Katzengespann (das ja irgendwo geparkt sein musste) und in der Hoffnung nach weiteren kätzischen Erwähnungen versuchte ich mich an der Quelle kundig zu machen.

Und mühte mich daher wacker durch Snorri Sturluson’s Prosa-Edda, 1230 entstanden, eine zusammenfassende Darstellung der germanischen Göttersagen und DAS isländische Frühwerk der Weltliteratur schlechthin. Allerdings warf ich nach noch nicht mal der Hälfte das Handtuch, der Autor möge mir vergeben, denn es war zwar sehr interessant ... aber auch eine Strafe ... Allein die unterschiedliche Schreibweise der Namen kann einen des Nordischen ungeübten Leser (trotz Übersetzung) ganz leicht aufs Glatteis führen (von der Aussprache ganz zu schweigen), ergo haben die Götter entweder allesamt ihre Ehepartner gewechselt wie unsereins die Zahnbürste oder es gab eine Unzahl ähnlich Namens. Wie auch immer, mein auf „Freyja“ und „Katze“ suchend getrimmtes Adlerauge überraschte mich mit dem Lotterleben dieser eigentlich als Idealbild der Hausfrau gepriesenen Göttin (die sich für schnödes Geschmeide gleich vier Alfen = Zwergen hingab) – aber Katzen fand ich keine. Deren Dienste die Dame zwecks Beförderung gar nicht bedurfte, denn sie besaß ein Federhemd, mit dem sie fliegen konnte. Eigentlich schade, es wäre eine so schöne Geschichte ... Ich fand nicht einmal Thor’s Riesenkatze. Dafür begegnete ich einigen neuzeitlichen Zwingernamen, wie zum Beispiel Guldfakse’s, welches sich von Gullfaxi = Goldmähne (des Riesen Hrungnirs Pferd) ableitet – unter welchem Namen interessanterweise Maine Coon gezüchtet wurden. Ein Hinweis zur Verwandtschaft mit den Norwegischen Waldkatzen?

 

WOLFSZEIT, WINDZEIT

 

Ob die in Skandinavien heimischen Samtpfoten aus den anatolischen und kaukasischen Hochebenen einreisten (und damit logischerweise Verwandte der Türkisch Van/Angora wären) oder umgekehrt, wird sich kaum noch enträtseln lassen. Sicher ist nur, dass sie mit einem Namen untrennbar verbunden sind: den Wikingern.

Das Nomen „Viking“ steht für Piraterie und Raubzug, aber keineswegs alle, die von Skandinavien nach Westen oder Süden segelten, waren auf Beute aus. Es gab auch viele Händler unter ihnen oder Leute, die als Siedler auf der Suche nach einer neuen Existenz in fremde Welten aufbrachen. Oder als Söldner jedem zu dienen bereit waren, der sie benötigte und natürlich auch großzügig den Säckel öffnete. Dennoch gelten die Plünderungen als Kennzeichen der Wikingerzeit und als Räuber leben sie in der Erinnerung fort.

Und als Entdecker, denn laut einhelliger Meinung der Historiker erreichten die Nordmannen unter Leif Eriksson schon um das Jahr 1000 Neufundland, also lange bevor Kolumbus einen Fuß auf die Neue Welt setzte. Die Welt der Wikinger war ein loser Verband des skandinavischen Kernlandes und der neuen Siedlungsgebiete. Während Norwegen, Schweden und Dänemark zu Nationalstaaten wurden wie jene im übrigen Europa, deren Zivilisation sie allmählich übernahmen, zog es die Entdeckungsfreudigen hinaus in die Ferne. Zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert liegt das Zeitalter der großen Seefahrer und die schnellen, manövrierfähigen Langschiffe der Wikinger schipperten nicht nur gen England und ins Fränkische Reich, sondern gelangten über die großen russischen Flüsse bis nach Byzanz und zum Kaspischen Meer – von wo sie über internationale Karawanenstraßen per Wüstenschiff bis Bagdad kamen und sogar mit chinesischen Händlern Geschäfte machen konnten. Und wer weiß, vielleicht haben sie ja auch eine Perserkatze mitgebracht?

 

 

DAS KATZEN-BAROMETER

 

Trotz vortrefflicher Hochseetauglichkeit verloren sie auf dem Heimweg häufig die Beute und gelegentlich auch Mann und Maus, denn gegen eine übermächtig steife Brise war sogar Mieze machtlos ... die zur Besänftigung des Wettergottes und um die unausbleiblichen Nager von den Vorräten fernzuhalten zweifellos mit über die Weltmeere bummelte. Wie mit fast allen Seefahrern. Auf den etwas behäbigeren Handelsschiffen jedenfalls ist ihre Anwesenheit durch etliche Funde belegt, galten sie doch als begnadete Metereologen, die gar nicht erst anheuerten, wenn ihr siebter Sinn dräuendes Ungemach für den Kahn ortete.

Ein paar Jahrhunderte später sollen schwedische Seeleute Priester und (fremden) Katzen an Bord mit heftigem Misstrauen begegnet sein – weil die Katzen den „Sturm im Schwanz“ hätten. Was es mit den Seelenhirten auf sich hatte, ist freilich nicht überliefert ...

Vielleicht waren die Wikinger, die übrigens keine Hörner auf dem Helm hatten wie bei „Wicki und die starken Männer“, schließlich der ewigen Raubzüge müde – beinahe dreihundert Jahre müssten ja eigentlich auch reichen – jedenfalls blieben die Pötte im Hafen und die Schiffer verschmolzen allmählich mit der jeweiligen Bevölkerung. Aber nur in Island ist das Erbe dieses legendären Volkes auch heute noch lebendig.

 

BEKEHRUNG DER HEIDEN

 

Achten Sie auch darauf, dass bei der gleichzeitigen Begrüßung mehrerer Personen die Hände nicht „über Kreuz“ geschüttelt werden? Die meisten von uns denken, das wäre unhöflich, tatsächlich aber beruht diese Gepflogenheit in der Annahme, damit einer Pechsträhne vorzubeugen. Genau so glauben wir auch heute noch, dass es Unglück bringt, wenn eine schwarze Katze unseren Weg von links nach rechts kreuzt. Sie merken es schon: das Schlüsselwort ist „Kreuz“, und es hat seinen Ursprung (natürlich) im Christentum. Das blieb auch der Bevölkerung im hohen Norden nicht erspart, wenngleich die Christianisierung, die sie etwa im 11. Jahrhundert ereilte, wesentlich moderater über die Bühne ging als in südlicheren Breiten – die „heiligen Feuer“ dienten in der mörderischen Kälte der teilweise nach wie vor reichlich unwirtlichen Gegenden zum Überleben und wurden nicht zur Dezimierung der Bewohner missbraucht, egal ob Mensch oder Tier.

Vielleicht hat auch ein Volk, das Naturgewalten so elementar ausgesetzt ist und dessen Götter sterblich sind wie Menschen, mehr Erdverbundenheit und damit mehr Achtung vor dem Leben und der Kreatur? Irgendwie bodenständig klingt auch die Erzählung von dem Schüsselchen mit Milch, das die Bauern für Freyjas Katzen vor die Tür (anderen Quellen zufolge ins Kornfeld) gestellt haben sollen, um die Göttin für eine gute Ernte gnädig zu stimmen. Wofür sie eigentlich gar nicht zuständig war, sondern ihr Bruder Freyr ... das mag an der Eigendynamik liegen, die immer wieder erzählte Geschichten mit der Zeit bekommen. Oder die Historiker sind (wie ich) Opfer der Namensähnlichkeit geworden. Eins aber ist gewiss: Wer sein Leben mit Elfen und Trollen teilt, hat auch Zugang zur Seele der Tiere ...

 

 

EIN WALDSCHRAT MACHT GESCHICHTE

 

Eine warme Freundlichkeit ohne süßlicher Sentiments scheint in den skandinavischen wie in den Nachbarländern jedenfalls Tradition zu sein. Wie die Erzählkunst, die als einzige Unterhaltung in den langen dunklen Wintern zu Meisterwerken epischer Dichtung reifte. In vielen über Jahrhunderte mündlich weitergegeben Legenden wird auch von Katzen berichtet. Die Historiker Ashörnsen und Moe gingen um 1840 auf Spurensuche, sammelten die überlieferten Geschichten und schrieben sie auf. Darin ist sowohl von Katzen die Rede, die als Vermittler zur geheimnisvollen Welt der Naturgeister, Feen und Zwerge dienten als auch von einer Trollkatze mit langem, buschigem Schwanz.

Wer denkt da nicht gleich an die Norwegische Waldkatze, die sich nicht nur zur elitären Nationalkatze hinaufgeschnurrt hat und auf einer Briefmarke verewigt wurde, sondern auch noch zu Rasse-Ehren kam? Genau genommen ebenfalls aus naturnahen Gründen: Die schönen Wilden hielten häufig Hochzeit mit kurzhaarigen Hauskatzen und wären in ihrem ursprünglichen Design ohne gezieltes Eingreifen von Züchtern vermutlich über kurz oder lang ausgestorben.

Auch bei den Dänen findet sich eine Briefmarke mit Milch trinkenden Kätzchen und die russischen Nachbarn gingen sogar noch weiter: Vor einigen Jahren im Dezember überschritt vor der offiziellen Eröffnung eines Ikea-Möbelhauses in Moskau als erste „Tjouma“ die Schwelle – als Siegerin eines Katzen-Wettbewerbes sollte sie Glück und Erfolg ins Haus bringen. Ob es sich dabei um den einheimischen russischen Waldschrat - eine Sibirska Koschka - handelte, wurde leider nicht vermerkt ...

 

 

 

 

Bilder:

Margeson/Anderson: Wikinger, Gestenberg Verlag/1994

Campbell: Das Leben der Wikinger, Frances Lincoln Publishers Ltd./1980

Konstam: Atlas der Kelten, Tosa Verlag/2002

Das Titelbild stammt von Lars Vidda, der nicht nur der Lieblings-Illustrator

des Norske Rasekattklubbers Riksforbund-eigenen Magazins ist, sondern

(u.a.)auch Paul Callicos launige Katzenbücher Herz erfrischend bebildert

hat. (Aristokatt 4/1994)

 

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