Erziehung á la Klara Katz

DIE EROBERUNG DES PARADIESES

 

Oder: Erziehungslehrgang für Menschen und andere Tiere

Diktiert von Klara Katz

 

 

Kurz vor meinem achten Geburtstag ging mein Mensch endgültig verloren. Er war im letzten Jahr schon öfter mal weg, kam aber immer wieder zurück. Diesmal nicht, und es wurde noch stiller im Haus als vordem. Dann schoben mich fremde Hände in einen Transportkorb und nach zwei Stunden in diesem Schaukeldings, das die Menschen Auto nennen, setzte man mich in einem fremden Haus ab. Dort begann mein neues Leben, und damit es ein gutes würde beschloss ich, die Zügel nicht schleifen zu lassen wie vordem, sondern diese Familie gleich von Anfang richtig zu erziehen. Es hat geklappt Freunde, also lest und lernt ...

 

 

 

NUR WER FÄLLT, KANN SICH ERHEBEN

 

Ich möchte die Vorgeschichte nicht vertiefen, denn die letzten Monate waren wirklich ein Alptraum. Aber die neuen Menschen machten immerhin einen sehr freundlichen Eindruck und kraulten mich sogar zwischen den Ohren (hach, das hat gut getan!) – die einzige Stelle, wo mein Pelzchen nicht bis zur Unkenntlichkeit verfilzt war. Und als sie bemerkten, dass ich mich kaum bewegen konnte, weil es überall so fürchterlich ziepte, trugen sie mich ins Badezimmer, räumten mir in einem unteren Regal ein gemütliches Plätzchen ein und ließen mich erst einmal zur Ruhe kommen. Durch die offene Tür konnte ich freilich hören, wie sie sich unterhielten.

„In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so eine entsetzlich vernachlässigte Katze gesehen!“, sagte die neue Frau. „Und wonach in aller Welt stinkt sie bloß so erbärmlich?“ „Wir müssen sie sowieso vom Tierarzt untersuchen lassen“, meine der Mann, „gültigen Impfschutz hat sie ja auch keinen. Der soll sie in Narkose legen und abscheren, alles andere würde sie zu Tode erschrecken. Aber jetzt lassen wir ihr erst einmal ein paar Tage Zeit zum Eingewöhnen.“ Danke, ihr Menschen, das klingt gut. „Was sie wohl frisst?“, sinnierte die Hausfrau. „Eine Rassekatze! Grundgütiger! Hoffentlich ist sie nicht verwöhnt und nimmt das gleiche Futter wie die anderen, denn ständig Sheba kaufen und Hühnchen kochen, also nein, das geht wirklich nicht.“ Ach Leute, mein Magen ist so geschrumpft, dass ich gar nicht mehr weiß, was Hühnchen ist. Aber sie machen sich Gedanken, das lässt hoffen.

 

 

LEKTION EINS

 

Wenige Minuten später kam sie mit einem Wassernapf und einem Tellerchen Futter und stellte es vor mich hin. Und weil ich mich nicht rührte, setzte sie sich auf den Boden, wobei sie ziemlich stöhnte und seufzte, als würde sie gleich auseinanderbrechen, nahm ein Stückchen Futter und hielt es mir dicht vor die Nase. Büchsenfutter. Aha. „Dir ist der Hunger vergangen, nicht wahr? Armes Schätzchen!“ Sie kraulte mich wieder zwischen den Ohren, stellte allerlei Vermutungen an über mein bisheriges Leben und erzählte mir etwas aus ihrem. Dann rappelte sie sich ächzend wieder hoch und ließ mich allein. Dass mir in dieser Situation logischerweise nicht nach Essen war, brauche ich euch wohl nicht näher zu erläutern, das könnt ihr euch denken. Trotzdem, Freunde, auch wenn aus der Natur geboren: dieses war Teil der ersten Lektion.

Denn erstens wiederholte sich dieses Spielchen alle naselang und ich mochte zwar nach wie vor nichts essen, begann jedoch die Aufmerksamkeit allmählich zu genießen. Es war schön, wieder umsorgt zu werden, zum Dank schnurrte ich auch ein wenig. Und zweitens, siehe da, lag am nächsten Tag tatsächlich Sheba auf dem Teller. Die Frau bemühte sich, das musste man ihr lassen, also nahm ich höflichkeitshalber ein winziges Häppchen, worauf sie fast in Tränen ausbrach. Und das, Freunde, war erst der Anfang. Zunächst musste der Hund seine Hühnerherzen mit mir teilen ... nicht übel, aber gemach, gemach, zwei Bissen sind genug.

Doch von da an öffnete das Schlaraffenland seine Pforten ganz privat für mich, die Sahne floss praktisch in Strömen und in den nächsten Tagen wurden mir Leckereien gereicht, von denen ich nicht einmal mehr zu träumen gewagt hätte: Gekochtes Hühnchen, in Butter gebratene Putenbrust, gedämpfter Fisch, Streifen feinsten Rinderfilets, alles, was Fortunas Füllhorn nur parat haben konnte und natürlich jeweils frisch zubereitet. Trotzdem hielt ich mich zurück und akzeptierte jeweils nur wenige Häppchen, schließlich war ich auch noch nicht so ganz auf der Höhe, weil mir die aufgrund des verfilzten Fells bedingte Bewegungsbeschränkung und mein strenger Körpergeruch zu schaffen machten. Auch meine Gedärme waren irgendwie in Unordnung. Aber ich genoss die Besuche und die liebevolle, friedliche Zweisamkeit und zeigte es auch, denn meine neue Menschenfrau wuchs mir langsam immer mehr ans Herz.

 

LEKTION ZWEI

 

Sie war wirklich ungemein gut erziehbar, das muss ich schon sagen, beide eigentlich. Als sie bemerkten, dass ich Panik bekam, wenn im Waschbecken oder der Badewanne das Wasser lief, unterließen sie es. Sie grummelten zwar Unverständliches von wegen „Und wo sollen wir uns jetzt waschen und die Zähne putzen? Wenigstens hat sie keine Angst vor der Toilettenspülung, das wäre nämlich echt blöd.“ Offenbar hatten sie in der Zwischenzeit herausgefunden, auf welchem Weg man vorher versuchte, mich des Schmutzes am verklebten Hinterteil zu entledigen. Nämlich indem man mich in einen Eimer Wasser gesteckt hat. Und als die Hausfrau mit einem solchen anrückte, war die Krise perfekt, hatte ich doch keine Ahnung, dass sie bloß den Boden aufwaschen wollte. Heute weiß ich, dass ich in einem erstklassig gepflegten Heim lebe, aber damals lagen die Verbannung des Wassereimers und die anderen Einschränkungen meinem neuen Frauchen ziemlich schwer auf der Seele. Ebenso, dass sie den Besen nicht mehr schwingen durfte, weil ich mich davor graulte.

Anfangs wartete sie, bis ich mir im Bad ein Schläfchen gönnte, schob die Tür ein bisschen weiter zu, murmelte „Sie wird schon noch lernen, dass sie davor keine Angst haben muss“ und wischte und wienerte still und heimlich vor sich hin. Als ob ich das nicht bemerken würde! Obwohl sie sogar diese fürchterlich klappernden Holzpantinen unverzüglich gegen Leisetreter eingetauscht hatte und nun dankenswerterweise wirklich fast geräuschlos durchs Haus schlurfte – ein Labsal für meine Nerven! Mittlerweile erlaube ich ihr das Benutzen dieser Utensilien wieder und sie meinte, das hätte daran gelegen, dass sie die Dinger einfach mal herumliegen ließ und ich sie untersuchen und die Ungefährlichkeit feststellen konnte. Ich weiß es natürlich besser, will ihr aber die Freude nicht nehmen – sie tat mir einfach leid, weil sie so unglaublich daran zu hängen schien. Ts-ts. Wer hat schon Angst vor einem Eimer und einem simplen Besen?

 

 

LEKTION DREI

 

Nun, nach etwas mehr als einer Woche kam ich komplett runderneuert vom Tierarzt zurück und konnte mich endlich wieder bewegen, mich strecken, kugeln und putzen. Was für ein wunderbares Gefühl! Eine neue Ära brach an und es war an der Zeit, langsam mein neues Heim zu erkunden. Wirklich langsam, denn ich war nicht allein ...

Abends holten mich die Menschen immer wieder mal aufs Wohnzimmersofa, ich wurde tüchtig geherzt und geknuddelt und konnte so gut beschützt auch mit den anderen Tieren sprechen. Zwei alte Kater, sehr nett aber relativ uninteressiert an mir, eine freundliche schwarze Kätzin, die mich schon gelegentlich im Bad besucht und prüfend begutachtet hatte. Wir steckten kurz die Nasen zusammen und damit war klar, dass wir keine Probleme miteinander haben würden. Auch der von Anfang an gutherzig auf Respektabstand bleibende Hund erwies sich bei näherem Beschnuppern als absolut ungefährlich und avancierte schnell zum Freund. Nur die Graue hielt sich entfernt und machte ein ziemlich giftiges Gesicht. „Aramis ist eifersüchtig“, sagte Frauchen, „auf die müssen wir aufpassen.“ Mitnichten ihr Lieben, das erledige ich selbst. Und zwar pronto.

Ich hatte mir angewöhnt, vor dem Kamin zu träumen und meinen philosophischen Betrachtungen über das Leben allgemein und dieses im Besonderen nachzugehen. Nichtsdestotrotz blieb ich wachsam, also bemerkte ich die Graue sehr wohl, als sie sich mir hinter meinem Rücken über den Boden robbend näherte. Als Rassekatze hatte ich indes eine gewisse Erziehung genossen, soll heißen ich scheue keinen Kampf, sofern er unvermeidlich ist, aber ich bevorzuge die Kunst der Diplomatie. Selbige kann außerdem eine wesentlich effektvollere Erziehungsmaßnahme sein und in diesem Fall war Understatement angezeigt. Aramis renkte sich fast die rechte Pfote aus, um mit einer Kralle mein Hinterteil zu erreichen und mir eins drüberzuwischen. Meine Reaktion darauf war gleich null (Noblesse oblige!), nicht mal ein Barthaar zuckte, worauf die nicht übermäßig tapfere Angreiferin irritiert den Rückwärtsgang einlegte. Bäuchlings, wie sie gekommen war. Danach verlegte sie sich darauf, mich tot zu starren – sehr herzig, wirklich. Einfach ignorieren genügte vollauf.

Auch ihre Versuche, durch aufgeplustertes, breitbeinig starres Davorsitzen das Passieren der Tür in den Garten zu behindern, gewöhnte ich ihr im Handumdrehen ab, indem ich diesen Platz einnahm: Alle hüpften über mich drüber oder quetschen sich vorbei und ich machte Aramis deutlich, dass sie das genauso könne, ohne behelligt zu werden. Seither blieb die Tür frei, aber einer weiteren Kommunikation wie Konfrontation ging sie trotzdem aus dem Weg. Manche brauchen eben länger, da hilft nur Geduld.

 

 

LEKTION VIER

 

Die allmähliche Ausdehnung meiner Streifzüge vom Haus in den, wie ich feststellen konnte, ziemlich weitläufigen Garten und die damit gehäuft auftretenden Herzanfälle meines Frauchens haben eine weitere Lektion erforderlich gemacht. Anscheinend hat ihr jemand eingeredet, Rassekatzen wären blöd und wüssten sich nicht zu helfen. Von wegen. Vielleicht lag es auch daran, dass sie sich bloß Sorgen machte, weil sie mich mittlerweile genauso liebte wie ich sie. Jedenfalls bekam sie immer ganz rote Bäckchen und glänzende Augen, wenn Besucher meine Schönheit bewunderten. Na ja, Hochmut liegt mir fern, aber ich sehe schon ziemlich gut aus. Nun, wie auch immer, ich mochte ihr weder Kummer bereiten noch auf diese grandiose, neue Freiheit verzichten, also musste ich ein wenig mit ihr üben. Herrchen erwähnte zwar einmal, sie hätte keine Geduld – wir Katzen haben davon reichlich, also würde es schon gelingen. Das Training begann damit, dass ich auf Ruf unverzüglich herbeieilte und langsam von sofort auf fast gleich ausdehnte.

Dummerweise erwies sich das als Eigentor, denn das andauernde „Kläääärchen“ ging mir nachgerade auf die Barthaare und ich bin nun wirklich nicht permanent abkömmlich. Stellt euch vor: Ich trabe an und nichts ist los, kein erkennbarer Grund fürs Herbeizitieren vorhanden. Das kann‘s ja nicht sein, also kam ich erst nach mehrmaliger Aufforderung oder eben deutlich später, sagte „Hallo“ und trollte mich wieder. Lag ich im Haus und döste, kam ich gar nicht, denn da war ich leicht zu finden. Ich empfand wirklich Mitleid, aber da musste sie einfach durch und lernen, das Rufen nicht überzustrapazieren, und auf diese Weise klappte das erstaunlich schnell. Sie ist eben doch die Beste und seither belohne ich sie auch mit häufigeren, freiwilligen Stippvisiten und einigen Ritualen (wie dem unten geschilderten). So haben wir dieses Problem gleichfalls zur allseitigen Zufriedenheit gelöst und erst kürzlich hörte ich sie zu Herrchen sagen, ich sei viel anhänglicher geworden, seit sie mich meine Zeit nach eigenem Gutdünken einteilen ließe. Tja Leute, es geht eben nichts über gute Erziehung!

 

 

SCHLUSSPRÜFUNG

 

Unterdessen leben wir schon seit zehn Wochen zusammen, ich speise längst zusammen mit den Kumpels in der Küche und die tollen Leckereien, die anfangs für mich zubereitet wurden, fehlen mir überhaupt nicht mehr – dafür gibt mir Herrchen immer etwas von seinem Frühstück ab, ein Ritual, das viel mehr Spaß macht. Es haben sich auch allerlei andere kleine, allseits geliebte Gewohnheiten fest verankert. Für Frauchen beispielsweise hat Morgenstund‘ Gold im Mund, was immer das bedeuten oder sie mit dem Zeug zwischen den Zähnen auch anfangen mag. Um diese Zeit will ich gar nichts im Mund haben, sondern schlafen. Jedenfalls pflegt sie vor Tag und Tau aus dem Bett zu kriechen und in ihrem Büro etwas offenbar wahnsinnig Wichtiges zu machen, das sie Buchhaltung nennt. Was im Grunde nur darin besteht, Zeichen auf einen Fernseher zu malen, der außer diesem nichts zu bieten hat. Sehr langweilig, aber wenn es sie glücklich macht?

Kumpel Michi hat mir erzählt, Herrchen hätte so ein Gerät auch und nennt es Computerspielen, was eindeutig unterhaltsamer klingt. Aber in sein Büro dürfen wir leider nicht rein, seit einer der Altvorderen hinters Bücherregal gerutscht ist und nach erbärmlichen Hilferufen mühselig geborgen werden musste. Ja, wo war ich? Ach, bei Frauchens früher Vorliebe, der ich meinen Morgenschlaf opfere, indem ich jeden Tag getreulich aus dem Gemütlichen taumle und sie begleite, damit sie mit diesem öden Dingens nicht allein sein muss. Ich döse eben auf ihrem Schoß weiter und wenn sie endlich fertig ist, krieche ich wieder in die Federn zurück. Sie freut sich und ich kann ihr damit ein bisschen von der Geduld zurückgeben, die sie aufbrachte, als ich noch im Badezimmer hauste.

Apropos kriechen: Herrchen, bislang Privatbesitz von Aramis, wird nun hin und wieder auch von mir bewohnt – und da gibt’s was zu wohnen, das schwöre ich euch, da hätten wir alle Platz ohne drängeln zu müssen. Jedenfalls hat das Kriechtier nichts mehr dagegen und ich habe mich für diese Bezeichnung auch schon entschuldigt. Wir haben uns einander allmählich doch etwas mehr angenähert und gestern haben wir alle fünf erstmals in perfekter Teamarbeit einen Vogel zur Strecke gebracht. Besser kann‘s nicht mehr werden, oder?!

Danke, Familie!

Also Freunde, solltet ihr mal in eine ähnliche Situation kommen, dann wisst ihr wie man’s macht! Ich muss jetzt wieder ins Gemüse und Feinde beobachten. Man hat so seine Pflichten, wenn der Wachhund schlummert. Wenn ich Zeit habe, schreibe ich mal, wie’s weiterging. Ciao!

 

 

 

©   KatzenJournal, all rights reserved

Site Originated 04.09.2012