Das Leben "danach" - Kastration und die Folgen

 

 

DAS LEBEN „DANACH“

 

Kastration und die Folgen

 

Plus Homöopathie-Tipp zur Vor- und Nachsorge

 

Mit „danach“ ist natürlich nicht das Jenseits gemeint und dieses soll auch keine esoterisch angehauchte Abhandlung werden – es geht darum, welchen Einfluss die Kastration auf eine Katze hat und welche Veränderungen damit verbunden sind. Oder verbunden sein können, je nachdem wo sie lebt und nicht zuletzt, welcher Doktor Hand an sie gelegt hat ...

 

 

 

SCHWERE ENTSCHEIDUNG

 

Merkt eine Katze, dass „da etwas fehlt“, wenn sie aus der Narkose erwacht? Nein. Sie wird sich nicht wahnsinnig gut fühlen, weil taumelig und wehrlos, solange sie nicht wieder alle Fünfe beisammen hat. Freilich eine an sich üble Konstellation für ein Raubtier, so domestiziert es auch sein mag, weil es sich in Krisenzeiten am ehesten auf sich selbst verlässt. Und wenngleich Mieze der Brummschädel vermutlich erspart bleibt, so ist die eingeschränkte Kontrolle der Sinnesleistungen und des Bewegungsapparates allemal eine veritable Krise. Der die fremde Umgebung samt unangenehmer Gerüche noch eins draufsetzt.

Zumeist rücken die Tierärzte die Katze nämlich erst raus, wenn sie vollends „da“ ist, also einige Stunden nach dem Eingriff, oder behalten sie überhaupt von morgens bis abends bzw. über Nacht. Weniger (aber auch) um werktätigen Katzenbesitzern entgegenzukommen oder weil diesen häufig allein schon beim Drankdenken ganz flau wird, sondern eher aus Sicherheitsgründen, um eventuell auftretende Probleme rechtzeitig aufzufangen. Je nach Praxis ist indes die permanente Überwachung nicht immer gegeben, weil der Veterinär ja seinem Tagewerk nachgehen muss und danach heim will. Und seit ich mal ein Mädel über Nacht dort lassen musste, das an Kreislaufversagen starb, derweil die „Nachtschwester“ in ihrem Kabäuschen in einem Buch las, kam es für mich nie mehr in Frage, die Mieze abzuladen und Punkt. Also unterschrieb ich tapfer jedes Mal einen Revers, um den Mediziner der Verantwortung zu entheben und klebte auf meinem Sessel im Warteraum, um sofort nach vollbrachter Tat meine Katze mit nach Hause zu nehmen. Wo sie in vertrauter Umgebung aufwachen konnte. Meines Erachtens sowieso eine unschätzbare Hilfe für das felide Nervenkostüm. Für das des Besitzers allerdings weniger.

Aber das muss nun jeder für sich selbst entscheiden. Und falls Sie wissen wollen, worauf Sie sich da einlassen: Bitte schön ...

 

 

RUHIG BLUT – WIE LANGE?

 

Während der Heimfahrt wird Mieze noch schlummern oder allmählich mal versuchen, den Kopf zu heben, der dann wackelt, als wäre er nicht gut genug angeschraubt – die Katze versucht, das verschwommene Sehfeld zu fokussieren. Ein gutes Zeichen, dass die Narkose mit sicherer Hand dosiert wurde, aber kein Grund zur Panik, falls diese ersten Aufwachanzeichen noch ausbleiben. Meiner Erfahrung nach dauert es nie mehr als eine, maximal zwei Stunden, aber jedes Individuum reagiert anders. Im Prinzip hängt es indes vom Narkosemittel, der Dosierung und der Form des erforderlichen Eingriffs ab. Sind bei einem Kater z. B. nicht beide Hoden abgestiegen, kann es sein, dass der Veterinär „suchen“ muss und solange schneiden muss, bis er fündig wird. Ein guter Tierarzt kann Ihnen sagen, wie viel Zeit vergehen darf und welche Anzeichen Anlass zu Besorgnis geben. Falls nicht automatisch: Fragen!!

Ihn entsprechend auszuquetschen kann nie schaden, ganz besonders natürlich, wenn ein Veterinär angedacht ist, dessen Arbeitsweise entweder überhaupt oder nur diesbezüglich unbekannt ist. Vorher, also bei der Terminvereinbarung, damit Sie mit der nüchternen Katze nicht unverrichteter Dinge wieder heimfahren müssen, sofern Ihnen nicht gefällt, was Sie hören. Eine Garantie dürfen Sie freilich nicht erwarten, aber die Reaktion auf Ihre Besorgnis sollte doch vertrauenerweckend sein, untermauert durch fundierte (verständliche) Aufklärung. Damit aus dem Routineeingriff kein mittleres Desaster wird.

Weil vor allem bei Kastrationen mitunter die Dosierung des Narkosemittels Pi mal Schnauze vorgenommen oder generell viel zu hoch verabreicht wird, da der leider deutlich weniger gute Doktor z.B. die Meinung vertritt, dass die Heilung dadurch schneller voranginge (oder sonst was Abstruses) und/oder den Einsatz einer sogenannten Aufwachspritze ablehnt bzw. nicht für nötig befindet. Und das seltsamerweise, obwohl so gut wie jedem Tierarzt im Laufe seiner Praxis schon mal eine Katze in den Tod hinein geschlafen ist. Und wer denkt, derlei wäre nur in der Steinzeit vorgekommen, irrt: Das arme Schätzchen in meiner Nachbarschaft kämpfte kürzlich von ein Uhr Mittag bis ein Uhr nachts darum, wieder zu sich zu kommen – und verlor! Wobei ich die Besitzer allerdings in die Pflicht nehmen muss – denn SO LANGE DÜRFEN SIE NIEMALS WARTEN!!! Auch der Bericht, dass anlässlich einer Frühkastration samt „Dauerschlaf“ die Mieze offenbar einen Gehirnschaden davongetragen hat, ist neuesten Datums. Zwar unbestätigt, aber immerhin hat das Opfertier diese deutliche Einschränkung im Verhalten vorher nicht gezeigt.

In einer Gemeinschaftspraxis oder wenn ein Anästhesist bzw. kundige Hilfe zur Hand ist, wird alternativ häufig eine Inhalationsnarkose angeboten – mit welcher man der Katze und sich selbst alles das ersparen kann. Ebenso das, was nun folgt:

 

 

GOTT, IST MIR SCHWUMMERIG!

 

Nämlich die schlimmsten Momente für jedes mitfühlende Herz, wenn die benebelte Katze nach dem Öffnen des Korbtürchens wackelig mit der widersetzlichen Mobilität ringt, sich das ungehorsame Hinterteil nachziehend oder ständig auf die Seite fallend unendlich langsam vorwärts kämpft und nach jedem gefühlten Zentimeter dazwischen erschöpft pausieren muss ... das kommt jeden hart an, nicht nur ungeübten Besitzern, weil man sich irgendwie nie wirklich dran gewöhnen kann. Helfen im Sinne von den Prozess deutlich abkürzen, kann man freilich schon – siehe ff.

Aber warum tut sie das eigentlich? Zunächst mal, um dieses ausgesprochen verdächtige Behältnis zu verlassen, weil es ja möglicherweise verantwortlich sein könnte für ihren desaströsen Zustand. Und dann: Ein Königreich für ein Versteck oder einen dunklen Winkel! Sich in den Untergrund zurückziehen und erst mal ausschlafen. Die Welt kann warten. Wir müssen das auch, wenngleich in der Regel tröstliche Anteilnahme gut ankommt und der Katze ein gewisses Maß an Sicherheit vermitteln kann bzw. ihr das Gefühl gibt, dass wir sie in ihrem Elend nicht allein lassen.

ABER es ist wichtig, sie unter Beobachtung zu halten und die Befindlichkeit zumindest in kurzen Abständen immer wieder zu kontrollieren, weil Komplikationen vom Narkoseschock über Erstickungsanfälle aufgrund Erbrechens bis zum Kreislaufversagen nicht auszuschließen sind. Und auch darauf zu achten, dass sie Fortschritte macht = der Kopf aufhört zu pendeln, der Blick klarer wird, die Hinterbeine zwar noch wackeln, aber zunehmend stabiler werden. Solange eine Katze trotz wegknicken und mal umfallen nicht halbwegs (!) stehen kann, kann aus dem Heilungsschlaf immer noch ein Todesschlaf werden. Spätestens nach wenigen Stunden sollte die Koordination größtenteils wiederhergestellt sein: Hebt sie beim Streicheln den Kopf, hält ihn gerade, sieht Sie an und erkennt Sie auch, ist das schon mal ausgesprochen gut. Wer seine Katze kennt, wird diesen Blick richtig deuten können und wissen, ob da Leben drin ist oder nicht: Danke, dass du da bist, aber lass mich schlafen – oder: Ich bin so unendlich müde, mir ist einfach alles egal ... Manchmal versuchen sie auch sich hoch zu rappeln oder Sie können versuchen, sie mal vorsichtig auf die Beine zu stellen – aber jetzt bitte nicht alle halbe Stunde und nur, wenn Sie ein mulmiges Gefühl haben, weil es irgendwie schon so lange dauert. Bleibt sie kurz stehen, legt sich aber gleich wieder (legen, nicht in sich zusammenklappen oder umfallen), ist sie halt noch schlapp, aber die Beine würden schon tragen. Gut. Übrigens: Schnurren ist kein Zeichen für Entwarnung, Katzen schnurren auch, um sich selbst zu beruhigen ... selbst wenn sie im Sterben liegen.

 

 

EXTRAZIMMER

 

Sie herumzutragen oder vom selbst gewählten Platz zu einem unserer Meinung nach viel besseren, empfiehlt sich indessen nur bedingt. So manchem ist die halbaufgetaute Katze plötzlich aus dem Arm gesprungen und unglücklich gestürzt. Ruhe und Ungestörtheit – unbedingt zu ebener Erd’ - sind gefragt, ebenso Wärme, weil durch die Narkose die Körpertemperatur absinkt. Was nicht bedeutet, Mieze nun neben den voll aufgedrehten Heizkörper zu legen (oder womöglich gar samt Korb darauf zu stellen!!, alles schon da gewesen), da würde sich der Kreislauf nämlich schnell verabschieden! Eine Rotlichtlampe in der Nähe darf sein, vor allem wenn sich die Narkose eher langsam abbaut. Verpönt sind Zugluft, helles Licht, Lärm und fremde Besucher. Zuweilen auch bekannte.

Wählen Sie daher in einem Haushalt mit zwei oder mehr Katzen, Hunden (in seltenen Fällen wurde die Wehrlose als Beute miss-interpretiert), anderen frei laufenden Tieren oder Kleinkindern einen ruhigen Raum. Zumal auch die Reaktion von Artgenossen nicht kalkulierbar ist und sehr unterschiedlich ausfallen kann: Manche schnuppern bloß und ziehen sich dann zurück, andere fauchen und sogar tätliche Angriffe auf dieses völlig fremd riechende Etwas sind möglich. Das hängt vom jeweiligen Erfahrungswert ab und mitunter auch von der Tagesverfassung der/des Artgenossen. Abgeschottet also, falls erforderlich, aber nicht allein gelassen, siehe vor.

Jedenfalls sollte am Tag „danach“ die Welt schon wieder rosiger aussehen und die Katze relativ hurtig zu ihrer Routine zurückkehren.

 

 

DIE BESTEN KARTEN

 

haben Sie sicherlich, wenn Mieze eine Inhalationsnarkose bekommt und in jedem Fall (also auch wenn nicht), wenn Sie homöopathisch vor- und nachsorgen:

1 Dosis = 5-10 Globuli, oder 1 gute MSP Pulver oder 1 Tablette.

Bringen Sie die Mittel nicht mit Metall in Verbindung (= Plastiklöffel, Steinmörser) und platzieren sie direkt auf die Mundschleimhaut = Lefzen-/Wangeninnenseite; zerbröselte Globuli, Pulver oder Tablette (vorher mit 2-3 Tropfen Wasser gut anfeuchten, bis sie Zerfallserscheinungen zeigt) können Sie auf der Zunge abstreifen.

 

Ø                 Zwei Tage vor (je-) der Operation dreimal täglich ARNICA D6 (oder alternativ täglich 1x D30 oder D200);

Ø                 am Tag des Eingriffs vor diesem eine Gabe PHOSPHORUS D200 zur Vermeidung von Blutungen und um Angst/Stress zu minimieren (Arnica kann das auch, aber die Kombination mit Phosphor ist schlicht ideal – haben Sie es nicht zur Hand, geben Sie 1x ARNICA D30 oder D200;

Ø                 nach der Operation (am gleichen Tag und so unmittelbar darauf, wie es möglich ist!) drei Gaben ARNICA D30 in kurzen Abständen = 15/30/60 Minuten (oder alternativ 1x D200). Beugt Komplikationen vor, nimmt Schmerzen und stützt den Kreislauf. Tipp: Legen die Gaben der noch narkotisierten Katze auf die Zunge – ich habe (als Inhalationsnarkose noch nicht „in“ war) festgestellt, dass diese dann sehr viel schneller abgebaut wird, Mieze also rascher aufwacht und deutlich früher mobil ist;

Ø                 um die Heilung zu forcieren, haben sich danach drei Tage lang entweder 3x täglich ARNICA D6 (oder morgens und abends eine Gabe D30 oder alternativ morgens 1x D200) sehr bewährt.

 

Ich weiß, dass sehr viele Katzenbesitzer lieber mit Schulmedizin hantieren ... und nach meinem Dafürhalten viel zu sorglos, wie ich häufig zu lesen bekomme. Denn so locker flockig, wie Medikamente angeraten, weitergereicht und der Reihe nach in das Opfertier hineingestopft werden, macht man aus einer Katze nicht nur ein Arzneimitteldepot, sondern riskiert auch, dass sie im Ernstfall auf ärztlich Verordnetes nicht mehr anspricht. Oder völlig verkorkst ewig anfällig bleibt. Beherzigen Sie die vorerwähnten Tipps, Konsequenz vorausgesetzt, können sie nur nützen, aber niemals schaden.

 

 

GRAU IST ALLE THEORIE?

 

Wie empfindet eine Katze diesen gravierenden Eingriff in ihre Intimsphäre? Wenn keine Geschlechtshormone mehr produziert werden, erlischt dann einfach das Bedürfnis, sich den Trieben hinzugeben und Punkt? Katzen, heißt es, seien sich dieses Mangels nicht bewusst und würden daher gar nicht bemerken, dass nun „etwas anders“ wäre. Während eine emotionalere Sichtweise in der Kastration ein seelisch-geistiges Verkrüppeln von Katzenpersönlichkeiten sieht. Was stimmt? Nun, soweit bekannt, dürfte der seelische Aspekt die Forschung nicht direkt übermäßig interessiert haben und mental begreifen im Sinne von sich der Veränderung bewusst sein kann’s eine Katze auch nicht – aber: Ja, bleiben die entsprechenden Signale aus, erlischt das Bedürfnis „einfach so“. Mehr oder weniger. Kann freilich auch mit diversen Kapriolen verbunden sein, durchaus mit psychischer Komponente, und wiewohl auch wir nur spekulieren können, schlagen die zahlreichen Erfahrungen von Katzenbesitzern die Wissenschaft um Längen. Sicher, aus menschlicher Sicht, aber die Wissenschaftler haben auch keine andere, nur eine andere Herangehensweise, und die ist nicht immer ein Vorteil ...

Trotz korrekter Kastration und sorglicher Nachbetreuung reagieren selbstverständlich nicht alle Katzen gleich. Kater scheinen eher unberührt zur Tagesordnung überzugehen, wenngleich vormalige Samenspender ein differenzierteres Verhalten an den Tag legen können, das freilich kaum auf eine Veränderung der seelischen Verfassung zurückgeführt werden kann. Wenn jedoch einer, der nie gedeckt oder markiert hat und plötzlich nach der Kastration entsprechende Gelüste zeigt, könnte man sich schon fragen, ob er nicht eilends etwas nachholen möchte, woran er bisher keinen Gedanken verschwendet hat: Nämlich sich als Kater zu profilieren. Dem jetzt nachzugehen würde allerdings zu weit führen.

Die Mädels dürften den Eingriff jedenfalls wesentlich sensibler empfinden, sodass zumindest bei einigen hin und wieder der Eindruck entsteht, als würden sie den Verlust tatsächlich wahrnehmen. Instinktiv und nicht greifbar. Freilich lassen sich danach auftretender Haarausfall (Rücken, Kopf, Nacken) und/oder Putzzwang (Flanken, Innenseite der Beine) trocken mit der Hormonumstellung erklären – dass dieses Phänomen aber Jahre danach wiederkehren kann, sicher nicht.

 

ENDLICH IN RENTE ODER WIE?

 

Jedenfalls wird keine Katze und zieht sich danach aufs Altenteil zurück. Oder setzt sich sonst wie zur Ruhe, so sie nicht bereits ein Senior ist. Aber sie wird natürlich ruhiger, weil ihr die Hormone sozusagen nicht mehr ins Handwerk pfuschen und sich die innere Rastlosigkeit legt. Es besteht somit kein Anlass, sie nicht weiterhin ihrem Alter entsprechend zu behandeln – und zu füttern. Zwar empfiehlt sich in den ersten Tage leichte, gut verträgliche Kost, aber ist der Alltag eingekehrt, Mieze wieder topfit und kein bisschen weniger betriebsam wie vorher, können wir auch ernährungsmäßig zum Gewohnten zurückkehren - je nachdem, was bisher auf ihrem Teller lag. Weil:

Kastraten beiderlei Geschlechts neigen zu einem höheren relativen Körperfettgehalt und weniger Muskelmasse, haben auch einen niedrigeren Energiebedarf. Nicht sofort, das dauert schon ein Weilchen. Weshalb wir das im Auge behalten müssen und auf Veränderungen achten. Geht es Mieze Wochen später immer noch ruhiger an und/oder hat generell keine Idealmaße spazieren getragen, sollten wir dem spätestens jetzt Rechnung tragen und sukzessive hübsch langsam eine Anpassung an bedarfsgerechtes Futter versuchen. Oder bei konstanter Weigerung die Rationen leicht reduzieren (nie um mehr als zehn Prozent) und mit Leckerlis sparsamer umgehen (die eigentlich generell in die Tagesfuttermenge miteinbezogen werden sollten). Dieser Kreislauf lässt sich allerdings allein mit einer Reform der Futtergewohnheiten nicht unterbrechen, sofern die Bewegung fehlt. Kastration hat freilich nichts mit Krankheit zu tun, also fordern wir nach der Erholungsphase Körper und Geist und motivieren Mieze zum Spielen und Herumturnen, z.B. indem wir uns mehr mit ihr beschäftigen ...

Jede Katze wird träge, wenn sie zuviel Masse herumschleppt, nicht nur Kastraten – welche allerdings schon diesbezüglich einen mittleren Zahn zulegen können. Und aus Langeweile eher zu viel futtern, weil ihnen keine heißen Affären mehr durch den Kopf geistern und sich der Tagesablauf ganz allmählich Richtung Bequemlichkeit verlagert. Das hängt vom Alter ab und nicht zuletzt auch davon, ob es sich um einen Solotiger oder ein Gruppenmitglied handelt. Und welchen Rang die Katze im Clan eingenommen hat.

 

 

THRONVERLUST & MACHTSPIELCHEN

 

Hatte (wie in der Regel) eine Lady die Oberhoheit inne, wird sich nach der Kastration zumeist nichts daran ändern, weil das Sozialverhalten der Damen anders ausgeprägt ist als jenes der Herren – die innerhalb einer gemischten Clique üblicherweise sowieso nur selten das Sagen haben. Selbst bei starker Konkurrenz wird daher Madame der Rang kaum streitig gemacht, es sei denn, sie zieht sich auf eigenen Wunsch zurück. Besteht das Team nach dem Fallen der letzten Bastion nur mehr aus Kastraten, wird die Rangordnung zumeist bloß noch recht lässig gehandhabt oder gänzlich außer Kraft gesetzt. Allerdings: Zeigte die Dame schon vorher eine Neigung zu ungemütlichem Umgang mit ihren Artgenossen mit/ohne Harnmarken (jaha, das können die auch und es sind nicht mal so wenige), dann muss bei rund fünf Prozent damit gerechnet werden, dass sowohl Kampfbereitschaft als auch Markierverhalten beibehalten wird.

Bei Katern gilt es zunächst mal zu bedenken, dass sie den vergleichsweise kleinen Eingriff recht lässig wegzustecken und sich schnell wieder in der alten Form zu präsentieren pflegen – was unter anderem bedeutet, dass sie noch einige Tage bis zu zwei Wochen (mitunter darüber hinaus, die Angaben differieren) potent bleiben und somit überraschend für Nachwuchs sorgen können. Etliche bleiben generell noch eine ziemliche Weile an der Damenwelt interessiert (manche sogar lebenslang), vor allem wenn sie über längere Zeit als Deckkater Herr über einen Harem gewesen sind. Aber dann in der Regel immerhin nicht mehr markieren. Meistens. Andere beglücken nur mehr ihre Lieblingsfrau – wie einer meiner Kater, der sich später zu verkrümeln pflegte, wenn sie in Stimmung kam, weil ihm das auf die Nerven ging. Oder es verläuft ganz andersherum: Die Mädels sind ihnen schnuppe, aber Reviermarken müssen sein. Das hat viel damit zu tun, inwieweit ihm der Thronverlust zu schaffen macht, soll heißen wie viel Alphatier in ihm steckt und wie stark oder schwach die menschliche Oberkatze ist. Lässt Letztere zu wünschen übrig (aber nicht nur dann, das lässt sich schwer über einen Kamm scheren), kommt es gar nicht mal so selten vor, dass der potente Nachfolger kein leichtes Leben hat. Rührt der z.B. einige Katzen nicht an, obwohl sie ihm kaum von der Pelle rücken und obwohl der Altvordere scheinbar kein Ohr rührt, können Sie mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Jungspund sich nicht traut, fremden Besitz anzurühren. Möchten Sie Nachwuchs, müssen Sie das Paar in einem Raum separieren und die Tür geschlossen halten – den Chef kurzfristig aussperren wird’s nämlich nicht bringen, weil sich der Jüngere niemals sicher sein wird, ob der nicht doch irgendwo hervorspringt und dann gibt’s Saures. Heißt: Er kann sich nicht konzentrieren, ist viel zu nervös und lässt sicherheitshalber die Dame trotzdem links liegen. Ausgesprochen seltene Ausnahmen bestätigen die Regel.

Ob Herrenrunde oder gemischt: Mitunter lassen sie auch das „Zugehörigkeitsgefühl“ zu den anderen Kastraten vermissen und verhauen sie genauso wie vorher auch. Manchmal legt sich das mit der Zeit, manchmal nicht, und der Haushalt kommt nicht zur Ruhe. Dann erhebt sich die Frage, ob er/sie nicht anderswo besser aufgehoben wäre ...

 

 

ENTLASSEN UND ABGEBAUT

 

Für mache Züchter stellt sich diese Diskussion gar nicht, weil sie generell keine Kastraten behalten. Oder vielleicht einen, maximal zwei, um den faulen Zauber nicht zu offenbaren. Denn es war lange Zeit en vogue, die eigene Seriosität mit der Beteuerung zu untermauern, dass man seine ausgedienten Katzen selbstverständlich! behalten würde. Was sich freilich leicht widerlegen lässt, wenn man ein bisschen gräbt und grübelt. Nicht nur weil die allseits doch so innig geliebte und umhätschelte kastrierte Katze, die so niedlich von der Website herunterlächelt, längst anderswo lebt. Nun, die Sache mit Sein & Schein ist unterdessen wieder ein wenig aus dem Blickfeld der Szene gerutscht, aber dennoch nicht ganz vom Tisch. Weshalb Findige dazu übergegangen sind, sich nicht nur überhaupt das Geld für den Doktor zu sparen, sondern die Nichtbenötigten gewinnbringend potent weiterzureichen. Anders lässt sich zumindest das erschreckende Anwachsen der Zahl von Katzen und Katern, die solcherart zu Wanderpokalen geworden sind, nicht erklären. Oder wie sehen Sie das, wenn sogar Tiere über zehn Jahre noch immer/schon wieder den Besitzer wechseln? Unkastriert versteht sich. Ein Schicksal, das vor allem Kater trifft, die ja wenigstens für einen Freudensprung noch taugen werden. Oder nicht, denn die Zeugungsfähigkeit nimmt mit steigendem Alter natürlich ab, sodass die Würfe klein ausfallen oder die Lady leer bleibt. Den Letzten (Besitzer) beißen dann sozusagen die Hunde. Mein Bedauern ist grenzenlos.

In Anbetracht solcher Tierliebe müsste man eigentlich von Glück reden, wenn die Mieze als Kastrat platziert wird ... Wogegen im Prinzip wirklich nichts einzuwenden wäre, sofern man sich der Mühe unterzieht, die richtigen Menschen zu finden und sie nicht dem nächstbesten in die Hand zu drücken. Besonders innerhalb einer, sagen wir mal: stattlichen Gruppe wird es in den meisten Fällen wahrscheinlich das kleinere Übel sein, weil Kastraten in einer größeren Cattery leicht untergehen. In einer vergleichsweise kleinen allerdings genauso, weil Zucht- und Showtiere eher im Mittelpunkt stehen als die Kastraten, so sie nicht mehr präsentabel oder siegträchtig sind. Viele vegetieren dann eben grade mal so dahin und werden kaum beachtet, sodass es jedem, dessen Herz am rechten Fleck steht, selbiges zerreißt angesichts des resignierten, abgestumpften Blickes oder der rührenden Dankbarkeit für jedes bisschen Aufmerksamkeit – das ihnen oft nur unbedarfte Fremde angedeihen lassen.

Ja, die Welt ist schlecht. Gott sei Dank nicht die gesamte. Es gibt viele Züchter, die mit zärtlicher Zuneigung an ihren Kastraten hängen und sich vorbildlich um sie bemühen. Und trotzdem hin und wieder mal einen abgeben (müssen), weil er in der Gruppe tatsächlich nicht glücklich ist. Oder sie ständig aufmischt. Oder es zu eng wird im Gehäuse = Stress für alle.

 

 

GRENZGÄNGER

 

Freigängern sollte ausschließlich kastriert dieses Vergnügen gegönnt werden. Das hat sich leider noch nicht allgemein herumgesprochen, weshalb sich – nicht nur, aber vor allem - in ländlicheren Gebieten mannigfaltig Potentes herumtreibt. Und selbst wenn der eigene brave Kastrat kein Interesse daran bekundet, mal nachzuschauen, was sich auf der anderen Seite des Gartenzaunes so tut (meines Erachtens häufig nur eine Frage der Zeit), so kann er doch von einem Potenzprotz Besuch bekommen. Wie der ausgeht, lässt sich schwer vorhersagen, aber normalerweise eher übel für den eigentlichen Revierinhaber, nämlich unsere eigene Katze. An die Einsichtigkeit des Besitzers zu appellieren und wenn schon nicht Verhaftung, so doch die hormonmäßige Entschärfung des Grimmigen anzuregen, pflegt nur selten auf offene Ohren zu stoßen. Da liegt das Heil allein in einem ein- (und aus- )bruchsicheren Gehege, generell empfehlenswert, weil die beste Methode, Unfälle und andere Schrecklichkeiten auszuschließen.

Kann sich unser Kastrat, weil in einer absolut sicheren (?) Gegend zu Hause, grenzenloser Freiheit erfreuen, wird er sich je nach Persönlichkeit Konkurrenten gegenüber durchaus behaupten können. Und sich auch potenten Gegnern stellen und/oder – sofern der mit sich reden lässt - ein Arrangement treffen, wer wann welche Wege benutzen darf und wer bis wohin das Sagen hat. Woran sich in der Regel alle halten, weil Katzen im Grunde nur kämpfen, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Außer einer ist ein rechter Rüpel. Dann ist er das oft auch als Kastrat und nicht wirklich was gewonnen. Insgesamt vermindert sich jedenfalls mit der Zeit der Radius, das Revier wird kleiner und die Katze bleibt häufiger zu Hause. Bis dahin können allerdings ein paar Jährchen ins Land gehen.

In Gruppen frei lebender Katzen ohne Zuhause sind übrigens auch Kastraten willkommen und dürfen mitreden, wie vielfache Berichte bestätigen und ich selbst beobachten konnte. Und mäusetechnisch gesehen gibt es definitiv keine Unterschiede zwischen Kastraten und potenten Katzen (es sei denn, sie sind mehr breit als hoch und kriegen bei jeder schnelleren Bewegung einen Asthmaanfall) - die possierlichen Nager müssen dran glauben, ob sie wollen oder nicht, wiewohl sie nicht immer auch verspeist werden. Auf das Ausbleiben von „Geschenken“ sollten Sie daher jedenfalls nicht hoffen ...

 

 

 

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