Britisch Kurzhaar

 

 

 

Der Name ist Programm, denn ihre Wiege stand tatsächlich in England und vor allem die Blauen waren schon dereinst die Trendsetter. Die Sheba Werbung tat ein übriges, sie auch in unserer Zeit auf diesem Sockel zu halten – nein, das ist keine Kartäuser (Chartreux), genau genommen: war, denn neuerdings darf eine Russisch Blau mit Eva Longoria posieren. An ihrer Beliebtheit wird das nicht kratzen, denn ohne die blauen Teddys geht es nicht. Auch wenn ihre Welt mittlerweile so bunt geworden ist wie ein Faschingsfest – nachfolgend daher ein kleines Bilderbuch ...

 

 

CHARAKTER – WERTBESTÄNDIG

 

Meist werden sie als unkomplizierte Wegbegleiter „für alle Tage“ ohne Allüren und Faxen charakterisiert und an sich stimmt das auch. Die Britisch Kurzhaar verkörpert den „natürlichen“ Typ Katze, gleichzeitig häuslich und auf den Menschen geprägt wie durchaus imstande, so sie die Gelegenheit dazu hat, sich auch in freier Natur zu behaupten. Heißt: Anpassungs- und lernfähig, eigenständig, geduldig, wehrhaft (wenn’s denn sein muss) ... und nicht leicht zu beeindrucken. Charakterköpfe eben. Dennoch erfrischend ungekünstelt und dank maßvollem Temperament – bitte nicht mit langweilig verwechseln - ideale Partner für eine ähnlich gestrickte Familie mit Kind/Hund, Senioren bzw. Singles jeder Altersstufe. In der Regel kommen sie gut als Einzelkatze zurecht, wissen aber einen adäquaten Kameraden zu schätzen und fühlen sich auch in einer kleinen Gruppe wohl – sofern Harmonie und Alter passen und sie bei Bedarf die Möglichkeit haben, einander weiträumig aus dem Weg gehen zu können. Was freilich kein Garant für ewigen Frieden sein muss. Sie haben’s nicht mit Krieg, aber ihre Duldsamkeit hat auch mal ein Ende und hin wieder gilt auch ein bisschen die Devise „was ich mal hab’, gebe ich nicht so leicht wieder her“. Werden wir als Oberkatze akzeptiert, räumen sie uns allerdings beachtlichen Einfluss ein - gleichbedeutend mit: Erziehung ist möglich. Solange wir keine Kapriolen erwarten und ihre Kreise nicht über Gebühr stören.

Sind Mensch und Katze von verwandtem Naturell, geben sich die Teddys unglaublich liebevoll, unaufdringlich-anhänglich, können sogar sprechen und sind gern nahebei, aber dessen ungeachtet nur selten Schoßkatzen, weil Menschen ständig aufstehen oder sonst wie herumgeistern und das stört die gemütlichen Ruhephasen. Sie möchten auch im Bett gern willkommen sein, machen aber oft nur zeitweise Gebrauch davon. Wichtig zu wissen ist, sie könnten, das schmeichelt dem Ego und kann schon reichen - und ist übrigens nicht Briten-typisch, sondern vielfach Katzenart. Dazu gehört auch, dass sie bei zuwenig Beachtung durchaus seelisch verkümmern können – es macht also Sinn, sie hin und wieder gepflegt aus ihrer Beschaulichkeit zu holen.

Da gilt sozusagen das Sprichwort „wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus“. Soll heißen, sie haben allerlei drauf, wenn man sie fordert – und fördert. Überfordern würde nicht klappen, artet etwas in Arbeit aus, streichen sie die Segel. Ist allerdings eine Frage von Angebot (!), Alter, Befindlichkeit und Körpermasse. Weil: Von genügsam bis Genießer neigen die ziemlich langlebigen Briten zum Übergewicht und infolgedessen mit steigendem Alter zum Phlegma. Das Temperament hat allerdings auch etwas mit der Farbe zu tun, wieso, ist nicht so ganz heraus, aber Tatsache. So gelten die Blauen immer noch als die größten Dickköpfe, den Tabbys sagt man den meisten Pep und viel Erfindergeist nach, den Roten quasi „von allem mehr“ (aber niedrigerer Toleranzschwelle) und die Silberlinge (Shaded, Chinchilla) sind seelenvoll höflich. Und dazwischen ist alles möglich, genauso wie natürlich Ausnahmen die Regel bestätigen.

Denn in ein Schema pressen lassen sie sich trotzdem nicht. Alle Jungtiere sprühen vor Unternehmungslust, die manchen bis ins hohe Alter bleibt, während andere reif, weise und abgeklärt geduldig darauf warten, bis eine Fliege, ihres Lebens überdrüssig, vor ihre Füße fällt. Oder halt nicht – was soll’s? Übrigens, weil vorhin von Katzenart die Rede war, da kommt häufig der Anspruch auf Gleichberechtigung ins Spiel: Wenn ihre Bedürfnisse erfüllt werden, ist das einer Britisch Kurzhaar ziemlich egal ... Gleicher als gleich ist nicht ihr Ding.

 

PFLEGE – MODERAT WICHTIG

 

Briten gelten als pflegeleicht und im Prinzip kommt das hin, wiewohl eine Frage der Auslegung. Und des Pelzchens. Denn auch das hat mit der Farbe zu tun, besser gesagt: kann. Die meisten haben sehr dichtes (oder auch zu langes) Fell, also viel Unterwolle, da sollten schon einmal wöchentlich Kamm und Bürste ausgepackt werden. Definitiv bei allen, wenn sie im Fellwechsel sind, weil sie sonst a) viele Haare „lassen“, vom Liegeplatz bis zu Ihrer Kleidung, bzw. b) beim Putzen zu viele verschlucken. Die dann entweder erbrochen oder mittels (ungesund) massig Malzpaste Magen und Darm queren. Oder sich so im Magen verfilzen, dass gar nichts mehr geht – ein lebensbedrohlicher Zustand und das Opfertier ist „reif“ für den Doc.

Bei sehr nachlässigem Pflegepersonal wäre Misere Nr. 2, dass sich – immer je nach Felldichte/-länge – in etwa ab dem dritten Lebensjahr filzige Knoten und sogar schmerzhafte Platten bilden (können). In letzteren Fall hilft nur noch unter Narkose beim Doc abscheren lassen (und es hinterher nicht mehr so weit kommen lassen!). Können Knoten noch mittels Schere herausgeschnitten werden, schieben Sie unbedingt einen Kamm zwischen Haut und Knoten, Verletzungen sind schnell passiert. Und: Es kann auch länger dauern, aber das Schicksal schlägt immer zu, spätestens wenn altersbedingt die Hormonproduktion umgestellt wird – und das fängt ja schon etwa ab dem siebten Lebensjahr an.

Damit’s beiderseits kein Frusterlebnis wird, ist die Wahl des Werkzeuges wichtig. Lassen Sie sich beraten bzw. fragen in der Zoohandlung, ob Sie’ umtauschen dürfen, wenn’s nicht passt. Ideal für alle Felle ist eine Bürste mit großen Kunststoff-Köpfchen (aus dem Drogeriemarkt) und während des Fellwechsels ein Kamm mit nicht zu engstehenden und abgerundeten Spitzen (ein sogenannter Flohkamm oder eine Gumminoppenbürste/-handschuh reißen ihr auch lebendes Haar aus; im Grunde genauso die oft verwendeten viereckigen Bürsten mit gebogenen Zinken, die maximal bei sehr viel Unterwolle & im Fellwechsel zum Einsatz kommen sollten). Natürlich darf auch mit mittelharten Borsten massiert und gestreichelt werden, da ist alles erlaubt, was nicht ziept und der Katze gefällt. Wenn’s nicht gefällt, kann ein Brite schnell die Gewitterziege herauskehren ...

 

 

AUSSEHEN & FARBEN – VIELFÄLTIG

 

Da Standards (oder dessen Auslegung) bisweilen variieren, ist das Erscheinungsbild nicht immer einheitlich. Trotzdem sollte bei der idealen Britisch Kurzhaar, kurz gefasst, alles rund sein (auch der Kopf im Profil), freilich gemäßigter als bei einer typvollen Perser oder Exotic, aber eine gewisse Nähe sollte gegeben sein (wobei die „Einzelteile“ von Jungtieren im Wachstumsalter schon mal etwas unkoordiniert „ins Kraut schießen“ dürfen – aber mit Maßen, denn nicht alles wächst sich aus). Rund hat übrigens nichts mit fett zu tun.

Der Standard verlangt eine große/mittelgroße Katze (kleiner als Maine Coon & Co), den Unterschied schafft (wie bei den meisten Rassen) gewöhnlich das Geschlecht: die Damen geben sich moderater als die Herren, die vor allem ausgewachsen „ein Bild von einem Mann“ abgeben können. Wobei wichtig zu wissen ist, dass Briten erst mit Vollendung des zweiten Lebensjahres fertig entwickelt sind und, sollten sie um diesen Zeitpunkt herum erst kastriert werden, sich die Körpermasse maximal „neu verteilt“. Größer werden sie also dann nicht mehr, höchstens breiter ...

Auch der Kopf wird möglichst breit – aber immer rund - gewünscht, ohne Unterschied des Geschlechts, ausschlaggebend ist, dass alles harmonisch zueinander passt. Die Nase muss kurz und breit sein, eine leichte Einbuchtung zur Stirn (kein Stopp) aufweisen und von dieser in einen wiederum runden Oberkopf münden – woran doch noch hin und wieder gearbeitet werden sollte, denn häufig ist‘s in den Bereich zu flach, was gut im Profil zu sehen ist. Ein kräftiges Kinn gehört dazu, ein Pinch (deutliche Einbuchtung zwischen Schnurrhaarkissen und Backenknochen) nicht. Vervollständig wird der schöne Britenkopf durch große, runde Augen, weit geöffnet (im absoluten Wachzustand, logisch) und weit auseinander gesetzt. Die Augenfarben (blau, grün, kupfer/orange, gelb ist unschön und verboten) sind abhängig von der Fellfarbe. Die Ohren müssen an den Spitzen leicht abgerundet und weit auseinander gestellt sein – und wirklich so klein, dass die Bezeichnung „Teddybär“ gerechtfertigt ist. Auch hier müssen wir bei Halbwüchsigen Großmut walten lassen, wenn die Proportionen nicht stimmen, denn der Kopf wächst noch, die Ohren aber nicht mehr! Schmale Löffel sind in jedem Fall unerwünscht.

Ein schöner Brite ist ein Muskelpaket mit einer breiten Brust, starken und kräftigen Schultern und Rücken, kurz und gedrungen, und steht auf kurzen und stämmigen Beinen. Weder Dackel-kurz noch fette Sumoringer oder verbaute Bodybilder, sondern alles hübsch harmonisch verteilt und verpackt. Ungeachtet des Geschlechts darf ein Brite NIE einen schlanken oder langen Körper, einen zarten Knochenbau oder hohe Beine haben!! Die Struktur muss immer kräftig sein. Dazu passend ist natürlich auch der Schwanz relativ kurz und sollte sich bis zum gerundeten Ende höchstens marginal verjüngen. Das Fell ist kurz, dicht, mit guter Unterwolle und feiner, jedoch griffiger Textur und darf nie flach anliegen.

Der Kleiderschrank ist exorbitant und es gibt fast nichts, das nicht zumindest irgendwo anerkannt wäre. Insgesamt gesehen sind so an die 300 Variationen möglich und ziemlich viele davon werden auch gezüchtet, naturgemäß teilweise halt nur in kleinem Rahmen.

 

 

GESCHICHTE – KURZ GEFASST

 

1865 in England erschienen, kennt die Geschichte spätestens seit Walt Disney jeder. Die Rede ist von Lewis Carroll’s illustrierter „Alice in Wonderland“, und ganz besonders von seiner „Cheshire Cat“, die damals die Verkörperung DER British Shorthair Tabby abgab. Nach heutigem Verständnis freilich mit Nachsicht betrachtet ...

Ungefähr zur gleichen Zeit begannen sich die Engländer für ein neues Hobby zu interessieren: die Katzenzucht. Federführend war Harrison Weir, der auch als einer der ersten Richter auf nachmittäglichen Teegesellschaften die mitgebrachten und an der Leine geführten Samtpfoten einer kritischen Begutachtung unterzog. Da es damals nur zwei Gruppen gab, nämlich Langhaar und Kurzhaar, und für Mutter England nur Exoten wie Angora (Perser) und Siamesen zur High Society gehörten und ihnen die Ehre eines Namens erwies, dümpelte der Rest unter der Bezeichnung „any other variety“ oder „foreign shorthair“ erst einmal namenlos vor sich hin und musste es sich auch gefallen lassen, kreuz und quer miteinander verpaart zu werden. Schicke britische Hauskatzen inklusive.

Die Kurzhaarfreunde, mitnichten verdrossen, fanden vor allem das kleidsame Muster der Braun-Tabbys (heute, weil genetisch schwarz: Schwarz Tabby) schätzenswert und diese dürften damit die erste Varietät sein, die züchterisch gezielt angepeilt wurde. Eine Farbspielart, die sich hierzulande nie richtig durchsetzen konnte, weil die meisten unserer Hauskatzen in diesem Kleid herumlaufen, während in England die einfärbig Schwarzen dominierten. 1870 tauchten dann auf einer Show in London zwei einfarbige Blaue mit „russischem“ bzw. „britischem“ Typ auf. Der Eindruck war nicht übermäßig bleibend, zumal der Unterschied kaum erkennbar war. Die Empfehlung, sie deshalb künftig gemeinsam zu züchten, führte 1899 einerseits zur Geburt der „Kurzhaar blau“ als eigene Rasse – mit krönendem Ergebnis, denn 1911 konnten erstmals die sieggewohnten Perser und Siamesen vom Podium geschubst werden und mussten die Trophäe für Best in Show der blauen Kurzhaar einer Miss Cochrane überlassen. Andererseits sahen, weil die „Rundlichen“ bevorzugt wurden, die Freunde der gemäßigteren Blauen aus Russland ihre Felle davonschwimmen und protestierten entrüstet gegen den Einheitstopf. Das folgende „Bäumchen wechsle dich"-Spiel, das sich über etliche Jahre bzw. sogar Jahrzehnte hinzog, interessiert heute im Grunde höchstens noch Historik-Interessierte, weshalb ich Ihnen das jetzt hier ersparen will. Zumal es letztendlich zu einer (glücklicherweise bis heute bleibenden) Einigung führte, wie bei uns – siehe letztes Kapitel „Etikettenschwindel“.

 

Nun, 1903 widmete Frances Simpson in „The Book of the Cat“ den (überwiegend) Blauen satte zwei Kapitel – und aus gar nicht mal so wenigen der Fotos (siehe www.pawpeds.com) lacht eine Russisch Blau heraus, noch häufiger ein deutlicher Chartreux Touch. Aufgrund exzellenter Züchterarbeit braucht man allerdings heute den Katzen sozusagen nur ins Gesicht zu sehen, um den typischen Look auszumachen - abgesehen natürlich vom "Rest", denn Russisch Blau wie Chartreux unterscheiden sich von den Briten auch im Körperbau sehr deutlich. Freilich gab es auch einige wenige andere Farben, dafür müssen wir aber nicht England bleiben ...

 Da mischten die kontinentalen Züchter nämlich kräftig mit. Wobei Österreich von der deutschen Wertarbeit und der holländischen Vorreiterrolle profitierte, die ihrerseits auf britische Importe aufbauten. Auch Frankreich und Skandinavien haben ein Wörtchen mitzureden, allerdings weniger in der Alpenrepublik – da war Berlin wohl eine Reise wert, aber der Rest lag auf dem Mond. Kann sich in Zeiten wie diesen, wo die Züchter aller Länder dank Internet näher zusammengerückt sind und man mal schnell nach Amerika düst, keiner mehr vorstellen, bleibt freilich auch heute Idealisten vorbehalten. Aber ich vergaloppiere mich schon wieder ...

Also: Tatsache ist, dass die Blauen lange Zeit konstant das Maß aller Dinge waren und, weil dadurch standardgerecht am besten durchgezüchtet, begehrte Paarungspartner für Züchter anderer Farben gewesen sind – allerdings war es (jenseits von England, da stand das nicht zur Debatte) auch gang und gäbe, sich der reichen Farbpalette der Perserkatzen zu bedienen (woraus letztlich die Highlander entstanden sind). Mittlerweile bleibt man nobel untereinander, weil solche Seitensprünge keine erkennbaren Vorteile bringen. Ausnahmen bestätigen wie stets die Regel, manchmal sogar mit gutem Grund.

Vor allem Holland galt lange Zeit als Eldorado (nicht nur) für Britenzüchter, wie Amerika später für die Perser. Um die Topqualität der Blauen mit der bestechend hellen Fellfarbe kam auch Deutschland nicht herum, sie sind heute noch legendär, doch man konnte auch in allen anderen Farben wühlen wie weiland in den Läden beim Sommerschlussverkauf. Schnäppchen gab’s hingegen nur für Eingeborene, denn die Preise schnellten beim feliden Grenzübertritt beachtlich in die Höhe. In der Regel absolut zu Recht, denn dem Pioniergeist der Züchter sind nicht nur fabelhaft schöne Teddys mit (zumeist) exzellenter Fellqualität und vortrefflicher Abstammung zu verdanken, sondern auch die Bereicherung der Farbpalette. Wie z.B. um die Lilac (die eine zeitlang heftig an der Vormachtstellung der Blauen kratzen) und die Chocolate (die immer noch nachhinken, weil der warme Farbton schwer zu erzüchten ist; was meines Erachtens auch für die meisten Cinnamon gilt). Auch die Colourpoint gab es in den Niederlanden (und Frankreich) schon viel früher als anderswo - und seltsamerweise ist der prognostizierte Boom ausgeblieben, was ich persönlich sehr bedaure. Holland liebte auch die eher vernachlässigten Tabbys, vor allem in Rot waren sie sonst kaum zu bekommen. Und die heute so populären Silvertabbys mischten in Holland schon eine ganze Weile die Haushalte auf, bevor die ersten aus Amerika nach Deutschland kamen.

Nichtsdestotrotz leistete die Bundesrepublik einen gewichtigen Beitrag bei den Weißen und (neben Frankreich) der Kultivierung und Verbreitung der (aus England kommenden und auch dort erst wenige Generationen jungen) Silver shaded und Chinchilla. Die Eisbärchen kamen immens gut an und kratzen heute gleichfalls mit einiger Berechtigung an der Vormachtstellung der blauen Marktleader. Deutscher Maßarbeit (mit holländischer Mitwirkung) verdanken wir auch die Goldstückchen = Golden shaded (und etwas seltenere Tabbys), mittlerweile auch in Blue golden. Ja nun, die Verdienste aller aufzuzählen würde sich sogar für erklärte Historikerfans ähnlich atemberaubend anhören wie das Telefonbuch. Heute halten einander die Länder längst die Waage.

Zum guten Ende noch flugs eine kleine deutsche Story aus dem Jahre Schnee über das stiefmütterliche Dasein der Tabbys: Es war nämlich just ein „graugestromter“ Kater namens „Wastl von der Kohlund“, der in die Geschichte einging. 1938, als auch von einer honorigen Katze erwartet wurde, Sitte und Anstand zu wahren und einer achtbaren Beschäftigung nachzugehen, wurde er auf einer der ersten Internationalen Katzenausstellungen in Berlin vorgestellt und penibel festgehalten, dass er ein „gut abgerichteter Rattenfänger“ sei. Ja, das waren noch Zeiten, als die Miezen noch nicht so völlig dem Glanz und Glamour verfallen waren wie heutzutage ...

 

Apropos Glanz und Glamour: Sollten die aufgeklärten LeserInnen die USA in dieser Britengeschichte vermissen - da gibt’s nicht viel zu vermelden, ein wie immer gearteter Beitrag ist nicht erkennbar. Es gibt zwar (sehr wenige) Britenzüchter in Amerika, aber die Katzen kamen allesamt aus Europa und mehr oder weniger (eher weniger) reine US-Linien sind eine Rarität. Die Britisch Kurzhaar konnten in der Neuen Welt nicht wirklich Fuß fassen, was wohl an der Eigenkreation der American Shorthair liegt, die freilich eher unseren Europäisch Kurzhaar vergleichbar sind. Und vereinzelt heute importiert und in die Briten eingebracht wird. Eine wunderbare Überleitung zum letzten Kapitel, denn das Karussell hört nicht auf, sich zu drehen ...

 

 

 

ETIKETTENSCHWINDEL

 

Falls Sie sich noch an das vorerwähnte britische Tohuwabohu erinnern: Wir auf dem Kontinent bastelten nämlich an unserem eigenen Durcheinander. Die Russisch Blau konnte sich zwar vorher quasi höflich empfehlen, denn sie wurden bereits (!?) 1948 als eigenständige Rasse anerkannt und kommen in diesem Spiel daher eigentlich nicht mehr vor. Die britischen Briten indessen hießen bei uns Europäisch Kurzhaar, warum auch immer, und bildeten mit den (natürlich ausschließlich blauen) Kartäusern eine Familie, weshalb die blauen Europäer in den Stammbäumen als „Europäisch Kurzhaar blau Kartäuser“ geführt wurden ... Womit, kurz gesagt, im Endeffekt genau genommen alle unzufrieden waren.

Der Kampf mit der FIFe als größtem und damit tonangebenden Dachverband war reichlich lang und zähe und erst nach mehrfachen hartnäckigen Interventionen konnten 1977 endlich zunächst einmal die Kartäuser (Chartreux) einen Erfolg verbuchen und wurden als autonome Rasse anerkannt.

 Der "Rest" musste sich allerdings noch weitere fünf Jahre lang gedulden, bis man ihn aufteilte in Europäisch (= schlank) und Britisch (stämmig) Kurzhaar. Seither werden alle drei Rassen nach eigenen Standards streng getrennt voneinander gezüchtet und haben jede für sich einen rassespezifischen Look entwickelt, der sie so deutlich voneinander unterscheidet, dass eine Verwechslung eigentlich nicht mehr möglich ist - siehe die Vergleichsfotos weiter unten. Warum ich Sie dann trotzdem mit damit quäle? Weil die leidige Geschichte dennoch immer noch nicht vom Tisch ist.

 

Denn die rigorose (auch namentliche) Trennung wurde nicht von allen anderen Vereinen übernommen und das erschwert dem Nichtfachmann die Unterscheidung, was er eigentlich vor sich hat. So gibt es nach wie vor Clubs, wo die blauen Briten als Kartäuser bezeichnet werden. Andere wieder haben die Sammelbezeichnung Europäer beibehalten und da kann es vorkommen, dass nicht nur die Blauen, sondern auch Katzen anderer Farben als Kartäuser angeboten werden (z.B. „Europäisch Kurzhaar weiß Kartäuser“).

Das Irrwitzige daran ist nicht nur das Beharren darauf, dass Kartäuser ja keine Chartreux wären (aha), sondern dass die Chartreux unter diesem Namen bei allen Clubs als eigene Rasse anerkannt ist. Und deren Züchter nicht nur mit dem Etikettenschwindel leben müssen, sondern auch mit dem dreisten Missbrauch der deutschen Übersetzung ihres Rassenamens ...

Sie kennen sich trotzdem nicht aus? Nun, wenn in einem Stammbaum nur Chartreux steht und alle blau sind, ist es auch eine solche. Alle anderen „Kartäuser“ schmücken sich mit fremden Federn.

 

 

Der Vergleich macht Sie sicher:

 

V.l.n.r.: Britisch weiß/USA; American shorthair/USA, Europäisch Kurzhaar und Chartreux

 

V.l.n.r.: Exotic shorthair, British silver shaded und Russisch Blau

 

 

Fotos: Schulla, Niesel, Kümmerling, Oberst, Schischkin,. privat

 

 

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