Katzenwäsche

KATZENWÄSCHE

 

 

Hat ein Mensch eine Aversion gegen Wasser zum Zwecke der Reinigung, sprich er hält nicht wahnsinnig viel vom Waschen, betupft vielleicht morgens grade mal mit einem angefeuchteten Waschlappen sein Gesicht und das war‘s, dann wird das sprichwörtlich als „Katzenwäsche“ bezeichnet. Interessant. Denn mit dem peniblen Reinigungsritual unserer Katzen hat das absolut und rein gar nichts zu tun ...

 

 

SAUBERFRAU

 

Meines Wissens hat sich zwar noch niemand die Mühe minutiöser Aufzeichnungen gemacht, aber dass Katzen schier unglaublich viel Zeit für die Fellpflege verwenden, und dieses gleich mehrmals am Tag, ist auch ohne Dokumentation Fakt, weil unübersehbar. Manchmal hat sie es offenbar eilig und dann ist oft nur der Kopf dran, aber in der Regel wird jedesmal generalüberholt. Und zwar stets in der gleichen Reihenfolge nach einem festen Verhaltensprogramm, beginnend mit dem Belecken von Nase und Lippen. Dann wird abwechselnd jedes Handgelenk so lange immer wieder neu angefeuchtet – analog einem Waschhandschuh, vielleicht kommt daher das Sprichwort? – bis jedes Fleckchen des Gesichtes und rund um die Ohren picobello ist. Nur mit dem Kinn hat sie Schwierigkeiten und Kehle plus Nacken lässt sie komplett aus, weil sie da nicht richtig drankommt. An schwer erreichbaren Stellen wie diesen wird mit einer Hinterpfote gekratzt, bis jegliches Stäubchen die Flucht ergriffen hat. Über die Vorderbeine, Schultern und Brust geht es über Bauch, Analregion, Rücken und Hinterbeine Stück für Stück weiter bis zur Schwanzspitze, lückenlos und ohne Halbheiten. Nur wenn sie gestört wird kann es vorkommen, dass sie irgendwo anders weitermacht, als könne sie sich nicht mehr erinnern, wo sie aufgehört hat.

Während die Zunge mit langen, kräftigen Strichen über das Fell wäscht, wird zwischendurch auch regelmäßig geknabbert, das heißt, einzelne Haarpartien werden mit den Zähnen durchgekämmt. Besonders intensiv beknabbert werden die Zehenzwischenräume, wobei auch schon mal heftig an den Krallen gerissen wird. Und auch der Schwanz wird (für unsere Begriffe ziemlich irritierend) oft so heftig bearbeitet, als würde er permanent in einer Kloake hängen.

Das hört sich nicht nur lang an, das dauert tatsächlich, wird aber nichtsdestotrotz mehrmals täglich absolviert, ganz besonders nach den Mahlzeiten. Und ist dann endlich, endlich! alles adrett und zufriedenstellend, trabt ein Mensch daher und will knuddeln. Wonach die Prozedur von neuem beginnt ... wieso zum Geier fühlt sie sich schon wieder schmutzig?

 

 

GAUMENFREUDEN

 

Tut sie gar nicht. Ja klar, die Härchen liegen nicht mehr stramm geschlichtet und da muss wieder Ordnung rein, der Hauptgrund ist aber, dass wir beim Streicheln unseren Geruch übertragen und zum Teil damit den feliden Eigengeruch überdeckt haben. Das stört. Denn im Unterschied zu uns, deren Leben von visuellen Signalen beherrscht wird, stehen bei der Katze Gerüche im Vordergrund. Weshalb Menschenduft umgehend entfernt oder zumindest verwässert werden muss, sofern im Übermaß aufgebracht, weil wir z.B. stark schwitzen oder grade mit Seife die Hände gewaschen oder sie frisch eingecremt haben – alle intensiven Gerüche können nämlich das felide Wahrnehmungsempfinden trüben, darum mögen Katzen in der Regel auch Parfums oder Rasierwässer nicht leiden.

War unsere Duftspende allerdings moderater Natur, werden beim Ablecken unsere Signale „geschmeckt“, die wir mit den Schweißdrüsen unserer Hände übermittelt haben – was jetzt keineswegs heißt, dass wir sie etwa mit Schmutzfingern betatscht hätten. Mieze kann daraus in der Tat nicht nur unsere momentane Befindlichkeit ablesen, sondern genauso die Intensität dieses Kontaktes genießen. Durch das Putzen nach der Berührung werden wir also entweder schnöde weggewaschen ... oder aufgesogen wie eine Leckerei, weil Mieze sich uns besonders verbunden fühlt.

 

 

GESUNDBRUNNEN

 

Jede Katze schmeißt im Frühjahr ihre wollene Unterwäsche weg, je nachdem wie viel davon vorhanden ist selbstverständlich (entgegen landläufiger Meinung haben alle Katzen Unterwolle, auch z.B. Siamesen, nur halt sehr wenig), und natürlich erneuert sich auch das restliche Fellkleid regelmäßig übers Jahr verteilt (weshalb sie in geringem Maße auch das ganze Jahr über Haare verliert). Sie läuft also keineswegs ihr Leben lang in derselben Kluft herum, wechselt sie aber gleichwohl nie komplett wie wir. Klar muss daher pfleglich damit umgegangen werden, zumal sie innerhalb der Jahreszeiten der ständig wechselnden Witterung nichts ausgleichendes entgegenzusetzen hat – außer der Katzenwäsche, die nämlich auch eine wesentliche Funktion zur Thermoregulierung innehat. Da Mieze nur am Nasenspiegel und an den Fußsohlen Schweißdrüsen besitzt und Hecheln (wie beim Hund) keine ausreichende Kühlung bringen würde, wird im Sommer häufiger gewaschen, um durch Verdunsten des Speichels diesen Frische-Effekt zu bewirken.

Nach einem Sonnenbad steht übrigens nicht nur deshalb eine wahre Putzorgie auf dem Programm, sondern auch weil die Sonnenstrahlen auf dem Fell essentielles Vitamin-D erzeugen, das als wichtiger Nahrungsbestandteil auf diese Weise aufgenommen wird. Zwar nur in geringen Mengen, aber immerhin Natur pur. Übrigens reichen täglich 20 Minuten zum Auftanken – auch für uns.

Nun ist das Haarkleid generell ein Spiegel der Gesundheit und ein gepflegtes, sauberes Outfit durchaus geeignet, in gewisser Weise präventiv Krankheiten zu begegnen und/oder z.B. Parasiten die Okkupation zu erschweren bzw. sogar abzuwehren. Mieze sorgt vor, soweit sie eben kann. Und wäscht und wäscht. Denn die Hornstacheln auf der Zunge entfernen nicht nur Unerwünschtes wie Parasiten, Schmutz und abgestorbene Haare (die danach zumeist zwangsläufig geschluckt werden müssen!), sondern sorgen außerdem ähnlich einer Massage für gute Durchblutung. Obendrein werden beim Putzen die Hautdrüsen an der Wurzel jeden Härchens stimuliert, deren Sekret das Fell wasserdicht halten, sodass Mieze sich nicht erkältet. Für Sofatiger wäre das zwar entbehrlich, aber schaden kann’s ja auch nicht.

 

 

FRÜH ÜBT SICH

 

Die Katzenwäsche ist eine der ersten von Kätzchen erlernten Verhaltensweisen und bereits im zarten Alter von drei Wochen werden (zum Entzücken der beobachtenden Zweibeiner) ernsthaft und konzentriert Putzbewegungen geprobt. Wobei bereits das zu Beginn erwähnte Schema erkennbar ist, aber da die Kleinen sich noch leicht ablenken lassen, bleibt’s hin und wieder beim Wollen oder es entsteht der Eindruck als würden sie grübeln, ob sie nicht doch was Besseres vorhaben. Jedenfalls ist mit der sechsten Lebenswoche die Lehre bereits abgeschlossen und die Kätzchen können’s alleine. Trotzdem putzt Mama ständig am Filius herum, auch die Geschwister – und häufig sonstige Anverwandte – beteiligen sich am Gemeinschaftsbad. Was mancherlei Vorteile hat, denn erstens werden auf diese Weise schwer zugängliche Körperstellen ganz einfach gereinigt und zweitens, sehr viel wichtiger, das fürs spätere Leben entscheidende Sozialverhalten geübt = Prägungsphase.

Innerhalb jeder Gruppe (selbstverständlich auch Erwachsener untereinander) festigt die gegenseitige Fellpflege sowohl die soziale Stellung als auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit (ja, auch die sogenannte Einzelgängerin Katze schätzt und braucht das) und hilft, Aggressionen abzubauen. Das heißt, es geht hier weniger um gegenseitige Hygiene als um den Ausdruck sozialer Bindungen und die Festigung freundschaftlicher Verhältnisse.

Welche keineswegs auf Artgenossen beschränkt bleiben müssen. Sollten Sie also morgens mal mit einer total neu gestylten Frisur aus den Federn klettern und Ihnen im wahrsten Sinne des Wortes die Haare zu Berge stehen, heißt das lediglich, dass Sie der felide Liebling in die Gemeinschaft aufgenommen hat ... also verkneifen Sie sich unfreundliche Verbalattacken und greifen bitte mit entsprechend dankbarer Rührung zu Haarshampoo und Fön ...

 

 

KRISENSITZUNG

 

Vermehrte Fellpflege wird auch dann angewendet, wenn Miezes Nervenkostüm aus dem Lot gerät – plötzliches heftiges Putzen ist die klassische „Übersprungshandlung“ bei Unsicherheit, Nervosität oder sonstigen inneren Konflikten. In derlei Situationen kratzen wir uns ja auch gelegentlich am Kopf, während Mieze wäscht. Zum Beispiel weil sie infolge eines verflixt peinlichen Irrtums ihren Menschen angefaucht hat. Oder dieser sie beim Käsekuchen-Klau auf frischer Tat ertappt hat. Oder wie mein Tortellini (ich weiß, das sind Nudeln. Bei mir ist es ein Kater mit einer Vorliebe für ebendiese, allerdings nur mit Sauce), der als selbsternannter Ernährungsminister meines Clans permanent Nachschub begehrt und bei Hinweis auf den halbvollen Teller in der gleichen Sekunde indigniert eine Putzorgie startet. Als aufmerksame Katzenfreunde könnten wir alle mit ähnlichen Beispielen zweifellos Enzyklopädien füllen, also belasse ich es bei dem kleinen Beispiel.

Ist das Problem allerdings weniger „alltäglicher“ Natur und die Katze weiß sich keinen Ausweg aus der sie bedrückenden Misere, kann die Katzenwäsche bedrohliche Formen annehmen. Die hektischen Attacken auf das Haarkleid lassen es zu einem mottenzerfressenen Unikum verkommen, das Haar kann sich gleich büschelweise lösen oder es fällt zuerst das zarte Fellchen an der Innenseite der Schenkel und Beine, am Bauch und der Schwanzunterseite dem Kahlschlag der rauen Katzenzunge zum Opfer. Feuerrot und oft blutig glänzen dazwischen die nackten, malträtierten Hautpartien, Pusteln und Geschwüre können folgen. Die arme Mieze wird von Juckreiz gequält und wir haben es wahrscheinlich mit einer psychogenen Alopezie zu tun = eine Allergie nervösen Ursprungs. Ebenso kann Vernachlässigung oder ein neuer Hausgenosse die Ursache für den Putzzwang sein – oder ganz simpel die Kastration, mit der aus (für uns) unerfindlichen Gründen die kleine (meist weibliche) Katzenseele nicht fertig wird. Was übrigens etliche Wochen, manchmal sogar erst Monate später derart zum Ausdruck kommen kann.

 

 

KAMPFHANDLUNGEN

 

Auch Aggressionen versuchen Katzen oft mit stürmischen Putzorgien zu begegnen, entweder um sich selbst zu beruhigen (ist ja kein übles Ablenkungsmanöver, ich verschwinde auch in meiner Badewanne, wenn ich bei der Lösung eines kniffligen Problems nicht und nicht weiterkomme), oder aus Unsicherheit, weil sie die Reaktion ihres Gegenübers (noch) nicht präzise genug einschätzen kann. Oder weil ihr einfach gar nicht nach Krieg zumute ist und/oder um ihrerseits Entwarnung zu signalisieren. Bei den vielfältigen diffizilen Ritualen zwischen Katzen untereinander wäre die Liste relativ lang.

Nur wenn sie die Ohren zurücklegt, sich ständig die Lippen beleckt und womöglich auch noch der Speichel tropft, sollte – wer auch immer – geordnet der Rückwärtsgang einlegen, möchte er kein Blutbad riskieren.

Falls Sie sich übrigens fragen, wo in aller Welt sie bloß immer so viel Spucke hernimmt: Der Speichelfluss kann willkürlich je nach Bedarf reguliert werden. Fast wie bei einem Wasserhahn ...

 

 

 

 

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