Fauler Zauber oder total normal?

 

FAULER ZAUBER ODER TOTAL NORMAL?

 

Die geheimen Fähigkeiten von Katz’ & Co

 

 

Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Getast seien die fünf Sinne und daneben gäbe es keine weiteren, sagte Aristoteles – und basta. Tja, die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit, denn Forscher haben längst weitere Sinnesleistungen ausfindig gemacht und viele Rätsel gelöst (viele mehr sind freilich noch offen). Doch der sechste Sinn hat einige Geheimnisse preisgegeben. Und Zuwachs bekommen. Gewissermaßen.

 

 

 

SPUKGESTALTEN

 

Nun, wer neugierig ist, aber neben dem Internet auch noch ein Leben hat und nicht an der Menschheit verzweifeln will, für den ist Googeln ein strapaziöser Weg, sich diesem Thema zu nähern. Und wiewohl das Net sehr viel mehr interessante Informationen ausgespuckt hat, als ich hier wiedergeben kann, haben wenige Stunden als Opfergabe auf dem Altar unserer Zeit auch genügt, sich umzingelt zu fühlen ... Mystizismus allerorten ... Vor wenigen Jahren kursierten da zum Beispiel wilde Verschwörungstheorien von Esoterikern, die aufgrund der Prophezeiung des Wahrsagers Nostradamus die Vogelgrippe als Zeichen für die Ankunft des großen Schreckenskönigs in Gestalt des H5N1 Virus sahen. Was in Anbetracht dessen, dass am 21. Dezember 2012 sowieso das Ende aller Tage angebrochen ist, jegliche Katastrophe zur Bedeutungslosigkeit verkommen lässt. Aber: Hurra, wir leben noch! Wirklich interessant ist, wie unglaubliche viele Menschen daran glauben und ungeachtet der spärlichen Trefferquote unerschütterlich daran festhalten - und Weissagungen halt uminterpretieren, etwa weil um 1500 ein Börsencrash eher unwahrscheinlich war. Auch der Weltuntergang wurde bereits mehrfach verschoben, wir dürfen also weiterhin hoffen. Warum plage ich Sie mit solchem Hokuspokus? Weil die Mehrzahl der Eintragungen im Internet die Frage aufwirft, ob Katzen Geister sehen können ... Tja, wenn’s denn welche gibt, warum nicht?

 

DIE STILLEN WÄCHTER

 

Hat also Kater Oscar möglicherweise spirituellen Zugang zum Jenseits? Er ist sozusagen der diensthabende Todesengel in einem Hospiz für Demenzkranke in Rhode Island und leistet Sterbehilfe, indem er sich – nur - an Patienten kuschelt, die in wenigen Stunden vor ihren Schöpfer treten werden. Und weil er sich so gut wie nie irrt, verständigt mittlerweile das Personal die Angehörigen, damit sie noch Abschied nehmen können. Auch von anderen Katzen wurde berichtet, die sich daheim zu sterbenden Familienmitgliedern legten und erst nach deren letztem Atemzug das Bett verließen. Ferner erzählen viele Katzenhalter/Züchter, dass ihre Katze/n bis zum Schlussakkord bei dahinscheidenden Artgenossen wachten, meist mit ein wenig Abstand, doch in unmittelbarer Nähe bleibend. Vereinzelt indes auch nahebei, gleichsam um Körper und Seele der entfliehenden Gefährtin zu wärmen, das letzte Geleit zu geben und zu signalisieren: Du bist nicht allein. Ja, klar klingt das vermenschlicht, aber wie würden Sie das interpretieren?

Wer’s genau wissen will, kann ja Seminare von Gedankenübertragung lehrenden Tierdolmetschern besuchen und hoffen, dass Mieze hinterher bei der Session keine Unfreundlichkeiten ausplaudert – es heißt ja nicht von ungefähr „Hüte dich vor deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen“. Im Internet gibt’s auch Anleitungen, natürlich. Sogar protokollierte Séancen, die zu kommentieren mir jetzt ... äh, der Platz fehlt. Schließlich geht es hier nicht darum, was Katzen denken, sondern um ihren sechsten Sinn. Und den siebenten.

 

 

ÜBER SINNLICHES

 

Jaha, Sie lesen richtig. Der sechste Sinn wurde nämlich mittlerweile entmystifiziert und Biologen bezeichnen damit zunehmend die Fähigkeit von Tieren, sich mithilfe elektrischer oder magnetischer Signale zu orientieren. Und alles, was nach wie vor mehr oder weniger rätselhaft daherkommt, wird nun als siebter Sinn bezeichnet (oder auch zum sechsten gepackt, Forscher glänzen nicht direkt oft mit Einigkeit) – doch wo liegt die Grenze? Parapsychologen haben herausgefunden, dass Katzen mit Geistheilung und Psychokinese (Dinge durch reine Geisteskraft zu bewegen) nichts am Hut haben, gestehen ihnen jedoch Fähigkeiten wie Hellsehen, Telepathie sowie das Vorausahnen von Unglück, Krankheit und Naturkatastrophen zu und orten darin übersinnliche Talente.

Wie ernst zu nehmen Berichte über Katzen sind, die beispielsweise zuhause ungewohnt nervös herumtigerten, derweil Frauchen im Nirgendwo ihr Auto um einen Baum wickelte, ist schwer zu sagen. Doch dass Tiere vergleichsweise häufig im Vorfeld eines tragischen Unfalls ihrer Bezugspersonen ein über Gebühr auffälliges Verhalten an den Tag gelegt haben sollen, ist nicht weniger schwer zu widerlegen. Ein Beweis fürs Hellsehen (das übrigens nichts mit religiöser Prophetie zu tun hat)? Damit wären wir quasi wieder bei Nostradamus und der Vorhersage künftiger Ereignisse respektive bei Methoden zum Erlangen verborgenen Wissens, das den Sinneswahrnehmungen nicht zugänglich ist. Allein daran ist erkennbar, dass PSI-Forscher und Biologen auf unterschiedlichen Sternen wohnen und einander aufgrund ihres konträren Zugangs wechselweise mit Skepsis begegnen. Dennoch lässt sich kaum leugnen, dass sich die Materie einerseits vielfach verzahnt und andererseits nicht alles Unbeweisbare notgedrungen Humbug sein muss.

Unter Telepathie wiederum versteht man das Wahrnehmen von Gedanken und Gefühlen anderer bei räumlicher oder örtlicher Trennung. So kann ein Zwilling in Europa von seiner anderen Hälfte in Australien eine Gedankenbotschaft erhalten, was immerhin mehrfach nachgewiesen wurde. Emotionaler Gleichklang ist an sich keine Seltenheit bei Individuen, die einander sehr verbunden sind, und zweifellos auch zwischen Mensch und Tier möglich. Ob es freilich Telepathie ist, dass Mieze zum Telefon läuft, wenn ein ihr nahestehender Mensch anruft, wage ich zu bezweifeln. Jedenfalls wenn am anderen Ende jemand drangeht, den sie beobachten konnte.

 

 

BETTGEFLÜSTER

 

Nix mit übersinnlich weil mehrfach belegt ist auch, dass Katzen schwere Krankheiten vorausahnen können, was mit großer Wahrscheinlichkeit den gleichen Auslöser hat wie ihr Gespür für den Tod – um das Geheimnis von Oscar & Co zu lüften: Sie nehmen hormonell oder krankheitsbedingte Geruchsveränderungen wahr. Obwohl ihnen, Ehre wem Ehre gebührt, Hunde in der Duftraumüberwachung eindeutig weit überlegen sind. Aber jeder von uns wird schon mal erlebt haben, dass Katzen Anteil nehmen, wenn wir seelisch nicht ganz auf der Höhe sind, oder dass sie treulich mit uns das Bett hüten, wenn wir marode darniederliegen ... glücklicherweise weil sie uns lieben, nicht weil der Sensenmann vor der Tür steht ... Und weil es häufig eine willkommene Gelegenheit zum friedlichen, ausgiebigen Zusammensein und Kuscheln ist, ohne dass wir Umtriebigen ständig störend aufstehen und herumrennen. Also alles total normal.

 

 

DER GLÄSERNE MENSCH

 

Dazu gehört auch, dass sie weiß, wann Tierarzt, Entwurmen, Ausstellung, Urlaub, Tante Frieda oder sonst was ansteht, obwohl wir eigentlich erst mal bloß daran gedacht haben – wir sind für unsere Katze/n ein offenes Buch, sie lesen unsere Körpersignale, fühlen respektive riechen Stimmungen, weil selbige den Adrenalinspiegel beeinflussen und den Körpergeruch verändern. Und freuen oder verkrümeln sich beizeiten, je nachdem. Denn nicht nur sie sind für uns begehrte Studienobjekte, umgekehrt wir genauso. Und ohne die Leistungen der Leisetreter jetzt überbewerten zu wollen – was zweifellos mehr schadet als nützt -, dürfte ziemlich unbestritten sein, dass sie erfolgreicher sind. Gewissermaßen, weil ihnen natürlich nur die sie für relevanten Bereiche am Herzen liegen und alle Beobachtungen und Erfahrungen darüber hinaus in der Ablage gespeichert werden. Man weiß ja nie wann man’s braucht. Unser Gehirn tut das zwar auch, ist aber relativ träge. Das und die Tatsache, dass die stets wachen Sinne einer Katze um ein Vielfaches feiner sind als unsere und sie zudem über etwas verfügt, das bei uns Mangelware geworden ist: Geduld, schafft natürlich einen zusätzlichen Vorsprung. Zu unserer Ehrenrettung sei angemerkt, dass wir aufgrund differenter Prioritäten enorm viel verlernt haben, unsere Welt zudem sehr, sehr viel größer ist und wir Anforderungen in nicht vergleichbarem Ausmaß ausgesetzt sind.

Dennoch braucht Mieze bei mindestens 80 Prozent aller (nicht nur) im Netz geschilderten Begebenheiten, wo die Frage nach dem sechsten Sinn auftaucht, keineswegs die Parapsychologie zu bemühen, weil ihre normalen fünf Sinne völlig ausreichen und nichts daran ominös ist. Kommt halt drauf an, ob wir sie (und uns) wirklich gut kennen oder es nur glauben.

So wird sich auch fast immer logisch erklären lassen, warum sie bereits auf der Matte Posten bezieht, ehe ihr deutlich früher als gewöhnlich auftauchende Mensch auch nur die Autotür schließt. Zumal ja ein zweiter Mensch bereits da sein muss, der sie dabei beobachtet hat – und sie ihn! Darüber zu philosophieren wäre ähnlich zielführend wie über den Zusammenhang zwischen Pubertätspickel und die Evolution des Schachtelhalms. Es lässt sich einfach nicht alles restlos begründen (schon gar nicht auf Basis subjektiver Erzählungen), wäre auch ziemlich langweilig ... und hätte in letzter Konsequenz eine Heerschar arbeitsloser Forscher zur Folge. Nicht auszudenken, auf welche Ideen die dann kämen ...

 

 

SECHS SINNE UND MEHR

 

Noch sind sie ja reichlich beschäftigt, die wissenschaftlichen Tüftler, und lösen peu á peu ein Rätsel nach dem anderen. Wobei anatomisch begründete sicher die leichter zu knackenden Nüsse sind, da Biologen sozusagen handgreiflicher unterwegs sind. Und weil emsig, auf Basis elektrisch-magnetischer Wahrnehmung allerlei „sechste Sinne“ entschlüsseln konnten:

Zitteraale erkennen im Dunkeln ihre Gegner durch die Änderungen elektrischer Felder, die sie selbst aussenden; auch der schlecht sehende Hai kompensiert dieses Manko auf die gleiche Art und sie ermöglicht ihm Muskelbewegungen potenzieller Beutetiere zu spüren; Zitterrochen wiederum nehmen die Körperelektrizität ihrer Beute wahr. Klapperschlangen haben einen Wärmesinn; Webspinnen erkennen durch einen Schwingungssinn die kleinsten Bewegungen in ihren Netzen. An Rotkehlchen, Tauben und anderen Vögeln wurde ein Magnetsinn experimentell nachgewiesen (erstmals 1967 von Wolfgang Wiltschko in Frankfurt am Main). Zugvögel, sagt Henrik Mouritsen von der Uni Oldenburg, haben mit ihrem Magnetsinn einen Hightech-Computer im Kopf, der sie nach Flügen über ganze Kontinente und ungeachtet der Wetterverhältnisse pünktlich am Brutplatz landen lässt. Aufgrund der lichtempfindlichen Moleküle in den Nervenzellen ihrer Augen können sie das Magnetfeld der Erde sehen wie ein visuelles Raster. Auch Drosseln orientieren sich nach dem Magnetfeld, wissen, dass die Sonne stets im Westen untergeht und kalibrieren jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang ihren Kompass neu. Alle diese Sinne, die inzwischen genauer erforscht werden, haben eine Verankerung im Biologischen und sind nichts Übernatürliches (mehr).

Bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts verwendete man den Begriff sechster Sinn übrigens für Schönheit (J.G. Herder) oder den Geschlechtstrieb (aber, aber Herr Kant!). Da kann noch allerlei Spannendes auf uns zukommen, etwa wenn Empathie oder Intuition den Wissenschaftern ihre geheimen Pforten öffnen und wir etwa endlich erfahren, warum wir ohne hinzusehen wissen, dass wir angestarrt werden. Die Sache mit dem Bauchgefühl ist freilich schon entschlüsselt, und sich auf selbiges zu verlassen wissenschaftlich gesehen keineswegs das Schlechteste. Forscher sprechen vom Bauchhirn: 100 Millionen Nervenzellen, die in unmittelbarer Verbindung zum Gehirn stehen, wobei 90 Prozent der Verbindungen von unten nach oben verlaufen. Der Bauch erzählt dem Kopf also bis zum Abwinken den ganzen Tag lang Geschichten. Ob Katzen das auch können und uns bauchgesteuert zu allen möglich und unmöglichen Zeiten mit extravaganten Wünschen nerven?

Einer weiteren anatomisch nachweisbaren Sinnesleistung kamen Pheromonforscher auf die Spur, dem Jacobson Organ, das allen Säugern zugeschrieben wird. Steht Mieze starr und steif wie die Katz’ wenn’s donnert, zieht die Oberlippe hoch und klappt die Schnurrhaare zurück - wir nennen das Flehmen und kennen es etwa auch von Pferden oder Hunden - dann hat sie genau dieses Organ aktiviert. Es ist eine Art Mittelding zwischen Geschmack- und Geruchsvermögen und dient zur Übertragung diffiziler Informationen auf Basis chemischer Substanzen, sodass Harnmarken oder Beutetiere wie eine Biografie gelesen werden können. Wozu nützt es uns? Das Andocken der Botenstoffe wird in direktem Zusammenhang mit emotionalen Reaktionen wie Geborgenheit, Abwehr oder sexueller Erregung gebracht. Ist also brauchbar.

Washingtoner Forscher wiederum haben vor einigen Jahren eine Art Frühwarnsystem im Gehirn entdeckt und führen das Überleben indigener Ureinwohner, die im Zentrum der Tsunami Katastrophe (2005) am Indischen Ozean zuhause sind, darauf zurück. „Aufnahmen im Kernspintomographen zeigen, dass der sogenannte Anterior Cingulate Cortex (ACC) in der Nähe der vorderen Stirnlappen immer dann aktiv wird, wenn sich eine Fehlentscheidung anbahnt, die es zu verhindern gilt“, sagte Joshua Brown von der Uni St. Louis. Diese Hirnregion schlägt somit Alarm, bevor ein Ereignis in unser Bewusstsein vorgedrungen ist. Solcherart rechtzeitig einer Gefahrensituation entronnen, führen dies Betroffene auf den sechsten Sinn zurück – der eigentlich damit gar nichts mehr zu tun hat. Dem ACC wurde übrigens auch eine wichtige Funktion bei der Konfliktverarbeitung zugeschrieben.

 

 

RADAR IM HAAR

 

Mit dem Frühwarnsystem kommen wir zu einem Forschungsbereich, der so verzweigt wie kompliziert ist und bei dem Katzen nur zum Teil mitspielen. Einerseits vermutlich weil sie in freier Wildbahn einzeln herumstreifen und damit unbequeme Forschungsobjekte abgeben, andererseits eher selten private Erlebnisse miteinbezogen werden. Nichtsdestotrotz sind sie in den Fokus der Wissenschaft gerückt aufgrund der mitnichten übersinnlichen Gabe, extreme Erhöhung statischer Elektrizität und Veränderungen im Magnetfeld der Erde, wie sie Vulkanausbrüchen, Erdbeben oder starken Unwettern vorausgehen, zu spüren. Mittels Radar im Haar. Das haben wir auch und bemerken bei statischer Aufladung das Knistern beim Kämmen oder wenn einzelne Haare quasi zu Berge stehen und sich nicht bändigen lassen. Stark abgeschwächt indes und daher wenig tauglich als Warnsystem, es sei denn, wir können damit wiederkehrende, gleiche Erlebnisse verbinden. Feuer wiederum kann Mieze durch die Veränderung von Luftzusammensetzung, Luftdruck sowie Temperaturerhöhung wahrnehmen und je nach Windrichtung sogar bisweilen kilometerweit riechen, lange vor uns.

Doch wiewohl es in der Regel im kleinen Köpfchen bimmelt, reagieren manche zwar mit Unruhe und Nervosität, oft sehen wir sie jedoch nur kurz tiefsinnig grübeln und genauso oft wackeln sie nicht mal mit einem Ohr – Gefahren richtig einzuschätzen ist nämlich eine Frage der Erfahrung, die Zimmertiger in unseren Breiten mangels Vulkanausbrüchen, Tsunami & Co wohl eher weniger machen können. Und wenn das Bett brennt, ist sowieso alles klar. Gleichwohl haben sie sich von allen unseren Haustieren am empfänglichsten für atmosphärische Störungen erwiesen und ihr Vorwarnsystem hat im Verlauf von Studien der Katastrophenforschung die höchste Trefferquote erzielte. Chapeau!

Falls Sie sich nun wundern, warum Ihre Kitty völlig ungerührt bleibt: Diese Begabung wird nur etwa 30 Prozent aller Katzen zugestanden. Kann freilich nur eine über den Daumen gepeilte Schätzung sein, denn wie viele waren beteiligt an diesen Studien? Und sie sind auch keineswegs allein, denn wenn’s ums Überleben geht, wissen sich viele Arten zu helfen ...

 

 

TIERISCHES FEINGEFÜHL

 

Jedenfalls bezweifeln Wissenschaftler längst nicht mehr, dass Tiere Katastrophen vorausahnen können und auch etliche Berichte aus früheren Jahrhunderten verweisen auf extrem merkwürdiges Verhalten oder scharenweise flüchtende Tiere, Tage bevor über die Region eine Katastrophe hereinbrach. Helmut Tributsch von der Freien Universität Berlin, der sich seit Jahrzehnten mit dem sechsten Sinn der Tiere beschäftigt, hat historische Aufzeichnungen ebenso zusammengetragen wie zahlreiche Storys über Erdbeben-Vorzeichen anhand hysterischer Hunde, aus dem Wasser springender Fische (wie etwa den deshalb so genannten Erdbeben-Wels in Japan), verrückt spielender Vögel oder hypernervösem Weidevieh. „Es ist nur sehr schwierig nachzuweisen, was genau da passiert“, meinte er, und würde sich wünschen, Satellitenbilder von kurz vor einer Katastrophe sehen zu können. „Man sollte prüfen, ob es zeitgleiche systematische Wanderbewegungen von Tieren gegeben hat“, denn es sei „sinnvoll, in Gebieten mit hoher Erdbebengefahr Statistiken über das Verhalten von Tieren anzulegen. Vor allem da, wo viele Tiere gehalten werden, wie auf Farmen.“ Es wird angenommen, dass Tiere aufgrund ihrer (bislang nur marginal erforschten) rezeptorisch-sensorischen Fähigkeiten Schallwellen und Vibrationen einer über den Meeresboden rasenden Schockwelle wahrnehmen können. Erfahrungen in China hätten gezeigt, dass sich mit solchen tierischen Warnsystemen starke Beben frühzeitig erkennen ließen.

Wir könn(t)en sicher viel von Tieren lernen, vielleicht sogar zu überleben. Denn die Flutwelle in Asien hat Tausende Menschen in den Tod gerissen, Tierkadaver dagegen wurden, genauso wie beispielsweise im Reservat des Yala Nationalpark in Sri Lanka, kaum gefunden. Leider dürfte die Sache einen nicht unbeträchtlichen Haken haben, weil das Vorausahnen eines Bebens keineswegs die richtige überlebenswichtige Reaktion auslösen muss, da das Einschätzen von Gefahren als solche einem Lernprozess unterliegt – was sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte zieht. So ist die Sensibilität in Gebieten mit häufigen Erd-/Seebeben, auch bei nur geringer Intensität, entsprechend hoch, während in anderen Regionen der spezielle Erfahrungswert fehlt. Hochentwickelte Tiere wie unsere Katzen oder Säuger an sich haben indes einen Vorteil: Sie sind Weltmeister im Beobachten, und wenn etwa Erdbewohner wie Ratten oder Schlangen oder andere kleine in Wassernähe lebende Tiere sich sehr merkwürdig verhalten, könnte das eine Art Kettenreaktion in Form von Fluchtangst auslösen. Doch nichts Genaues weiß man nicht, da gibt’s noch ziemlich viel zu forschen.

 

 

NICHT NUR DER INGENIEUR HAT’S SCHWÖR

 

Jedenfalls wenn die körperlichen Zusammenhänge nicht gegeben sind. „Man sucht immer nach solchen“, sagt Eberhard Bauer vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie in Freiburg, „und erwartet, dass, sobald ein Phänomen auftritt, irgendein Hirnareal wie wild feuert.“ Der Psychologe befasst sich seit vielen Jahren mit paranormalen Erlebnissen, von denen eine deutsche Statistik besagt, dass 60 bis 70 Prozent der Menschen bereits damit konfrontiert wurden. Seine Prognose ist freilich einigermaßen düster: „Ich halte es für extrem unwahrscheinlich, dass man paranormale Phänomene bei Menschen und einigen Tieren auf elektromagnetische Wechselwirkungen zurückführen kann. Es gibt ja Versuche, die über Tausende Kilometer hinweg führen.“ Die Raum-Zeit-Schranke, die gängige Physik, habe für diese Phänomene keine Gültigkeit und man wisse bisher nur, dass sie von den Emotionen der Beteiligten abhängen. Aber auch, dass es tatsächlich Hinweise für ihre Existenz gibt. „Das Problem besteht darin, dass man sie nicht beliebig unter wissenschaftlichen Bedingungen wiederholen kann“.

Tja, Forscher haben’s schwer, denn eine Antwort auf alle Fragen wird es nie geben. Jede Umwelt stellt an ihre Bewohner andere Anforderungen, sodass Luft- und Wassertiere ebenso unterschiedliche sechste Sinne haben wie (wir) Landwesen, je nachdem wo wir zuhause sind. Oder wie das Präzisionskunstwerk Katze ... Schön, dass wir immer wieder ein bisschen mehr über sie dazulernen – und alle Geheimnisse dennoch nie völlig lüften können.

 

 

 

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