Felix und der Urwald

 

FELIX

UND DER URWALD

 

AUS DEM LEBEN EINES AUTORS

 

 

 

GRÜNE INSPIRATION

 

Ich liebe Pflanzen, Bäume, Blumen – alles, was grünt und blüht. Meine Wohnung sieht aus wie die Dependance vom Palmenhaus im Schönbrunner Schlossgarten. Waren Sie schon mal dort? Prachtvoll! Ich fühlte mich jedenfalls wohl in meinem Urwald, erfreute mich am ungehemmten Wachstum wie an den Düften und empfand ihn angenehm heimelig. Das brachte meine Gedanken zum Sprießen, und das braucht man ja in meinem Beruf. Und: Er spricht nicht. Meine Mutter schon. Ihr ging das Gestrüpp, wie sie es respektlos zu nennen pflegte, auf die Nerven. Und weil ich diesbezüglich auf den Ohren saß, griff sie zur Selbsthilfe. Nach jedem ihrer Besuche fehlte eine der kleineren Topfpflanzen. Sie dachte, ich würde es nicht merken (womit sich häufig Recht hatte) und hoffte, damit die Flut zu reduzieren. Aber sie hatte keine Chance, denn die anderen schienen nur umso üppiger zu wachsen.

Nun, wer auch immer dafür zuständig war, ihre Gebete wurden trotzdem erhört – denn ich liebe auch Tiere (vorwiegend streichelweiche). Seit ich ein Dreikäsehoch war, wünschte ich mir einen Hund. Aber ich bin nie auf den Hund gekommen, sondern ganz unverhofft auf die Katz‘.

 

 

FELIX ZIEHT EIN

 

Felix war meine erste Katze und ein Findling. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, wer eigentlich wen gefunden hat, aber das ist ja wohl auch belanglos. Felix ist ein verflixt schlaues Kerlchen, also war vermutlich er der Drahtzieher. Und so, wie er Dinge verschwinden lassen konnte, konnte er auch welche herbeizaubern, so sonderbar das klingen mag.

Zu denen, die er verschwinden ließ – und damit kommen Mutters Gebete wieder ins Spiel – gehörte mein Urwald. Ich meine, nicht dass der schwuppdiwupp plötzlich nicht mehr da gewesen wäre, dazu war er einfach zu groß. Er verschwand ganz allmählich. Felix begann sehr subtil mit dem Gummibaum. Bevor er an den wohnzimmerfüllenden Philodendron ging, von dem letztendlich nur mehr ein traurig zerknittertes Blattfragment und ein Gewirr von Luftwurzeln übrig blieb. Der reichlich kümmerlichen Erscheinung versetzte meine Mutter den Gnadenstoß, indem sie ihr mit einem nur schwer unterdrückten Triumphgeheul den Abfalleimer als künftige Wohnstatt zuwies ... mit der bissigen Bemerkung, dass die Katze endlich zu etwas nütze gewesen sei.

Ich fand das reichlich übertrieben. Der kleine Felix, mein süßer Schatz, hatte wohl ein bisschen zu ungestüm gespielt, aber es sicherlich nicht so mörderisch gemeint. Er war eben noch ein Kind und voller Tatendrang.

Der liebe Kleine war mir für mein Verständnis außerordentlich dankbar und revitalisierte mittels Putzen unter heftig schmatzenden Geräuschen meine Frisur, bevor er laut schnurrend in meinen Armen süßen Mäuseträumen entgegen segelte. Um sich am nächsten Morgen frisch gestärkt erneut ans Werk zu begeben. Er hatte reichlich Arbeit vor sich, immerhin gab es noch andere Gummibäume und Philo’s, zahlreiche Palmen, Aralien, Azaleen, Ficus benjaminis, Orchiedeen und sonstige andere Verwandte. Oleander & Co, die im Stiegenhaus frostgeschützt des Frühlings harrten, um dann wieder meine Fensterbänke zu zieren, hatte ich ihm bisher verschwiegen.

 

 

RODUNGSARBEITEN

 

Ich steckte bis über beide Ohren in den letzten Kapiteln meines Buches und bemerkte gar nicht, dass sich das Dickicht sukzessive lichtete und dass Putzfrau und Mutter schweigend eine Leiche nach der anderen aus dem Haus schafften. Mutters neue Schweigsamkeit kam meiner Arbeit zugute und so entging mir auch, dass das begeisterte Funkeln in ihren Augen allmählich verglomm und sich in gelinde Panik verwandelte. Sie mochte ja Pflanzen, nur mein Urwald war ihr zuwider, weil die Blätterflut bis in ihre Teetasse hing – und da gehörten solche Blätter nun mal nicht hin. Ordnung war für sie eine Lebensmaxime und es ärgerte sie ganz einfach, dass die Pflanzen sich nicht daran hielten. Ihr Weltbild war schon genug aus den Fugen, weil die einzige Tochter ihre Brötchen mit subversiver Tätigkeit verdiente. Schreiben gehörte eindeutig nicht in die Rubrik „anständiger Beruf“ – diesen zeichnete eine Ausbildung und vor allem ein darauf folgender, regelmäßiger Gehaltsscheck aus. Die Unregelmäßigkeit des Letzteren störte sie wohl am meisten.

Felix dagegen liebte den Urwald. Für ihn war die gesamte Wohnung wie ein überdimensionaler Kratzbaum, der eine unglaubliche Fülle von Feinden, Verstecken und Schlafplätzen barg: Unterhaltung pur! In den riesigen Töpfen grub er begeistert ein Loch nach dem anderen in die Erde und verteilte sie dann mehr oder (eher) weniger gleichmäßig. Er war selten anderswo zu fingen, außer beim Essen und nachts, wenn er es sich im Bett bequem machte und seinen Anspruch auf Sozialkontakt in Form von Streicheleinheiten und Kuscheln konsumierte.

 

 

WUNDERSAME WANDLUNG

 

Sein plötzliches Interesse für Schreibutensilien, offene Wäscheladen und (leicht selbst zu öffnende) Küchenschränke streifte meine Aufmerksamkeit nur am Rande. Dass ich auf einmal keine Strümpfe mehr fand, offenbar auch keine Socken mehr hatte und die kleinen Löffel sich in Luft aufgelöst zu haben schienen, empfand ich als lästig, aber erträglich. Aber als er begann, ständig am Computer herumzustiefeln, meine Notizen nicht nur neu zu ordnen, sondern teilweise aufzufressen, wurde mir bewusst, dass er ständig präsent war und sich somit irgend etwas verändert haben musste. Ich tauchte aus meiner Arbeits-Trance und registrierte erstaunt die unglaubliche Helligkeit in allen Räumen: Der Urwald war weg! Mutter wies jedwede Verdächtigung entrüstet von sich und mit stummer Anklage auf den kleinen, pelzigen Pflanzenmörder.

So hielt die segensreiche Erfindung von Blumenampeln Einzug in unser Heim. Mehrere kunstvolle Geflechte aus Naturfasern beherbergten im Stockbett-Verfahren jeweils zwei bis drei Hängepflanzen, letzte Überlebende und neue. Die mittlerweile genauso wuchern wie der alte Urwald – weil sie nur per Hechtsprung zu erreichen sind, was sich für Felix als zu anstrengend und in der Folge als zu langweilig erwies.

Mutter schloss resigniert Frieden mit der neuen Pflanzenflut. Es war zwar etwas mühselig, zum Blumengießen mit einer Leiter herumzuwandern, aber es grünte wieder. Völlig ungestört. Sie versöhnte sich auch mit Felix, und weil der ja nun etwas an Unterbeschäftigung litt, schleppte sie einen Haufen Spielsachen (und einige etwas obskure Gebilde) an und ließ ein wahres Monstrum von Kratzbaum liefern. Einen richtigen diesmal, mit mehreren bis an die Decke reichenden (= 3,5 Meter!) Sisalstämmen und Höhlen und Hängematten, auf denen er genauso wie im Urwald vordem herumturnen konnte wie ein Äffchen.

Die Schlacht war gewonnen.

Nicht der Krieg. Denn Felix war ein Garant für Scharmützel, wie sich noch herausstellen sollte. Denn wie erwähnt beherrschte er auch die Kunst des Herbeizauberns ... aber das wäre eine andere Geschichte.

 

 

 

 

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