Kidnapping - Warum verschleppen Mütter ihre Babys?

 

 

 

KIDNAPPING

 

Warum Katzenmütter ihre Babys verschleppen

 

 

Bei frei lebenden Katzen scheint es ja noch verständlich, wenn die Mütter aus Sicherheitsgründen öfter mal das Nest wechseln, bevor der wehrlose Nachwuchs auf einer feindlichen Speisekarte landet. Aber warum tun Zuchtkatzen das (oft) auch, obwohl die Kleinen innerhalb unserer Behausungen wohlbehütet und sorglich betreut aufwachsen? Und: Kann man das „abstellen“?

 

 

 

FEIND IN SICHT?

 

Nicht nur in der freien Natur beginnen die mütterlichen Sorgen schon mit der Wahl des Nistplatzes für die Geburt – dunkel, still und tunlichst besucherunfreundlich muss er sein, um die Kitten vor Übergriffen zu schützen, wenn Mama auf Nahrungssuche unterwegs ist. Bei den Raubkatzen zählen auch männliche Artgenossen zu den Feinden, weil die Kätzin nach dem Tod der Jungtiere schneller wieder paarungsbereit ist. Für den Samenspender hat nämlich die Zeugung von so viel Nachwuchs wie nur irgend möglich absolute Priorität, bevor er möglicherweise selbst auf einen Stärkeren trifft und seinerseits abgemurkst oder sonst wie außer Gefecht gesetzt wird.

Ich erinnere mich noch an mancherlei Schauergeschichten von Züchtern, deren Kater sich angeblich gleichfalls am Kindersegen vergangen haben und konnte das einfach nicht glauben. Denn dieses Verhalten ist zwar angeboren, kommt aber bei domestizierten Katzen so gut wie nie vor. Es ist ja nun wirklich schwer vorstellbar – aber absolut auszuschließen ist es trotzdem nicht, wenngleich derlei sicherlich (Gott sei Dank) Ausnahmen sind und auch nur bei wenigen Rassen vorkommen (könnte). Jedenfalls kam mir schon ewig nichts derartiges mehr zu Ohren.

 

GEFAHR IM VERZUG

 

Selbstverständlich ist der Schutzmechanismus der Mutter gleichfalls angeboren und lässt sich daher nicht ausknipsen wie ein Lichtschalter, egal ob domestiziert oder nicht, weshalb auch Zuchtkatzen häufig schnöde der liebevoll vorbereiteten Wurfbox den Rücken kehren und in den Tiefen des Wäscheschranks verschwinden. Oder eben hartnäckig so oft den Platz wechseln, bis der genervte Mensch (brav!!) das Handtuch wirft und sich zwecks Geburtshilfe – oder danach, wenn die Bleibe als passend empfunden wird, zur Überprüfung des Kindeswohls samt Gewichtskontrolle täglich unters Sofa quetscht ...

Sind alle Kätzchen geboren, erhebt die Mutter zwar in der Regel kaum Einwände gegen einen Umzug ins unserer Meinung nach Bequemere, doch ist der Friede nicht immer von Dauer und schon ein paar Tage später kann die Luxusbleibe wieder verwaist sein. Und für die besorgten Zweibeiner hebt das große Suchspiel an, welches selten mit einem „hurra!, gefunden“ ein glückliches Ende findet, sondern sich über einige Wochen hinziehen kann - so lange, bis wir uns für geschlagen erklären und die Kitten nicht mehr ins angedachte Nest zurücktragen. Der Weisheit letzter Schluss liegt übrigens auch nicht darin, die kleine Familie in einem Raum abgeschottet zu kasernieren, sondern sie eben schlicht und ergreifend gewähren zu lassen und nicht zu versuchen, ihr etwas aufzuzwingen. Klappt sowieso nicht. Freilich ist das mitunter leichter gesagt als getan, weil so manche genervte Mama in letzter Konsequenz beschließt, sich in unerreichbar luftige Höhen zurückzuziehen - wer schon mal erlebt hat, dass eins der Winzlinge von der obersten Etage des Kratzbaumes herunterquäkt, wird wissen was ich meine.

Entwarnung gibt es oft erst dann, bis die Kätzchen flügge geworden sind und selbst nach Revierveränderung trachten. Ab diesem Zeitpunkt hat Mama andere Sorgen, nämlich die Schar zwecks lückenloser Beaufsichtigung einigermaßen zusammenzuhalten. Und bis dahin bleibt uns nur, Sicherheitsvorkehrungen auszuprobieren und schlecht zu schlafen ...

 

 

 

THEATERDONNER

 

Was aber kann diesen Schutzinstinkt so überhand nehmen lassen? Nun, da das erste Nest ausschließlich nach den mütterlichen Vorstellungen von maximaler Geborgenheit und Sicherheit gewählt wird, sind selbige Voraussetzungen logischerweise nicht gegeben, wenn wir ihr ständig die Kinder wegtragen. Auch durch allzu neugierige oder häufige Besucher kann das Nest als nicht mehr sicher angesehen werden – da gibt es übrigens keine Regel. Die eine Katze stört das wenig bis gar nicht, die andere hegt nur gegen bestimmte Zwei- oder Vierbeiner Animositäten und die nächste wiederum fühlt sich schon durch das tägliche Abwiegen der Kätzchen in ihrer Privatsphäre beeinträchtigt.

Manchmal sind auch Störungen rund um den Geburtstermin der Auslöser, etwa wenn tags zuvor Tante Hulda mit Dackel und sonstigem Gefolge eingerauscht ist oder sich der Lieblingsmensch aushäusig herumtreibt, die Mieze dessen Schutz vermisst und auf sich selbst gestellt sieht. Der absolute Megastress wäre zum Beispiel ein Ortswechsel, selbst wenn es nur kurzfristig mal eben zum Tierarzt geht (warum auch immer), kann das einen Schock zur Folge haben und das Vertrauen der Katze zu ihrem Menschen ist erstmal dahin. Vor allem Erstgebärende können auf Veränderungen so ungemein sensibel reagieren, dass schon Kleinigkeiten (aus menschlicher Sicht und daher häufig gar nicht realisiert) genügen, um die Verlässlichkeit und Sicherheit des Umfeldes infrage zu stellen. Der Möglichkeiten sind viele, das hängt vom individuellen Nervenkostüm ab und auch von der Beziehung, die Katze und Mensch zueinander haben – pflegt Ihr Muttertier das Versteckspiel schon seit Anbeginn und/oder über Jahre, sollten Sie das mal begrübeln. Vielleicht ist ja das Verhältnis nicht so freundschaftlich wie Sie dachten?

 

 

GUT GEMEINT WIEGT SCHWER

 

Lässt unsere Kompromissbereitschaft nachhaltig zu wünschen übrig, kann es vorkommen, dass bei den (auch für die Mutter) stressigen Dauerübersiedlungen nicht alle Kitten mitgenommen werden und eins zurückgelassen wird. Nun gehört das Zählen zwar nicht gerade zu den feliden Glanzleistungen, hat aber gar nichts damit zu tun, dass sie es etwa vergessen hätte – diese Reaktion geht auf unser Konto und es gibt zwei mögliche Erklärungen dafür, beide instinktgesteuert „eingegraben“ in jede Katzenseele.

Zum einen könnte das Kitten als Ablenkungsmanöver dienen, die Mutter „opfert“ uns quasi ein Kätzchen, weil wir ja offenbar unbedingt genau in dieser Box eins haben wollen - um die Geschwister künftig unbehelligt und störungsfrei betreuen zu können, sozusagen also deren Überleben zu „erkaufen“. So brutal und gefühllos das auch klingen mag – vor allem unverständlich, weil wir ja eigentlich nichts Böses im Schilde führen – so wird es aus dem Blickwinkel der „natürlichen“ Vernunft betrachtet durchaus verständlich. Denn aus der Sicht der Mutter schleichen wir ständig herum, entdecken schließlich jede Bleibe und nehmen ihr die Kinder weg. Wenn das keine Bedrohung ist!?

Wird in freier Wildbahn ein Feind über einen bestimmten Zeitraum hinaus in kritischer Nähe gesichtet, hat die Katze oft kaum Gelegenheit, rechtzeitig den ganzen Wurf in Sicherheit zu bringen - ohne entdeckt zu werden!! Sie bemüht sich zwar, kann aber nicht immer einen Verlust vermeiden. Dieses Opfer indes gibt ihr wiederum genügend Spielraum, so vielen Kindern wie möglich das Leben zu retten. Wobei sie hier selbstverständlich keinerlei „gedachte“ Entscheidung oder gar Auswahl trifft und durchaus, ist der Wurf in Sicherheit, das fehlende Kitten sucht ... um sich sodann ansatzlos den Überlebenden zuzuwenden, denn sie allein sind wichtig. Ähnlich zum Beispiel, wenn die Katze bei der Geburt keine Hilfe hat und aufgrund von Komplikationen oder großer Wurfstärke so geschwächt ist, dass sie bei dem/den Letztgeborene/n zur Erstversorgung nicht mehr imstande ist und es sterben lässt. Denn vorrangig ist allemal, stark genug für jene zu bleiben, die ohne sie alle nicht die geringste Chance hätten.

Erklärung Nummer zwei ist auch nicht wirklich lustig – und wäre immerhin ebenso durchaus auf Übergriffe seitens des Vaterkaters anwendbar: Wird der Eigengeruch der Babys von starken fremden Gerüchen überlagert, die nicht oder nur unzureichend als zur Familie gehörig eingestuft werden können, ist die Mutter manchmal nicht mehr in der Lage, den Nachwuchs zu „erkennen“. Damit gehört er für sie jedoch zu einer anderen Spezies und das könnte durchaus ein Beutetier sein. Nimmt das Drama seinen Lauf, weigert sie sich, das Kitten zu versorgen, verlässt es – oder frisst es sogar auf. Und genau so kann auch ein Kater reagieren. Ähnlich einem Youngster, der bisher noch nie mit Babys konfrontiert war und, so lange der Winzling keinen Pieps macht und damit den mütterlichen Sicherheitsalarm auslöst, freies „Spiel“ hat.

Bei unseren umhätschelten Schätzen kommt das zwar ausgesprochen selten vor, da sie an unsere Gerüche gewöhnt sind und auch neue Geruchskomponenten (wie jene von Besuchern) aufgrund des Vertrauensverhältnisses zu ihren Zweibeinern tolerieren. Trotzdem kann es irgendwann einmal auch der duldsamsten Katze zu viel werden ... und dann ist bestenfalls Umzug angesagt.

 

 

SÜSSE LAST

 

Beim Transport wird jedes Kätzchen am Genick hochgenommen, worauf es in die sogenannte Tragestarre verfällt – bitte machen Sie das niemals!! bei einer erwachsenen Katze, sie hängt mit ihrem gesamten Gewicht sozusagen an der Gurgel. Bei den Winzlingen ist es freilich wichtig, dass sie zu keinem Mucks fähig sind, um nicht womöglich einen Feind aufmerksam zu machen. Die Mutter hält den Kopf dabei hoch und das Kitten ringelt das Hinterteil samt Schwänzchen ein wenig bauchwärts, um sich möglichst klein zu machen und die Gefahr zu verringern, irgendwo unsanft anzustoßen und möglicherweise verletzt zu werden. Nur bei kleinen Fettbäuchen und längeren Strecken ermüdet die Mutter manchmal und lässt den Kopf sinken, sodass sie die süße Last eher schleift denn trägt. In dieser Stellung wehrlos hängen die Kleinen nun schlaff und still, bis Mama den Kiefer öffnet und sie einfach auf den Nestboden plumpsen lässt.

Keineswegs zimperlich und offenbar hart im nehmen scheinen die Winzlinge (meistens) auch ohne gröbere Blessuren davonzukommen, wenn sie an eine Kante rumsen, weil die Mutter bei der Überwindung eines Hindernisses – vorwiegend bei der Landung – den Höhenunterschied nicht ausgleichen kann. Womit ich nun niemand zu Spielchen animieren möchte, denn verletzlich sind die Schätzchen allemal und definitiv nicht gebaut für die „Späße“ kranker Gemüter.

 

 

RAN AN DIE MAUS

 

Mit ziemlicher Sicherheit ist (in jedem Katzenhaushalt) spätestens dann ein neues Quartier fällig, wenn die Kätzchen um die drei Wochen alt sind, denn nun ist nicht mehr nur Sicherheit oberstes Gebot, sondern es wird allmählich Zeit, sie an feste Nahrung zu gewöhnen. Die wichtigste Voraussetzung ist jetzt die größtmögliche Nähe zum besten Futterangebot. Ergo sind endlich!! Wäscheschrank oder Bettkasten out und es wird näher an die Beutegründe gewechselt - ungeachtet der Tatsache, dass wir den kleinen Schätzchen sowieso permanent gefüllte Schüsselchen hinterher tragen - um der Mutter sowohl die Verpflegung als auch den Unterricht zu erleichtern, wie man die noch etwas sperrige Beute am besten speisefertig kriegt. Und vor allem, dass dieses seltsame Zeug tatsächlich künftig die gemütliche mütterliche Bar ersetzen wird – hübsch langsam, denn eine Futterumstellung ist ein ausgesprochen sensibles Unterfangen.

Aber von nun an steht die Milchquelle immer seltener zur Verfügung, bis sie versiegt und die Kleinen an das Neue gewöhnt sind. Trotzdem nun weder dem Dosenfutter noch den von uns sorglich gefüllten Futternäpfen üblicherweise lebende Mäuse entspringen, deren Meuchelmord Unterweisung erfordern würde, ändert das nichts am feliden Verhaltensmuster – ersatzweise wird eben dem Kleinvolk ein Stückchen Fleisch oder Dosennahrung laut maunzend vor die Füße gespuckt. Soll heißen, dieses ist in der Tat essbar, auch wenn’s nicht danach aussieht und seltsam riecht, also macht mal.

Auch wenn wir nun schlafende kleine Kätzchen im Bücherregal, Geschirrschrank oder an anderen nicht minder seltsamen Orten finden - die pflegen sie in der Regel ganz allein zu entdecken, denn die mütterlichen Verschleppungsorgien haben ein natürliches Ende gefunden. Zumindest diesbezüglich können wir aufatmen, wenngleich in der Jungtieraufzucht noch lange nicht aller Tage Abend ist ... eher im Gegenteil ...

Übrigens: Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Kidnapping auch innerhalb einer Gruppe keine Seltenheit ist und sich schon mal eine „Tante“ eins ausleiht. Und nicht immer gewillt ist, es freiwillig wieder rauszurücken. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

 

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