Ein Kater namens Hilde

 

 

Maria Wellmeyer

 

EIN KATER NAMENS HILDE

 

 

 

Sie war plötzlich da, schlich von der Tannenreihe herüber in unseren Garten. Rot war sie, mit weißem Latz und weißen Füßen. Meine Katzen konnten sich partout nicht anfreunden mit diesem ungewohnten Farbklecks auf unserem Grundstück. Als sie auch beim zweiten und dritten Besuch fauchend verjagt wurde, tat sie mir leid. Ich begann, an der Ecke des Gartens Futter zu deponieren. Sie musste eine streunende Katze aus der Nachbarschaft sein, mutmaßte ich. Nach ein paar Tagen würde sie sicher wieder verschwunden sein. Aber da irrte ich mich.

Sie holte sich treu und brav jeden Tag ihre Futterration, solange sie sich in diesem Teil des Gartens aufhielt, auch unbehelligt von den „Herrschern“ über unser Territorium. So nach und nach blieb sie auch länger, wagte sich – wenn die Luft rein war – auch schon mal bis zur Tür des Wintergartens. Sie war kein bisschen scheu, blieb auch in der Nähe wenn ich mich in den Garten begab. Nach drei Wochen etwa war mir klar, dass „Hilde“ bei uns bleiben wollte.

Ich hatte sie „Hilde“ getauft, denn das Kind musste ja einen Namen haben. Sie hörte auch sehr schnell auf mein Rufen. Wenn sie so an mir vorbei stolziert war, schien mir die Partie unter ihrem stolz erhobenen Schwanz ziemlich flach. Aha, ein Mädchen, konstatierte ich und der Name schoss mir durch den Kopf.

Als nun Hilde zum Dauergast geworden war, machte ich mir Gedanken über die Zukunft. Dass sie blieb, war mir recht. In den Pferdeställen und Scheunen war genügend Platz, um noch eine weitere Katze beherbergen zu können. Aber der Gedanke, dass sie mir im kommenden Frühjahr vielleicht ein halbes Dutzend Mini-Hildes in die Scheune legen würde, begeisterte mich nicht. Also griff Plan B, um Hilde zwecks genauer Untersuchung zur Tierärztin bringen zu können. Inzwischen ließ sie sich schon mal kurz streicheln. So gelang der entscheidende Griff, um sie zu nehmen und in den wartenden Trage-Kennel zu schieben.

Hilde protestierte auf der Fahrt zum Doc mit Nachdruck. Nun ja, dachte ich, schlimmstenfalls nimmt sie mir das übel und verschwindet nach diesem Tierarzt-Besuch wieder. Hildes Zuneigung zu mir nahm weiter ab, als ich sie bei der Tierärztin aus dem Kennel nahm, auf einen kalten Tisch setzte und eine Frau sie abfühlte und mit einem kalten Metallstück an den Rippen abhörte. Um Hilde zu wappnen für ein eventuell „freies Leben“ in der Wildnis unserer Bauernschaft, erhielt sie eine Wurmkur und Impfungen, die eine draußen lebende Katze haben sollte. Obwohl sie in gutem Gesamtzustand war, schien sie aber niemandem zu gehören. Zumindest hatte sie keinen Chip.

Ich bat die Tierärztin, doch auch noch nach einer möglichen Kastrationsnarbe am Bauch zu sehen. Wenn dort keine sei, müssten wir wohl einen Kastrationstermin vereinbaren. Dort war keine Narbe. Aber etwas anderes bemerkte die Ärztin: Hilde war ein kastrierter Kater. Die Streifen im roten Fell erschwerten das Erkennen dieses Zustandes, vor allem auf Distanz. Aber bei näherem Hinsehen ließen die losen Hautfalten keinen Zweifel zu.

Zufrieden, dass keine weitere Operation nötig war, fuhren wir nach Hause. Wider alle Erwartung nahm Hilde mir den Ausflug nicht übel. Sie ließ sich mit einer Extra-Portion Futter milde stimmen.

Seitdem lebt sie sich von Tag zu Tag weiter ein. Und hat mir neulich sogar ein Maus-Geschenk gemacht!! Und so lebt hier nun ein weiterer Vierbeiner - ein Kater namens Hilde.

 

Fotos: Jane Burton, N. Honda

 

 

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