Norwegische Waldkatzen baden?

DIE NORWEGISCHE WALDKATZE

 

 

Baden für die Show oder doch nicht?

 

 

Autorin: Renée Lanser-Weissbach

„Titran’s“ Norwegische Waldkatzen

 

 

 

 

Ihnen, liebe Leser, erscheint diese Frage recht trivial? Täuschen Sie sich bitte nicht, denn in den letzten Jahren ist dieses Thema immer kontroverser und passionierter diskutiert worden.

Dabei stehen einander die Anhänger der „Norweger sind eine Naturrasse“-Partei und jene der „Katzenausstellungen sind ein Schönheitswettbewerb“ gegenüber – ein extremer Unterschied! Erstere sind der Meinung, ein Norweger sollte so auf den Richtertisch gestellt werden, wie er morgens aufgestanden ist: Ungekämmt und ungebürstet, mit speckigem Fell hinter den Ohren und am Bauch. Schließlich soll das Fell ja wasserabstoßend sein, oder? Sie verdammen auch nur den Gedanken an etwas Talkum. Und waschen? Nein, aber nicht doch ...

Auf der Gegenseite wiederum käme man nicht einmal entfernt auf die Idee, einen nicht gebadeten Norweger vorzustellen. Und man staunt nicht schlecht, was da so mancher neuerdings alles im Schminkkoffer mit sich herumschleppt – würde man eigentlich eher von den Besitzern der Perserkatzen vermuten bzw. erwarten ...

 

Ich habe für meine Katzen eigentlich immer eine Art Mittelweg eingeschlagen, der sich im Laufe der Jahre bewährt und uns kontinuierlich seitens der Richter Komplimente zum Grooming eingebracht hat: Meine Katzen werden regelmäßig – während des Fellwechsels noch etwas häufiger und gründlicher – gekämmt und gebürstet, um das tote Haar zu entfernen und so den Neuwuchs zu fördern. Auch den eventuell fettigen Schwänzen der Kater wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt, da dieses Kater-Problem in einem späteren Stadium nicht mehr ohne erheblichen Fellausfall beseitigt werden kann. Zwei bis drei Tage vor der Ausstellung wird dann noch zusätzlich gründlich Talkumpuder eingearbeitet, hauptsächlich an den eher leichter fettenden Stellen hinter den Ohren, am Bauch, unterm Schwanz etc.

Waschen? Ja, sicher wasche ich auch gelegentlich einen meiner Norweger – solche, die Weiß sind/haben oder die eben nicht sauber sind. Aber ich bade niemals, wenn es sich denn irgend vermeiden lässt, direkt vor einer Show. Vor einigen Jahren habe ich es einmal gemacht, aus reiner Neugierde: Zazou (non-agouti blau), Ushuaïa (blau tabby mc ohne weiß) und Ulysses (black tabby mc mit weiß). Ergebnis? Die Blautabby hatte schon nach zwei Tagen wieder die gewünscht griffige Struktur, die einfärbig blaue Zazou nach einer Woche und beim Kater hat es geschlagene zweieinhalb Wochen gedauert!

 

Und hier rücken wir dem Casus Knackus dieser ganzen Debatte und Problematik schon ein ganzes Stück näher – denn der Norweger stellt in der Welt der Katzenrassen eine Besonderheit dar, wenn es sich um das Fell handelt. Oder besser gesagt um seine Struktur.

Laut FIFe-Standard soll es „halblang sein; das wollige Unterfell wird auf dem Rücken und den Flanken von wasserabstoßendem Deckhaar überdeckt, das aus langen, groben, glänzenden Grannenhaaren besteht. Eine voll im Fell stehende Katze besitzt eine Hemdbrust, eine volle Halskrause und Knickerbocker”. Soviel also zur Theorie und die Tatsache nicht vergessend, dass Qualität, Struktur und Länge des Fells mit 25 Punkten von 100 möglichen honoriert werden.

Das Fell des Norwegers ist wasserabstoßend – wenn die Textur stimmt -, was bei einer Katzenrasse, die ja noch vor relativ kurzer Zeit in dem nassen und kalten Klima Skandinaviens überleben musste, nicht weiter verwundert.

So hat die Gruppe der „Naturkatzen“ also meistens die gewünschte Textur, schaut aber eher ungepflegt aus. Oder, wie ein stolzer Besitzer meinte, „natürlich und wild“. Gewinnen tut sie aber in der Regel (jedenfalls sicherlich nicht bei der FIFe) keinen Pappenstiel, weshalb sich dann Gleichgesinnte ausgiebig über die doofen Richter und die „unnatürlichen“ Kollegen mokieren. Die gebadeten und gefönten Norweger hingegen stehen den ebenfalls gestylten Katzen anderer Halblanghaarrassen in nichts nach und stehen auch immer öfter auf den obersten Siegertreppchen.

Aber – hatten wir (oder unsere Vorgänger) nicht irgendwann einmal in den 1970ern gelobt, die schöne Rasse der Norwegischen Waldkatzen erhalten zu wollen? Und zum Norweger gehört nun mal auch seine so spezifische Fellstruktur ..

 

Diese spezielle Struktur ist allerdings bei den ersten beiden Waschgängen (Entfetten und Farbintensivierung) heraus gewaschen worden und muss dann mit dem Texturizer Shampoo und später mit dem Texturizer Spray künstlich wieder hineingezaubert werden. Jedenfalls ist es so angedacht.

Viele Züchter, Aussteller und Richter in der FIFe, vor allem aus den skandinavischen Ländern (aber bei weitem nicht ausschließlich von dort), wollen den durchgestylten, shampoonierten Norweger auf der Bühne sehen. Vielleicht auch deshalb, weil sie dem Gedanken anhängen, dass er so mehr Chancen gegen die Maine Coons, Ragdolls oder Birmchen unserer Katzenwelt hat?

Diesen Gedankengang finde ich persönlich falsch. Auch wenn es für mich unabdingbar ist, eine saubere und gepflegte Norwegische Waldkatze zu präsentieren, so muss doch in erster Linie die wirkliche, natürliche Fellqualität beurteilt werden.

Sonst kommt es in Zukunft unweigerlich zu einer sich verschlechternden Fellqualität bei den Norwegern ... oder vermehrt zu solchen surrealen Gesprächen, wie ich erst kürzlich eines mit einer schwedischen Richterin geführt habe, die meinte: „Diese Fellqualität ist nicht optimal, das Grannenhaar ist zu griffig.“ Wie bitte?, dachte ich da nur, bevor mir später, viel später ein Licht aufging: Die Dame konnte sich gar nicht mehr vorstellen, dass sie einen nicht gebadeten Norweger mit unveränderter Felltextur vor sich haben könnte – nein, sie ging davon aus, dass ich zuviel Texturizer ins Fell gekleistert hätte ...

 

 

www.titrans-cattery.com

Fotos: Lanser

 

 

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