Krieg oder nur miese Laune?

KRIEG ODER NUR MIESE LAUNE?

 

Aggressivität als solche erkennen & steuern

 

 

Neigen starke Charaktere zu Scharmützeln? Können auch Lämmchen ausrasten? Ja nun, alles ist möglich, denn die Mentalität einer Katze ist ebenso individuell wie die Belastbarkeit – aber aggressives Verhalten ist, mit Ausnahme von (seltenen) genetisch bedingten Macken, in aller Regel erlernt ...

 

 

AHA-ERLEBNIS?

 

Aggression entspringt zumeist entweder einer Summe von Missverständnissen, wo nach einer Reihe von unbeachtet gebliebenen Ankündigungen irgendwann mal das Töpfchen überläuft. Oder der Auslöser ist ein aktueller Anlass, z. B. Schmerzen, eine außergewöhnliche Stress- oder Angstsituation, in welcher sich die Katze massiv bedroht fühlt. Oder wir haben nicht erkannt, dass wir allmählich der Oberhoheit verlustig gingen – oder nie hatten – und Mieze sich früher oder später gezwungen sieht, den Boss herauszukehren respektive einen höheren Rang in einer Gruppe anstrebt. Was wir alles oft zu spät bemerken.

Wie auch immer: Aggressives Verhalten ist weder böswillig noch hinterlistig und, gegen uns gerichtet, zumeist die letzte Konsequenz, weil Mieze nicht mehr weiter weiß. Das heißt sie fühlt sich in ihrer Haut genauso wenig wohl wie in dieser Rolle. Richtet sich die Attacke unvermutet gegen Artgenossen, sieht es nur bedingt etwas anders aus ... aber in jedem Fall ist Aggression immer eine Re-Aktion auf bestimmte Umstände – eine Reaktion, die fürs kätzische Verständnis eigentlich völlig normal ist ...

 

 

STURMANGRIFF – GEDÄMPFT?

 

Das macht es freilich nicht leichter, die Ursache herauszufinden. Weshalb so mancher lädierte Zweibeiner genervt zum Veterinär pilgert und sein Heil in Psychopharmaka sucht. Selbige sollten freilich nur vereinzelt und als Übergangslösung gedacht sein, das heißt; um in besonders krassen Fällen allen Beteiligten eine Auszeit; eine Atem- und Nachdenkpause zu verschaffen.

Denn als Therapie würden dadurch Probleme keineswegs gelöst, sondern lediglich verdrängt werden. In diesem Zusammenhang sollte daher nicht unerwähnt bleiben, dass Valium Leberschäden hervorrufen kann – bevor Ihr Doc mit seinem Latein am Ende ist, sollten Sie sich daher besser auf Spurensuche begeben. Wobei „Hausfremde“ häufig nützliche Inputs geben können, weil sie unbelastet sind und uns vielleicht auf die richtige Fährte bringen, wenn wir aus der Denkspirale nicht herausfinden. Was in Stresssituationen beinahe obligat ist.

 

 

STÖRE MEINE KREISE NICHT

 

Viele Schwierigkeiten haben ihre Ursache in einer Überschreitung der Individualdistanz, und zwar zwischen Mensch-Katze ebenso wie zwischen Katze-Katze. Ob Solotiger oder Gruppenmitglied, der Lebensraum besteht stets aus einem gemeinsamen Revier und Bereichen, wo Besucher empfangen werden (soziale Distanz) oder die die Katze für sich allein beansprucht. Wobei sich die Grenzen peripher überschneiden und auch überschritten werden, die unabdingbare Toleranz durch verschiedene Auslöser aber ans Limit stoßen kann.

Die meisten Katzen, weil Anpassungskünstler, lernen zwar im Zusammenleben eine großzügige Sichtweise, aber manche sind da auch recht eigen und differieren sehr genau, wem sie was gestatten.

 

 

GRUPPENPROBLEME

 

Oft wissen wir es gar nicht, aber in jeder Gruppe gibt es einen Boss (in der Regel ein Weibchen), eine Art gehobene Mittelschicht sowie Mitläufer. Einen Paria, der auf der untersten sozialen Stufe steht (keineswegs immer ein Kastrat) und in der Natur gewöhnlich des Reviers verwiesen wird, gibt es in „normaler“ häuslicher Gemeinschaft nur, wenn die entweder Gruppe zu groß ist und/oder es heftig an der Harmonie insgesamt hapert (dann in der Regel und). Was auch uns einschließt. Zweibeinige Streithähne können das Gefüge mächtig durcheinanderwirbeln, weil sich der Unfrieden auf die Tiere überträgt. Genauso kann eine Katze durch eine lebhafte Riesenfamilie überfordert sein. Gibt’s dann auch noch mehrere Tiere im Haus, kann das den Druck verstärken.

Revierstreitigkeiten zählen in Clans jedenfalls zu den häufigsten Aggressionsursachen und sind jederzeit möglich, auch nach Jahren friedlicher Koexistenz. Wobei unbestritten bleibt, dass sich der Anlass zu Unstimmigkeiten potenziert, je größer die Sippe ist/wird. Ob und wie lange das Zusammenleben funktioniert, hängt somit von der Bevölkerungsdichte und den Ausweichmöglichkeiten ab. Und nicht zuletzt davon, ob wir Oberkatze sind.

 

 

BIG BOSS

 

Das wäre nämlich wichtig. Nicht nur, weil wir allein in Krisensituationen den Durchblick haben (sollten), um vermittelnd einzugreifen, sondern weil wir in einer unerkannten Extremsituation genauso unversehens in der Hierarchie abrutschen können. Das gilt übrigens ebenfalls für ein Mensch-Katze-Duo, denn 1. ist auch das schon eine Gruppe, und 2. ist der Aufstieg zum Alpha-Tier selbst für eine diesbezüglich nicht ambitionierte Katze eine leichte Übung.

Also erst bei krasser Überschreitung den Obermacker herauskehren zu wollen, wird Mieze nicht verstehen, weil ihr definitiv der Zusammenhang fehlt. Sagen Sie also bitte nicht, „sie weiß es genau“, nur weil sie sich angesichts Ihrer drohenden Haltung oder bei Geschimpfe verkrümelt – das zeigt nur, dass sie gelernt hat, Ihnen in solchen Situationen besser aus dem Weg zu gehen. Ohne zu wissen, was Sache ist. Denn sinnvoller Tadel muss unmittelbar auf die (besser: währenddessen) begangene Untat folgen – wenige Minuten später ist die Verknüpfung schon futsch ... Und wenn Sie erst abends beim Heimkommen die abgestürzten Blumentöpfe beklagen, fühlt sich keine Katze der Welt noch zuständig für das (oder jedes andere) Malheur.

 

 

HANDZAHM GEMIXT

 

Eine Gruppe aus unkastrierten (erwachsenen) und kastrierten Tieren gibt es in der Regel nur in einem Züchterhaushalt. Potente Kater, gemeinhin gern als Gefahrenquelle für Unfrieden gesehen, sind das selten und wenn doch, richtet sich die Aggression normalerweise gegen männliche Clanmitglieder Vereinzelt auch gegen Kastraten, und dann bisweilen ohne Unterschied des Geschlechts – was allerdings voraussetzt, dass er ein Alpha-Tier ist, dem die Damen keinen Riegel vorgeschoben haben. Unüblicherweise, weil auch bei den Katzen, wie überwiegend in der Tierwelt, das Matriarchat herrscht. Obwohl sich die Herren schon mal ein bisschen wichtig machen, haben sie in Wahrheit nicht viel zu sagen. Daran ändert sich für gewöhnlich auch nichts, wenn die Monarchin kastriert wird – eine starke Katze wird die Herrschaft behalten und nur selten an eine gleich starke, nicht-kastrierte abgeben oder sich den Rang mit ihr teilen.

Wirklich problematisch kann es werden, wenn sich wie vor erwähnt ein ambitionierter potenter Konkurrent im gleichen Revier tummelt. Wobei es sich zumeist um einen heranwachsenden Jungspund handelt, der die Karriereleiter erklimmen möchte und sich dann zu Übungszwecken zunächst ein Opfer sucht, von dem kaum Gegenwehr zu erwarten ist. Und sich dann sozusagen hoch prügelt, bis er sich traut, gegen den Sir anzutreten. So weit sollten Sie es nicht kommen lassen, nicht nur, weil die Gruppe dadurch auseinanderbrechen kann, sondern weil der Rüpel steigend unkontrollierbar wird. Steht eine Kastration sowieso an, warten Sie nicht zu lange damit, wenn der Hass aufeinander schon tief wurzelt, kann oft nicht mal das regulieren.

 

 

ZÜCHTERTRAUM

 

Durch den ständigen Wechsel der Verhältnisse ist das soziale Gefüge bei Züchtern im allgemeinen zwar belastbarer und wesentlich stabiler als z. B. in einer zahlenmäßig kleineren Kastraten-Gemeinschaft, aber dennoch Grenzen unterworfen. Die umso enger werden, je fragiler der Hausfrieden ist. Und wird die Gruppe zu groß, weil das Territorium nicht mehr genügend Ausweichmöglichkeiten und persönlichen Freiraum bietet, sodass sich die eher halbherzigen Auseinandersetzungen nicht mehr auf Extremsituationen beschränken, ist der Traum ausgeträumt.

Meist beginnt es mit einer sich merklich steigernden Unruhe, gefolgt von kleineren Scharmützeln. Oder wie aus heiterem Himmel prasselt ein einzelnes, gröberes Attentat hernieder wie ein Platzregen – beide Situationen sind als Vorboten eines Krieges zu werten. Und Sie sollten sich etwas einfallen lassen, bevor die unvermeidliche Schlacht ausbricht. Bei der die gesamte Sippe involviert ist und die alle bisherigen Vereinbarungen zunichte macht, üblicherweise sehr böse ausgetragen wird und die Chancen auf Wiederherstellung des Friedens ins Bodenlose sinken lassen.

 

 

POLITISCHE KOMPROMISSE

 

Auch das Gleichgewicht in einer reinen Kastratengruppe kann einem Balanceakt gleichen. Die Hormone pfuschen zwar dem Verstand nicht mehr ins Handwerk, weshalb in einem gut eingespielten Team die Wahl des Häuptlings kaum erörtert wird und alle mehr oder minder den gleichen Status einnehmen – ein Paradebeispiel für Kompromissbereitschaft. Die durch den leichtfertigen Eingliederungsversuch („Sie sind alle immer sooo lieb zueinander und haben noch nie gefaucht!“) eines Neuankömmlings allerdings blitzartig erschüttert werden kann.

In welchem Fall dann dem Neuling bestenfalls ein Mindestmaß an Freiraum gewährt wird, in dem er sich unbehelligt bewegen kann. Genauso kann es aber zu restriktiven Einschränkungen kommen – sprich: Schlafplätze (vor allem erhöhte) sind Tabuzonen, die Benützung des Kistchens kann zum Spießrutenlauf werden und an den Futternapf darf die Geächtete nur, wenn absolut kein anderer in Sichtweite ist. Was fast immer zur Folge hat, dass diese neben (oder sogar in) den Schlafplatz pinkelt und kaum zum Fressen kommt.

Allerdings ist auch andersherum möglich, nämlich wenn sich die Neue clever eingliedert und eventuell eine der Altvorderen verdrängt – woran wir nicht immer unschuldig sind, werden die Braven gelobt und die, die sich am schwersten damit abfinden kann, wird nur getadelt und fühlt sich logischerweise zurückgesetzt. Was die Abneigung gegen den Eindringling weiter schürt und die Balance ist im Eimer.

 

 

MENSCH KONTRA ALPHA-SYNDROM

Variante eins

 

Durch Streicheln provozierte Aggressivität ist wahrscheinlich das bekannteste Phänomen, mit dem wir konfrontiert werden, obwohl es sich dabei nicht immer um ein Alpha-Tier handeln muss. Manche Katzen steigern sich nämlich „nur“ durch intensives Streicheln in eine Erregung, die sie anders nicht abbauen können, als uns Klauen oder Zähne reinzuhauen – oder unvermittelt aufzuspringen und sich davonzumachen.

 

Ø                 Was durch mangelnde Möglichkeiten, sich generell abzureagieren, zumeist begünstig wird, heißt: Sie spielen zu wenig mit ihr. Mit einer jeweils etwas später nachfolgenden heißen Spielsession (Federangel?) kann die aufgestaute Energie erst mal auf akzeptable Beutestücke umlenkt werden: Und machen Sie in Zukunft daraus zumindest ein-, zweimal täglich ein Ritual, lässt sich das soziale Einvernehmen samt Hausfrieden relativ schnell wiederherstellen. Gleiches gilt für

 

 

Variante zwei

Schlägt sie uns aber auch die Zeitung aus der Hand, attackiert im Vorbeigehen aus dem Hinterhalt die Beine oder hat sich angewöhnt, unsere Nase oder sonstige Körperteile schmerzhaft zu lädieren – et cetera pp., dann ist klar, dass wir es mit einer dominanten Katze zu tun haben, das Alpha-Syndrom voll zugeschlagen hat und sich der fügsame Besitzer seiner Unterordnung gar nicht bewusst ist: Nicht jede Katze und jeder Mensch können in gleichwertiger Partnerschaft leben.

Der Grundstein wird oft schon während der Aufzucht gelegt, wenn wir den kleinen Rüpel noch lustig finden, oder wenn wir dem Kitten Finger oder Hände als Spielzeug anbieten. Ziehen Sie jedenfalls

 

Ø                 niemals die Hand zurück, so lange Krallen/Zähne noch drin stecken, sie wird nur umso fester zubeißen bzw. die Krallen tiefer verankern. Schieben Sie die „Beute“-Hand sachte in die Gegenrichtung, dabei haken die Krallen aus bzw. gerät die Hand tiefer in den Rachen und sie wird das Gebiss öffnen. Dann fauchen Sie mal kurz & kehlig und lassen sie links liegen.

Ø                 Benutzen Sie in ähnlichen Situationen stets entweder den gleichen Schlüssellaut, z. B. ein Autsch mit hoher Stimme oder fauchen mal mit leicht gefletschten Zähnen (ideal wäre, wenn Sie dieses kurze, „spuckende“ Fauchen hinkriegen, üben sie ein bisschen, ist nicht so schwer) und verlassen ohne weitere Reaktion den Raum. Sie wird schnell den Zusammenhang begreifen, nämlich dass dieses Spiel unerwünscht ist und außerdem mit Ignoranz bestraft wird. Was zusätzlich Ihren Rang als Oberkatze bestätigt.

Ø                 Je nach Möglichkeit und Situation kann auch ein „Luftschlag“ helfen: Mit einem heftigen Drüberwischen erzeugen Sie viel „Wind“ knapp über den Ohren, wobei Sie die Spitzen durchaus berühren dürfen (aber nicht mehr). Was natürlich nur geht, wenn Sie gut im Zielen sind. Auch wenn Ihnen der Sinn danach steht: Die Ohren abreißen sollen Sie ihr nicht. Manche Katzenbesitzer beißen die Mieze bei ungebührlichem Verhalten auch – sachte! – ins Ohr, was ich freilich nur empfehlen würde, wenn Sie sicher sind, dass sie nicht (mitten ins Gesicht?) zurückschlägt. Übrigens: Am Nackenfell hochziehen und schütteln macht eine erwachsene Katze höchstens handscheu – und oft noch aggressiver.

 

 

ABER BITTESCHÖN:

 

Ordern Sie im Geiste nicht gleich bei jedem Wedeln eine Blutkonserve, sondern achten auf die Vorzeichen: Das beste, nämlich ein deutliches Flackern in den Augen, bleibt uns zwar meist verborgen, aber nicht das Peitschen mit dem Schwanz und die Anspannung im Körper (mit Zucken der Haut), die der möglichen Transfusion voranzugehen pflegen.

Und vergessen Sie niemals, dass Spielen - generell ideal, in diesem Fall aber der beste „Blitzableiter“, der es der Katze ermöglicht, aufgestaute Erregung abbauen zu können - ein unerlässlicher Teil der Therapie ist. Für alle Katzen. Aber warten Sie damit unbedingt, bis Sie nicht mehr auf 180 sind ...

 

DER GANZ NORMALE WAHNSINN

Im Alltag

 

Leider gibt es Situationen wie Sand am Meer, für die alle wir eine Katze nicht tadeln dürfen, weshalb hier nur Denkanstöße möglich sind. Definitiv und generell immer verboten sind jedenfalls Schläge und ruppiges Handling. Gewalt hat allezeit immer nur wieder Gewalt geboren! Bis kein Weg mehr zueinander führt.

 

Ø                 Schmerz-Reflex: Kriegen wir bei Berührung unvermutet eine gewischt, offenbart sich dadurch zumeist ein bislang unerkanntes Leiden, etwa kleinere Verletzungen, Zahnschmerzen oder andere Entzündungsherde (z. B. Niere);

Ø                 Ebenso zur Angst-Aggression gehört, wenn eine Katze auf ständigem Kriegsfuß mit dem Pflegepersonal steht und jedes Mal zur feuerspeienden Gewitterziege mutiert. Wie wär’s mal mit Abscheren (unter Narkose) und danach „richtig“ machen, heißt regelmäßig und ohne Qual? Für den nachwachsenden Flaum genügt eine streichelweiche Babybürste, später ein Kamm, die beide nur Übungs-Charakter haben, bevor es mit nachwachsender Pracht friedlich zur Sache geht. Jede Sitzung mit einer Belohnung abschließen (alltagstaugliche Tipps dazu finden Sie demnächst auch unter Zucht & Show – Grooming).

Ø                 Aggressivität bei „Übergriffen“ basiert auf unliebsamen Erfahrungen, z. B. unnachgiebigem Festhalten oder Hochziehen der armen Kreatur an den Pfoten bzw. am Nackenfell oder Ziehen am Schwanz. Ehrlich, das gehört sich einfach nicht!

Ø                 In die gleiche Kerbe schlägt folgendes Beispiel: Ein Kind will partout die Katze streicheln, die ausweicht bzw. sich bedrängt fühlt, vielleicht faucht und nach dem Kind schlägt (ohne es notwendigerweise dabei zu berühren), worauf es wegläuft. Merke: Hebe bei Kindern die Pfote und sie lassen dich in Ruhe! Gleiches Schicksal kann auch Tante Frieda, Handwerker oder den Postboten treffen. Da müssen Sie am anderen Ende der Fahnenstange vermittelnd eingreifen.

Ø                 Um zu verhindern, dass der Spielpartner attackiert wird, weil er nach Tierarzt riecht: Entweder immer beide mitnehmen, oder den Korb in einen geschlossenen Raum stellen und nach einer Weile im Fell beider Einheitsgeruch (Pheromonspray, Hefeflocken) verteilen. Sind beide mit Ablecken beschäftigt (wozu eine narkotisierte Katze natürlich wieder voll da sein muss), ist alles wieder im Lot. Der Trick kann auch beim Einzug eines Neuankömmlings helfen.

 

 

APROPOS TIERARZT

 

Die Tierarzt-Antipathie, die zu den Angst-Aggressionen zählt, resultiert in der Regel allein aus üblen Erfahrungen. Und die pflegen bereits beim Handling zu beginnen, wenn etwa zu den dicken Handschuhen gegriffen wird ... die das Problem in Wahrheit noch verschlimmern und sehr, sehr oft die eigentliche Ursache der Panik gewesen sind. Rekapitulieren Sie mal, wann diese das erste Mal benutzt wurden! Manche Tierarzthelfer fassen eine Katze grundsätzlich nur mit Handschuhen an, selbst wenn sie sich so gutherzig gibt, dass schon eine streng dreinblickende Maus sie erschrecken könnte. Oder packen sie am Nackenfell und machen sie platt, um jede Gegenwehr zu unterbinden. Da kann sogar die sanftmütigste Mieze völlig berechtigt zu den Waffen greifen!

Liegt’s nicht am Handling oder Sie können den Grund nicht herausfinden, starten Sie mal ein „Desensibilisierungsprogramm“ – siehe Artikel  Angst essen Seele auf.

Doc und/oder Tierarzthelfer (auch wenn sich Letztere manchmal etwas irritiert geben) haben bei mir keine Chance: Ich pflege meine Katzen ausnahmslos immer selbst aus dem Korb zu holen, auf den Tisch zu setzen und zu halten, bis die Aktion vorüber ist. Macht Sie allein schon der Gedanke nervös (was haben Sie denn bloß für eine seltsame Beziehung zueinander?), schlucken Sie eine Beruhigungspille, bevor sie an die Front gehen. Sie werden gebraucht!

 

 

PARTNERPROBLEME

 

Bei Aggression gegen einen Langzeitpartner kann eine lose Trennung und allmähliche Wiederannäherung erfolgreich sein. Beispiel: Beide Parteien bekommen je ein Zimmer für sich, mit Kratzmöglichkeit, Bettchen, Futterplatz und Toilette – das im 24-Stunden-Takt gewechselt wird, sodass sich keine Revieransprüche manifestieren, jeder mal im Bett wohnen kann und der „Gegner“ dennoch per Geruch immer anwesend ist. Nach Beruhigung können in Ihrem Beisein testweise mal die Türen offen bleiben und die Streithähne haben die Wahl zwischen Ignoranz, vorsichtiger Annäherung oder eiligem Rückzug. Oder graben das Kriegsbeil wieder aus, dann sind Sie wahrscheinlich zu schnell vorgegangen. „Gemeinsame“ Mahlzeiten mit einer Glas- oder (besser) Gittertür dazwischen können die Resozialisierung ebenso unterstützen wie später eine sachte dirigierte Aufforderungen zur Ermordung einer Federangel im Duett. Beim Spielen wird übrigens häufig gern darauf „vergessen“, dass man eigentlich gegen den anderen was hat.

Streitlust beim Futternapf ist bei einem Duo oder einer Minigruppe eher selten, weil Katzen eigentlich keinen Futterneid kennen (Vordrängen bei der Leckerli-Verteilung hat auch was mit Aufmerksamkeit zu tun), jedenfalls nicht, wenn sie entsprechend ernährt werden. Ist die Harmonie nicht ganz so wie Sie denken, kann es sein, dass eine bestimmte Reihenfolge eingehalten bzw. bisweilen Besonderes verteidigt wird, das es nur alle Jubeljahre gibt – dann häufen Sie halt den Teller voll, bis alle platzen. Oder stellen mehrere auf oder (besser) weisen einer/allen einen eigenen Futterplatz mit ausreichender Distanz (oder fehlendem Sichtkontakt) zu – eine Katze erhöht, eine am Boden, oft genügt es, wenn sie einander beim Fressen den Rücken zukehren (müssen).

Wird unvermutet ein Gruppenmitglied attackiert, kann gleichfalls ein eigenes Reich helfen, wo es unbehelligt leben kann und nicht auf Zuwendung verzichten muss. Besser wäre freilich, den Aggressor zu separieren, denn es ist gut möglich, dass er sich danach ein neues Opfer sucht ...

 

 

EINZELSCHICKSALE

 

Revierprobleme tauchen jedoch gelegentlich von ganz unvermuteter Seite auf, nämlich von außen: Der strategisch wichtige Fensterplatz kann die Beobachterin (meist ein Solotiger) plötzlich mit einem präsumtiven Feind konfrontiert: Tauben oder andere Piepmätze, eine andere Katze, die ums Vogelfutterhäuschen streicht oder sich sonst wie unbeliebt macht, eine Hunderauferei, eine schmetternde Sirene oder (ganz besonders), wenn bei Gerüstbau plötzlich ein fremder Mensch auf der anderen Seite der Glasscheibe herumspaziert. Genauso kann heftiges Gerumpel vor der Wohnungstür, etwa durch ein-/ausziehende Mieter oder Instandsetzungsarbeiten, die Katze gleichermaßen schon mal vom Sockel hauen.

In welcher Situation sie auch immer wie vom Donner gerührt erstarrt (manchmal sogar knurrt, aber meist unhörbar) – nicht anfassen, nur aus der Distanz ansprechen, damit sich die aufgestaute Erregung nicht gegen Sie richtet. Ablenkung durch z. B. einen klappernden Pingpongball oder ein auf den Boden geworfener Schlüsselbund kann Wunder wirken und Mieze kommt wieder „zu sich“. Generell zur Tagesordnung überzugehen und der Katze damit in die Routine zurückzuhelfen – also nicht anfassen, nur reden – und später ein paar harmlose Spielchen sind zumeist gut geeignet, auch unbekannte Wogen zu glätten.

 

 

SEILTÄNZER, IMMER MIT NETZ

 

Für alle Versuche gilt: Machen Sie halblang, keine Eile! Gibt es Rückschläge, müssen Sie eben wieder von vorn beginnen. Wenn Sie Ihre Katze lieben und mit ihr leben wollen (was ich doch hoffe), dann sollte es Ihnen den Aufwand wert sein.

Bedenken Sie, dass die friedliche Koexistenz mehrerer Katzen in der „künstlichen“ Umwelt unserer Wohngemeinschaften grundsätzlich ein komplizierter Balanceakt sein kann und es für ihre Anpassungsfähigkeit spricht, dass es in den meisten Haushalten überwiegend harmonisch zugeht – zumal wir bei der Wahl der Gruppenmitglieder ja keiner unserer Katzen ein Mitspracherecht einräumen.

Nur weil sie alle der Spezies Katze angehören, müssen sie einander noch lange nicht mögen. Geht uns doch auch nicht anders, oder?

 

 

 

 

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