Haben Katzen Humor?

HABEN KATZEN HUMOR?

 

 

Bei keinem anderen Haustier machen wir uns so viele Gedanken ums tierische Gefühlsleben wie bei den Katzen. Dass sie Gefühle in vielen Facetten haben und nicht nur traurig, miss- oder gutgelaunt oder sogar depressiv sein können, wird ihnen ja hoffentlich kaum noch jemand absprechen – aber Humor? Ist das nicht eine zutiefst menschliche Eigenschaft?

 

 

MENSCHLICH-ALLZUMENSCHLICHES

 

Na ja, Witze erzählen sie keine ... Wir haben jedenfalls einige Verhaltensweisen mehr oder weniger für uns reserviert, vor allem aus der moralischen Ecke, obwohl man Katzen eine Art Moralempfinden nicht absprechen kann. Es folgt auch nicht wirklich anderen Gesetzen, sondern geht sozusagen zurück zum Ursprung. Sie können zwar nicht wie wir zwischen Gut und Böse unterscheiden (und sich dann trotzdem nicht darum scheren), aber das ist auch keine zwingende Grundvoraussetzung für das, was wir mit „aufrechter Gesinnung“ bezeichnen. Katzen sind von Natur aus ehrlich und weder gemein noch wollen sie uns vorsätzlich ärgern. Und beleidigt sind sie auch nie, selbst wenn’s mitunter so aussieht.

Das, was wir so unschön (und genauso falsch) mit „berechnend“ bezeichnen, kriegen sie insofern schon hin, als ihre instinktgesteuerte Welt vorwiegend sozusagen schwarz oder weiß ist und aus Aktion und Reaktion besteht. Auch die Grauzonen sind das Resultat von Beobachtungen und Erfahrungen und zeichnen in Summe das individuelle Bild, das wir sehen. Wiewohl nicht immer verstehen. Wenig verwunderlich, haben wir doch trotz gleicher Spezies schon mal Verständigungsschwierigkeiten mit den Nachbarn, von den Chinesen ganz schweigen. Und wenn es um die Zuneigung geht, die Katzen uns entgegenbringen – nun, natürlich wissen sie sehr gut, welches Verhalten für sie mit Vorteilen verbunden ist (tun wir ja auch), wirklich bestechlich sind sie jedoch nicht. Das ganz besondere Leckerli, auf das Mieze so abfährt und das es möglicherweise nur alle heiligen Zeiten gibt, kann sie also durchaus verschmähen oder der Mensch, der sich verrenkt, um ihr alles recht zu machen, trotzdem Personal bleiben – während sie ein Familienmitglied, das sich für unsere Begriffe vielleicht kaum um sie kümmert, regelrecht umschmeichelt. In der Liebe gibt es keine Kompromisse. Allerdings wird diese keinem zuteil, der sie ernsthaft schlecht behandelt. Trotz Schläge treu bis in den Tod? Niemals!

Mitsamt ihrem reichen Gefühlsleben und einer gewissen Neigung zu Ausnahmen, die Katzen zum fleischgewordenen „Vielleicht“ werden lassen, sind sie in erster Linie Rationalisten, denn anders hätten sie weder überleben noch sich so perfekt behaupten können. Wie passt da der Humor hinein?

 

 

GUTE FRAGE

 

Humor ist, wenn man trotzdem lacht? Das ist Galgenhumor und bleibt definitiv uns überlassen. Genauso wie einige Facetten dessen, was wir lustig finden und mit dem Katzen so richtig überhaupt nichts anfangen können – etwa Verkleiden. Maskerade im Fasching oder ein Mützchen an Weihnachten beispielsweise, da fällt uns ja schon mal allerlei ein, besonders wenn die schnurrige Idee gefilmt werden soll, damit auch die Nachwelt was davon hat. Das Internet ist voll skurriler Bilder – und nur ausgesprochen selten sieht das Opfertier erheitert aus, sondern fühlt sich eher unbehaglich. Dennoch dürften sie für stille Komik sehr wohl etwas übrig haben.

Eine Vielzahl von Katzenfreunden, mich eingeschlossen, hat in ganz bestimmten Situationen etwas in den Katzenaugen aufblitzen sehen, das einfach nur Humor sein kann. Böse Zungen würden es als Schadenfreude bezeichnen, weil wir es sind, deren Scheitern von einem uns untergeordneten Wesen (?) belächelt wird, aber das erlaube ich mir heftig zu bestreiten. Gefühlsmäßig, okay, da es an gezielten wissenschaftlichen Erkenntnissen mangelt, doch passt Schadenfreude bei Katzen einfach nicht ins Bild. Ein feines Gespür für Situationskomik traue ich ihnen indes allemal zu – nicht aber, dass ihnen diese bewusst ist. Ein beträchtlicher Unterschied! Insofern lachen sie uns auch sicherlich nicht aus, wenn wir einen besonderen Bock geschossen haben, sondern die Verwunderung über die Seltsamkeiten, die Menschen so drauf haben können, erfährt quasi eine gewisse Steigerung, die Erheiterung gleich- oder zumindest sehr nahe kommt. Wir sind nun mal eine drollige Spezies und gut für Unterhaltung verschiedenster Art.

 

 

KASPERN MIT SYSTEM

 

Andersherum haben Katzen schnell heraus, was uns zum Lachen bringt, obwohl sie es nicht konkret genau auf selbiges anlegen, sondern eher auf die entspannte Stimmung, die dadurch entsteht. Weil sie harmoniesüchtig sind. Und weil sie Freude daran haben, uns eine solche zu machen – allen Ernstes. Als Beobachtungstiere mit einer schier endlosen Geduld reagieren sie sehr fein auf unser Verhalten und registrieren jede positive Verstärkung, sodass sie bisweilen zweifellos gezielt versuchen, unsere Laune in die heitere (weil umgänglich-joviale) Richtung zu lenken.

Auslöser ist in der Regel der Zufall, etwa wenn ein akrobatischer Kletterakt misslingt, Mieze verdattert notlanden muss und/oder auf dem Allerwertesten ins Rettende rutscht. Oder ein Stückchen Schinken mopst und auf der Flucht verliert (worauf es prompt von ihrem Kumpel verspeist wird und die Räuberin mit einem unverkennbar verblüfften Gesichtsausdruck zurückbleibt). Gelegentlich muss auch der Familienhund dran glauben, der verdutzt aus dem Tiefschlaf schreckt, wenn ihm aus dem Hinterhalt spielerisch eine neue Frisur verpasst wird. Wer das schon mal beobachtet hat, weiß, dass Katzenaugen lachen können ... Andere drücken die Toilettenspülung genau in dem Moment, wo wir das eigentlich nicht haben möchten, fummeln die Schnürsenkel aus den Schuhen oder deponieren halbzerkaute Futterbröckchen respektive Spielsachen darin, angeln die Olive oder den Strohhalm aus dem Cocktailglas oder kaspern vor allem dann herum, wenn Gäste da sind. Manches mag zunächst Entrüstung auslösen, worauf sich Mieze mehr oder weniger diskret zurückzieht, aber wenn die unfreiwillige Komik überwiegt und wir uns das Lachen nicht verkneifen können, dürfen wir der Wiederholung relativ gewiss sein. Aber dann mit voller Absicht.

Ob es sich um eine solche oder um ein nichtprovoziertes „Missgeschick“ handelt, lässt sich leicht am feliden Verhalten ablesen: An der sogenannten Übersprungshandlung, bei welcher sich Mieze unmittelbar darauf (verlegen?) zu putzen anfängt, irritiert die Pfote/n schüttelt oder eine kleine Gymnastikübung einlegt, danach würdevoll davon stakst und so tut, als wäre rein gar nichts gewesen. Aufgrund der überraschenden Wende ihrer Aktion aus dem Konzept gebracht, baut sie damit die Spannung (und je nach Bravourstück wohl auch ein bisschen Stress) ab. Unterlässt sie das und wartet auf unser Lachen, Applaus oder (tröstende) Streicheleinheiten – ja, dann hatte der Aktion Methode.

Vielleicht wäre es eine Fehlinterpretation zu behaupten, Katzen würden damit ihren Sinn für Humor unter Beweis stellen. Aber ganz ausschließen lässt es sich wohl nicht, oder?

 

 

TIERISCH LUSTIG

 

Dass Humor in der Evolution einen festen Platz hat, geht beispielsweise aus Witzen hervor, welche die Assyrer rund 4000 Jahre vor Christus in Hieroglyphen festgehalten haben. Die Übersetzer vermerkten überrascht, dass (schon damals) bevorzugt Darmgeräusche Ziel der Spottlust gewesen sind. Nun wird zwar Humor nicht als Wissenschaft für sich angesehen, das hindert Forscher, die diesbezüglich auch auf tierischen Pfaden wandeln, aber keineswegs, sich regelmäßig zusammenzufinden und mit mehr oder weniger gebührendem Ernst darüber zu diskutieren (2010 in Turin). Etwa was sich bei vermuteter Heiterkeit im tierischen Gehirn abspielt - oder um in unfreiwilliger Komik Lachgeräusche zu imitieren. Zum Beispiel das Protolachen genannte Stakkato-Schnauben von Primaten.

Von diesen weiß man jedenfalls schon länger, dass sie lachen und dass dies eine soziale Funktion hat. So signalisieren sie damit beim Spielen, dass sie keine aggressiven Absichten haben, selbst wenn sie beißen oder schlagen. Und zeigen dabei ein Spielgesicht, das einige Forscher als Urform des menschlichen Lächelns interpretieren. Darüber hinaus gibt es deutliche Hinweise fürs Unterscheiden zwischen Spaß haben und Spaß machen. Der mit Schimpansen arbeitende Biologe Hartmut Rothgänger von der Charité in Berlin ist jedenfalls überzeugt, dass sie zumindest Sinn für Slapstick haben.

Doch nicht nur Menschenaffen können nachweislich lachen, auch Ratten. Der Psychologe Prof. Dr. Schwarting von der Universität Marburg fand heraus, dass vor allem junge Ratten lachen, wenn man sie kitzelt, ähnlich wie bei Menschenkindern. Auch beim Spielen miteinander wird gelacht, um genau wie die Primaten anzuzeigen, dass der mitunter recht ruppige Kontakt nicht ernstgemeint ist. Mitlachen können wir freilich nur nach Gefühl, denn das Gekicher der Nager liegt für uns unhörbar im Ultraschallbereich bei etwa 55 kHz. Und während einige Forscher vermuten, dass zumindest die Säugetiere – und Katzen sind ja nun unbestreitbar solche - und vielleicht sogar einige Vögel lachen können, reagieren andere sogar bei den Menschenaffen zurückhaltender wenn es darum geht, ihnen Humor zuzuschreiben. Und sprechen dann vorsichtig von einer Vorstufe zum Humor. Immerhin.

Weil Lachen wie Witze erzählen ja schließlich auch nur Teilbereiche sind. Und die Frage, ob Tiere auch Humor haben, lässt sich insofern nicht eindeutig beantworten, als sich über etwas zu amüsieren eine subjektive Empfindung ist, die sich ohne entsprechende Kommunikation nur schwer beweisen lässt. Gleichwohl scheint in den Forscherseelen eine gewisse Einigkeit zu herrschen, sogenannte Spindelneuronen als entscheidende Voraussetzung für tierischen Humor anzusehen. Auch Delphine, Wale und Elefanten haben diese besonderen Hirnzellen (womit wir wieder bei den Säugetieren wären), und bei allen gibt es Berichte über die Fähigkeit zu humorvollem Verhalten. Sicher, es sind Menschen, die das interpretieren und in Worte fassen, und Wissenschaftler sind ja auch nur solche, aber eine andere Möglichkeit steht uns ja nun mal nicht zur Verfügung.

 

 

DEM HUMOR AUF DER SPUR

 

Sowohl die Besonderheit ihrer Farbvererbung als auch das „Geheimnis“ ihres Verhaltens beschäftigt schon lange zahlreiche Forscher und hat uns viele interessante Einblicke beschert. Um dem Humor auf die Spur zu kommen, ist freilich ein besonders entspanntes, lockeres Umfeld ohne jedweden Stress erforderlich. Da haben’s die Wissenschaftler ein wenig schwer, eine entsprechend große Gruppe über lange Zeit unbemerkt beobachten zu können. Wir nicht.

Fragen, ob und warum unsere Katzen etwas lustig finden, können wir sie natürlich auch nicht. Aber was ist besser geeignet als das Zusammenleben, um es herauszufinden? Nun, in etlichen Jahrzehnten konnte ich noch nie Anzeichen erkennen, dass sich eins meiner Schätzchen irgendwann ausgeschüttet hätte vor Lachen. Und wiewohl herzlich dazu neigend, bezweifle ich auch, dass sie dafür einfach zu diskret sind. Nicht aber, dass ihnen Schmunzeln und Heiterkeit fremd sind, weil man das an den Augen ablesen kann. Insofern wäre es echt lachhaft, ihnen Humor abzuerkennen.

 

 

GOOD VIBRATIONS

 

Wer übrigens in Erwägung ziehen sollte, das Schnurren damit in Verbindung zu bringen, ist auf dem Holzweg. Dieser wohlig klingende Sound mit einem pulsierenden Ton von (bei Hauskatzen) zwischen 23 und 30 Hertz (mitunter bis zu 50 Hertz) erfüllt zwar genauso wie das Lachen eine soziale Funktion, wird aber vielfältiger eingesetzt. Denn Katzen schnurren nicht nur, um sowohl „alles in Butter“ als auch den Wunsch nach Beibehaltung des Kontaktes auszudrücken, sondern genauso, wenn sie verletzt sind, Schmerzen oder Angst haben, und sogar wenn der Sensenmann naht. Ringen wir uns in solchen Situationen ein Lächeln ab, ist es ja auch nicht lustig gemeint.

Mittlerweile ist bekannt, dass fast alle Katzen schnurren außer dem Tiger, dessen Kehlkopf anders strukturiert ist, sodass er bloß ein abgehacktes f-f-f-f zustandebringt. Und weil die Frage, warum Katzenartige das überhaupt tun, als ungelöstes Rätsel gilt, beschäftigt das die Verhaltensforscher natürlich umso mehr. Elisabeth von Muggenthaler vom Fauna Communications Research Institute in North Carolina bringt es auf den Punkt: „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die aufs Energiesparen bedachte Evolution einen solchen akustischen Luxus geschaffen hätte, wenn er keinen handfesten Vorteil im Überlebenskampf bringt. Eine mögliche Erklärung bieten Experimente aus den letzten Jahren: Schnurren erhöht die Fitness!“ Durch eine Beschallung mit Vibrationen zwischen 20 und 50 Hertz wird eine höhere Knochendichte, schnelleres Knochenwachstum und eine verkürzte Heilungsdauer bei Verletzungen erreicht. Abgesehen davon bedarf das Skelett (auch unseres) bis ins hohe Alter der Stimulation, um fit zu bleiben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Katzen aufgrund körpereigener "Ultraschalltherapie" ihre Knochenheilung anregen, ist jedenfalls so abwegig nicht. Jeder Veterinär und jeder Orthopäde weiß, dass Brüche bei Katzen relativ leicht heilen, während es bei Hunden oder auch Menschen oft Probleme gibt. Bei ihren umfangreichen akustischen Messungen an Katzenartigen stellten die Wissenschaftler des Fauna Communications Research Instituts zudem fest, dass das Schnurren der Feliden immer genau in das Frequenzspektrum fiel, das im Experiment das anabolische Knochenwachstum unterstützt.

Abgesehen davon, dass Studien mit Hühnern und Hasen den heilsamen Effekt bestätigten, ist in der Literatur empirisch belegt, dass Schwingungen zwischen zwei und 100 Hertz das Auflösen von Muskelkrämpfen beschleunigen, weshalb sie routinemäßiger Bestandteil in der russischen Sportmedizin sind. Eine niederfrequente Schallbehandlung könnte etwa auch dem Auftreten von Osteoporose bei Frauen entgegenwirken. Und es ist auch nicht auszuschließen, dass das Schnurren noch weitere Funktionen hat, von denen wir noch gar nichts wissen. Es bleibt also spannend.

Ja nun, Miezes „Musiktherapie“ hat mich etwas vom humorigen Thema abgebracht, aber Schnurren für die Wissenschaft – das ist irgendwie schon amüsant. Oder? Doch um wieder brav zum Eigentlichen zu kommen: Humor im klassischen Sinne bedeutet schlicht „gute Laune“ haben. Und das können Katzen allemal ... 

 

 

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