Die Deutsch Langhaar

DIE DEUTSCH LANGHAAR

 

EINE NEUE RASSE MIT VERGANGENHEIT

 

Autorin: Dr. Silke Sandberg (Biologin)

 

 

Kaum jemand kennt sie und doch ist sie die älteste in Deutschland entstandene und hier erstmals beschriebene Rassekatze – die Deutsch Langhaar. Ihre Geschichte reicht weit zurück in die Anfänge der modernen Katzenzucht. Diese bodenständigen und doch eleganten Katzen wären wohl völlig vergessen worden, wenn nicht um 2000 herum Züchter auf Langhaarkatzen aufmerksam geworden wären, die in Würfen von ganz normalen kurzhaarigen Hauskatzen auf abgelegenen Bauernhöfen geboren wurden. Normalerweise geht man davon aus, dass die Europäische Hauskatze kurzhaarig ist. Allerdings zeigen die sehr beliebten Rassen Maine Coon, Norwegische Waldkatze und Sibirische Katze, die ursprünglich nichts anderes als langhaarige Vertreter von Hauskatzen waren, dass die Anlagen für Langhaarigkeit schon lange Zeit zum Genpool der europäischen Hauskatze gehören.

 

Die Züchter forschten nach, was es mit den Langhaarkatzen auf sich hat, und fanden schnell eine Vielzahl von Gemälden, die zu Beginn des 20.Jahrhunderts in Deutschland entstanden waren und Katzen mit langem Fell zeigten, bei denen es sich nicht um Perser handelte und die meist „Angorakatze“ genannt wurde. Es dauerte nicht lange, da fand man in alten Rassekatzenbüchern auch einen Namen für die attraktiven Katzen: Deutsch Langhaar.

 

Untrennbar mit dieser Rasse ist der Name eines Mannes verbunden, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts wegweisend für die Katzenzucht in Deutschland war und von vielen nur der „Katzen-Schwangart“ genannt wurde. Prof. Dr. Friedrich Schwangart [1] war Professor für Zoologie in Dresden und ein ausgesprochener Natur- und Katzenliebhaber. Er war auf den ersten Katzenausstellungen Deutschlands als Richter tätig und hatte großen Einfluss auf die gerade erst entstehende Rassekatzenzucht moderner Ausprägung. Ihm war es ein Anliegen, dass die in Deutschland vorkommenden, züchterisch noch wenig beeinflussten Langhaarkatzen als Rasse erhalten blieben und nicht an das Ideal des englischen Hochzuchtpersers angepasst wurde. Er stellte 1929 unter dem Oberbegriff „Angora“ Rassebeschreibungen für beide Formen – Perser und Deutsch Langhaar – auf und setzte sich dafür ein, dass die Rassen getrennt voneinander gezüchtet wurden. Er hoffte, dass so das natürlichere Äußere, die robuste Gesundheit sowie das pflegeleichtere Fell der Deutsch Langhaar erhalten bleiben würde.

Obwohl Schwangart aufgrund seiner kommunistischen Überzeugung von den Nationalsozialisten aller Ämter enthoben wurde, fand seine Deutsch Langhaar so viele begeisterte Liebhaber und Züchter, dass sie in Deutschland 1935 offiziell in der Langhaarklasse neben Perser und Hl. Birma als eigenständige Rasse anerkannt und zur Zucht zugelassen wurde. Im Oktober 1939 erfolgte schließlich auch die internationale Anerkennung der Deutsch Langhaar unter dem Rassenamen "Borealis" oder "Race Boréale" in der Confédération Internationale Féline (CIF), der Vorläuferorganisation der Fife [2], der damals die Societa Felina Italiana, der Cat Club de Paris und die Fédération Suisse angehörten.

 

Was so erfolgreich begonnen hatte, endete leider jäh mit dem Zusammenbruch der europäischen Katzenzucht durch den 2. Weltkrieg. Davon erholte sich die Deutsch Langhaarzucht im 20. Jahrhundert nicht wieder und die Rasse geriet in den Jahren des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunder immer mehr in Vergessenheit. Wenn man sich Rassekatzen hielt, dann sollten es exotische Siamkatzen oder Perser sein. Vielleicht war Schwangart aber auch mit seinen Ideen einer möglichst naturgemäßen Langhaarkatze seiner Zeit um Jahrzehnte voraus?

 

1969 wurden mehrere der letzten Zuchtkatzen einer Frau geschenkt [3], die für viele Jahre die letzte Deutsch Langhaarzucht betreiben sollte. Renate Aschemeier, damals eine Frau mittleren Alters, fand schnell Gefallen an den eleganten Langhaartigern und widmete sich – ausgerüstet mit fundierten Kenntnissen aus der Hundezucht - auf eigene Faust der Erhaltungszucht der seltenen Katzen. Fast vierzig Jahre sollte es dauern, bis wieder Züchter Interesse an ihren Katzen zeigten.

Und hier schließt sich der Kreis. Die oben erwähnten Züchter konnten die inzwischen hochbetagte Frau Aschemeier von ihrem Einsatz für die Deutsch Langhaar überzeugen, sodass sie ihnen 2009 fünf potente Deutsch Langhaarkatzen überließ. Leider zeigte sich, dass der Nachwuchs bei der Mehrheit der Katzen altersbedingt ausblieb. Umso glücklicher war man, dass es im Sommer 2011 doch noch Erfreuliches zu berichten gab. In der Cattery „von Germangora“[4] wurde der erste Wurf von vier Kätzchen geboren, dessen Vater der letzte potente Deutsch Langhaarkater „Bär von der Wassermühle“ ist, der sich noch im Besitz von Frau Renate Aschemeier befindet. Die Nachkommen von Bär haben sich zu sehr typischen Deutsch Langhaarkatzen entwickelt und werden in den kommenden Jahren den Kern der Erhaltungszucht bilden. Nicht lange nach diesem Wurf erblickten zwei Nachkommen von Bömmel, einer Vollschwester von Bär, das Licht der Welt.

 

Nun wäre es zwar möglich, auf den Nachkommen von zwei Vollgeschwistern eine Rasse aufzubauen, aber die Nachteile durch die dabei entstehende Inzucht sind so groß, dass dieses Vorgehen von den Deutsch Langhaar-Züchtern nicht in Erwägung gezogen wurde. Es werden deshalb zusätzlich zu den „Aschemeier-Katzen“ Gründertiere eingesetzt, die wie die bereits erwähnten langhaarigen Hauskatzen dem typischen Aussehen einer Deutsch Langhaar weitgehend entsprechen bzw. erwünschte Merkmale mitbringen, aber deren Vorfahren nicht in Zuchtvereinen registriert sind. Sie sind die Katzen, die die nötige genetische Vielfalt gewährleisten.

 

Was ist aber nun typisch für eine Deutsch Langhaarkatze? Heute wie damals basiert die Rassebeschreibung auf den Angaben von Prof. Schwangart, der sich daran orientierte, was er als typisch an diesen ursprünglichen Langhaarkatzen erkannte [5]. Vom Körperbau soll sie dem Kurzhaartiger (heute: Europäisch Kurzhaar) entsprechen bzw. ihr Eindruck soll an die Europäische Wildkatze erinnern. Sie soll eine große, muskulöse Katze sein, die jedoch nicht den stämmigen Körperbau des Persers aufweist. Das halblange bis lange Fell ist aufgrund seiner Struktur, Schwangart nannte sie „schmiegsam“, pflegeleicht, sodass die Katze die Fellpflege die meiste Zeit des Jahres selbst bewältigen kann. Der Kopf ist von vorne gesehen trapezförmig und vermittelt durch die abgestumpfte Schnauze einen rundlichen Eindruck. Die großen, ovalen Augen zeigen einen freundlichen Blick, die das offene, menschenbezogene und gesellige Wesen der Katze widerspiegeln. Trotz ihrer Größe und Kraft ist die Deutsch Langhaar eine elegante Katze mit fließenden Bewegungen, deren typischen Merkmale sich im mittleren Bereich bewegen. Nichts an ihr soll übertrieben wirken oder gar die natürliche Funktionalität des Körperbaus einschränken. Ihr Temperament liegt im mittleren Bereich, so dass sich die menschenbezogene und gesellige Katze auch zur Wohnungshaltung eignet, wenn sie in Gesellschaft mit ein oder mehrerer Katzen leben darf.

Aufbauend auf rund 40 Gründertieren und den beiden letzten fortpflanzungsfähigen Originalen entwickelte sich die Zucht der Deutsch Langhaarkatze in den letzten zehn Jahren ausgezeichnet. Heute sind fast 400 Katzen mit einer breiten genetischen Basis in die Zuchtbücher unterschiedlicher Vereine eingetragen. Nur eines fehlte bis vor kurzem: die Rasse war nicht mehr bei den Zuchtvereinen anerkannt, sondern wurde als Experimentalrasse gezüchtet und konnte auch nur außer Konkurrenz ausgestellt werden.

 

Die Anerkennung einer Rasse ist ein aufwändiger Prozess, der nur dann sinnvoll ist, wenn ihn große Vereine, am besten internationale Verbände durchführen. Denn was nützt es, wenn ein unbekannter Verein mit nur wenigen Mitgliedern die Rasse anerkennt, alle anderen aber nicht? Die Bemühungen einer Gruppe von Züchtern, die sich zur Arbeitsgemeinschaft Deutsch Langhaarkatze [6] zusammengeschlossen hatten, waren am 29.April 2012 von Erfolg gekrönt. Zufällig am selben Tag beschlossen sowohl der Katzenverein Leverkusen e.V.[7] als auch die World Cat Federation [8] die Wiederanerkennung der Deutsch Langhaar als eigenständige Rasse. Somit wurde die älteste in Deutschland entstandene und vor mehr als 70 Jahren bereits anerkannte Katzenrasse wieder in den Reigen der Rassekatzen eingereiht und kann nun gleichberechtigt auf Ausstellungen gegen Katzen aller anderen Rassen konkurrieren.

Mehr zur Deutsch Langhaarkatze sowie zum aktuellen Zuchtgeschehen sind auf den Internetseiten der AG DLH [6] zu finden.

 

 

 

Weitere Verweise:

 

[1]

http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/fakultaet_forst_geo_und_hydrowissenschaften/fachrichtung_forstwissenschaften/institute/forstbotanik/zoologie/geschichte/

 

[2] http://fifeweb.org/index.php

 

[3] Katzen Extra 10/2000: Die Deutsch Langhaar

 

[4] http://www.germangore.de

 

[5] Standard der DLH: http://wcf-online.de/WCF-DE/standard/longhair/Deutsch-Langhaar.html

 

[6] http://deutschlanghaarkatzen.de

 

[7] http://www.kvlev.de/

 

[8] http://wcf-online.de/WCF-DE/index.html

 

 

 

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