Aberglaube und andere Weisheiten

ABERGLAUBE

UND ANDERE WEISHEITEN

 

 

Dass Wissen und Glaube zweierlei Paar Schuh sind, wird niemand abstreiten. Aber wie beides voneinander unterscheiden? Wird etwas wahr, nur weil viele es behaupten? Oder weil’s in der Zeitung/im Internet steht? Oder seit Generationen überliefert wird wie die Wetterprognosen im Bauernkalender? Und wenn’s mal nicht stimmt, schieben wir’s eben auf den Klimawandel ... ?

 

 

MITTEN IM LEBEN

 

Hoffnung blüht nicht nur im Schutz der Provisorien (oft ein Leben lang), sondern auch unter dem Schleier bruchstückhaften Wissens und ist damit nie verbindlich – bis die Realität zuschlägt. Welche freilich in der Schaltzentrale den richtigen Knopf treffen muss, damit die Botschaft sowohl korrekt übersetzt ankommt als auch verstanden wird. Mitunter insofern erschwert durch die vermehrte Neigung, Wissen durch den Zerrspiegel des Internets zu betrachten und alles für bare Münze zu nehmen, wiewohl es von der Wirklichkeit so weit entfernt sein kann wie ein Neandertaler vom Atomzeitalter. Unbestreitbar ein großartiges Geschenk (dessen ich mich hier ja auch bediene), bedarf es dennoch der Selektion, weil allerlei Universal-Dilettanten herumwuseln und selbst auf Züchterwebsites gern schon mal die Gesetze der Genetik neu erfunden werden.

Müsste ein Experte alle Einträge korrigieren, würde er möglicherweise den Freitod vorziehen ... Freilich kann man auch ohne Internet kryptisch unterwegs sein, was sich ziemlicher Beliebtheit erfreut. Und dieses keineswegs nur bei Laien oder Zuchtanfängern, denn nichts hält sich so zähe wie Halbwahrheiten oder ein Gerücht. Etwa dass eine Katze vor der Kastration unbedingt zumindest einmal Nachwuchs bekommen muss, weil ... ja, weil was? Immerhin steht so mancher Zuchtstart unter diesem diffusen Stern und bisweilen geht’s dann munter so weiter.

Nichtsdestotrotz ist klar: niemand kann alles wissen, berufsmäßige Genetiker eingeschlossen, die auf ihrem eigenen Ozean natürlich umso sicherer navigieren, desto mehr sie die Erkenntnisse erfahrener Züchter miteinbeziehen (können), weil die Praxis ein unschätzbarer Lehrmeister ist – und beides zusammen erst die ganze Miete ausmacht. Weshalb der Konnex für einen Züchter natürlich besonders dienlich wäre. Welcher natürlich trotz Theorie und Praxis scheitern kann, je nach Interpretation und was überhand nimmt ...

 

 

DIE WILDE ROTE

 

Farben beispielsweise werden häufig mit dem Temperament assoziiert. Rote gelten als stürmischer, Tabbys als quirliger und frecher, Silberne sind sozialer, bei den Blauen ist die Toleranzschwelle niedriger und so weiter. Viele Züchter wissen darüber übereinstimmend zu berichten - aber ist das nicht Zufall oder entspringt ihrer Phantasie? So, wie auch Rassen gern nur diesen eigene und sie prägende Eigenschaften zugeordnet (wiewohl teils durchaus berechtigt) werden? Ja nun, eine Katze weiß zwar nicht, welcher Rasse sie angehört und ob sie rot oder grün ist, wir von uns selbst aber schon. Und koppeln das Temperament bis zu einem gewissen Grad ebenfalls mit der Farbe von Haut und Haar. Trotzdem wäre es natürlich blanker Unsinn, alle einer Farbe über den gleichen Kamm zu scheren, denn der Charakter ist keine Einbahnstraße und hängt von vielerlei Faktoren ab.

Einen biologischen Unterschied gibt es jedenfalls nicht, lediglich einen in der chemischen Zusammensetzung des Farbstoffes, dem Melanin, das in zwei Formen auftritt: Als Eumelanin, zuständig für alles rund ums Schwarz (also inklusive Choc/Cin samt Verdünnungen, auch Caramel), oder als Phäomelanin für Rot/Creme. Komplexe Vorgänge in wenige Sätze zu pferchen ist wie auf dünnem Eis Stepptanzen, aber es soll ja keine wissenschaftliche Abhandlung werden.

Also: Die Zirbeldrüse im Gehirn produziert und schüttet ein Hormon namens Melatonin aus, das Bildung und Abbau von Melanin ebenso beeinflusst wie beispielsweise den Schlafrhythmus, Nierenfunktion, Blutdruck, die innere Uhr oder den Fellwechsel. Und sich vermutlich auch in andere Entwicklungen einmischt, etwa der Intelligenz. Übrigens: Das „Schlafhormon“ Melatonin wird im Winter hauptsächlich bei Dunkelheit ausgeschüttet und die Produktion gedrosselt, wenn die Tage länger werden – worauf die Liebeslust ansteigt. Zurück zur Farbe: So wie deren Ausprägung vom Grad der Hormonausschüttung abhängig ist, könnte diese also auch den Charakter beeinflussen. Könnte. Denn wissenschaftlich Haltbares scheint es nicht zu geben, sodass wir wohl weiterhin auf unsere Erfahrungen zurückgreifen müssen. Andererseits – heißt es nicht immer, Hormone spielen gern verrückt?

 

 

STARKE VÄTER

 

Tja, es heißt auch immer, Papa hätte mehr Einfluss in der Vererbung als Mama. Darum scheuen wir ja auch weder Kosten noch Mühe und pilgern zum hochdekorierten oder sonst wie unschlagbar verheißungsvollen Wundertier und erwarten sodann auch solchen Nachwuchs. Dummerweise kommt’s aber mehr auf die Mutter an, weil die Kätzchen von dieser mehr DNA mitbekommen. Genauer gesagt soll es um die Mitochondrien gehen. Sie tragen den Hauptanteil der genetischen Informationen aus Ei und Sperma, kommen in praktisch allen Zellen vor, gehäuft in jenen mit hohem Energieverbrauch (wozu auch die Eizellen gehören) und gelten, weil sie für den Energiestoffwechsel zuständig sind, als die Kraftwerke der Zelle. Fein. Und?

Und sie werden ausschließlich von der Mutter weitervererbt (Ausnahmen stehen aktuell in Diskussion), die dadurch die Nase vorn hat. Ich wollte es genau wissen und kontaktierte daher einen Biologen, was ein mehrstündiges telefonisches Referat über Moleküle, Stränge, ATB und Gendrift zur Folge hatte, aus dem ich ziemlich derangiert hervorging. Selbstverständlich unendlich klüger, war meine ursprüngliche Frage indes komplett untergegangen, aber auch Redner müssen mal Luft holen: Mamas vermehrter Einfluss via Mitochondrien sei heftig zu bezweifeln, da bei der Bildung eines neuen Organismus die genetischen Informationen neu gemischt würden. Kurz vorm Kollaps ereilte mich indes eine Art Erlösung und ich erfuhr, dass wissenschaftlich gesehen der, der den Plasmaanteil der Eizelle spendet, in der Vererbung immer die größere Bedeutung hat. Sodass bei Kreuzungsprodukten wie beispielsweise Maultier oder Maulesel die Nachkommen eher dem Erscheinungsbild der Mutter entsprechen. Wären wir dann nicht irgendwie doch wieder bei den Mitochondrien? Ich mochte nicht noch einmal fragen ...

Abgesehen davon darf der Märchenprinz natürlich mitspielen, mehr Einfluss hat er freilich nur insofern, als er im Laufe seines Daseins ungleich mehr Nachkommen produzieren kann als ein Mädel. Wunder wirken kann er trotzdem keine.

 

 

DIE SACHE MIT DEN GEGENSÄTZEN

 

Wer einen Kater mit nur einem Eierchen hat, wird kaum auf die Idee kommen, für die Weiterzucht mit seiner Tochter einen Galan mit dreien zu suchen, um das auszugleichen. Okay, blödes Beispiel, aber einen kinnlosen Partner zu wählen, wenn’s unserer Katze ins Mäulchen regnet, ist keineswegs an den Haaren herbeigezogen. Und wird selbst in Kenntnis dessen erwogen, dass Vorbiss mal Unterbiss nur teilweise korrekte Beißerchen ergibt, weil: ist doch schon mal ein guter Anfang. Zur Untermauerung werden gern Rechenbeispiele bemüht, wonach 25 Prozent der Kinder Unterbiss haben, 25 Prozent Überbiss und 50 Prozent ein gutes Gebiss. Das ist indes nur ein statistischer Wert, der von der Realität gewaltig abweichen kann, weil, simpel ausgedrückt, nicht alle befruchteten Eier „durchkommen“ und vielleicht nur jene mit den unerwünschten Merkmalen übrigbleiben und sich ausbilden. Mal abgesehen davon, dass der Fehler rezessiv weitergegeben wird und die Erbanlage in den Folgegeneration wieder aufspaltet. Wie gewonnen, so zerronnen.

Allerdings: Eine Generation reicht sowieso nicht aus, einen Makel loszuwerden. Und sich von vordergründigen Scheinerfolgen blenden zu lassen ist ähnlich hilfreich wie den Kopf in den Sand zu stecken. Oder dem Katerbesitzer die Pest an den Hals zu wünschen in der irrigen Annahme, die eigene Katze hätte „das“ nicht, weil „früher“ nie vorgekommen. Um rezessive Merkmale sichtbar zu machen, braucht’s immer zwei mit der gleichen Erbanlage, also beide Elternteile. Ohne Ehrlichkeit sich selbst gegenüber geht somit gar nichts, ebenso wenig ohne kritische Selektion und einem jeweils (zumindest diesbezüglich) fehlerlosen Paarungspartner, um sich ans Ziel heranzutasten. Gleiches gilt natürlich genauso für Hodenfehler oder andere rezessive Merkmale, denn Gene lassen sich nicht mixen wie ein Cocktail und Kompromisse schließen sie auch keine.

Das musste auch jener Züchter ziemlich erschüttert zur Kenntnis nehmen, der dachte, ein weißer Kater für seine viel zu dunkle blaue Katze wäre das Ei des Kolumbus. Der Irre(nde), übrigens seinerseits ein Sitzriese, der es leid war, dass die Juroren seine hübschen Katzen immer als zu klein bekrittelten und daher übers Muttertier einen Kater Marke Schäferhund drüberzujagen gedachte, konnte Gott sei Dank rechtzeitig umgestimmt werden. Sachen gibt’s. Freilich nicht nur in Züchterkreisen.

 

 

DAS SCHWEIGEN DER ÄRZTE

 

Wer versucht, gegen in der Bevölkerung verankerte Weisheiten anzugehen, fühlt sich mitunter wie ein Prediger, der einen Haifisch zum Vegetarier umpolen möchte. Dazu gehört neben der Geschichte mit der Katze, die unbedingt Mutter werden muss, bevor man sie kastrieren lässt, in aller erster Linie die, dass diese das nämlich gar nicht wird. Nur Kater werden kastriert, Mädels aber sterilisiert. Dass sich auch Tierärzte dieser Redensart bedienen (warum bloß?), macht es umso schwerer, die abstruse Mär auszurotten. Weil der Doc es besser wissen wird. Und basta. Kater und Katze ist die Diktion schnurzpiepegal und tut im Prinzip auch niemand weh, macht’s aber darum nicht richtiger. Für den Fall, dass das jemand wirklich noch nicht weiß: Ist dauerhaftes Unfruchtbarmachen angedacht, wird kastriert. Eine Sterilisation hingegen wäre rückgängig zu machen, weil Samenstrang/Eileiter nur abgeklemmt werden. Aber wozu? Am Verhalten ändert sich nämlich gar nichts, Katzen werden rollig, Kater markieren, was das Zeug hält, und beide singen uns die Ohren voll.

Vom Bauernkalender gleichfalls nicht weit und dort auch gut aufgehoben ist die Sage, dass im Frühling geborene Kätzchen gesünder wären als Herbstgeborene. Komplett abschmettern lässt sich das insofern nicht, wiewohl sie definitiv keineswegs gesünder sind, doch aufgrund der Wetterbedingungen in der Natur einfach mehr Überlebenschancen haben als die, die in die licht- und beutearme, unwirtliche Jahreszeit hineingeboren werden. Woraus folgt: hat was. Betrifft aber nur Heimatlose, nicht unsere Sofatiger.

 

 

DIE LABORMAUS

 

Haben Sie auch reinrassige Katzen zu Hause? Landläufig ist damit gemeint, dass seit Jahr und Tag Katzen der gleichen Rasse miteinander verpaart werden und jedes Tröpfchen fremdes Blut nur über die Leiche des Züchters hätte reinkommen können. Das ist schon mal gut (nicht das mit der Leiche), hat aber trotzdem einen Pferdefuß, denn in der Genetik steht reinrassig für erbrein. In welchem Fall davon auszugehen wäre, dass bei der Verpaarung von Katzen mit ähnlichem Erbgut und Erscheinungsbild alle ihre Merkmale an die Kinder weitergegeben werden. Klappt in aller Regel bei so hoch entwickelten Organismen nicht mal bei mehreren Generationen Reinzucht, weil – erinnern Sie sich noch? – für jedes einzelne Kitten bei der Verschmelzung von Ei und Sperma die Karten neu gemischt werden und jedes eine eigene, unverwechselbare Identität bekommt. Sozusagen eine Spezialmischung.

Ausnahme von der Regel wären eineiige Zwillinge. Oder langjährig durchgezüchtete weiße Labormäuse, die einander ähneln wie Klone. Wollen wir das? Tja, da werden nun vielleicht einige aufzeigen, welche mitnichten die Ansicht teilen, dass Züchten dann total langweilig wäre.

 

 

GENIAL DANEBEN

 

Gehört zwar nicht zum Thema, aber weil wir gerade bei den Labormäusen sind und vorher die Mitochondrien erwähnt wurden: Letztere wurden bei zwei Gruppen von Versuchsmäusen der McMaster University in Hamilton/Kanada genetisch verändert, worauf die kleinen Nager der ersten Gruppe, die nur in ihren Käfigen herumsaßen, fett und faul wurden, schütteres Haar und weniger Kinder bekamen und zügig einem verfrühten Ende entgegenstrebten. Die zweite Gruppe hingegen wurde animiert, drei Mal pro Woche 45 Minuten lang im Laufrad zu strampeln. Sie blieben jung, agil, lebten deutlich länger und die Fruchtbarkeit stieg. Fazit: Die regelmäßige Bewegung konnte sogar den gentechnischen Eingriff außer Kraft setzen, denn der Zustand der Organe unterschied sich nicht mehr von jenem unbehandelter Mäuse. (Quelle: Fachjournal Pnas).

Wollte ich Ihnen deshalb nicht vorenthalten, weil das aktuelle Credo „mehr Bewegung“ natürlich auch für unsere tierischen Couchpotatoes Gültigkeit hat. Eine große Wohnung wird gemeinhin als ausreichend angesehen, um sich austoben zu können, wird indes (je nach Rasse und Alter) nur ähnlich genützt wie ein Garten vom Hund – er könnte, rennt aber nie soviel, wie gut für ihn wäre, weil die Animation fehlt. Darum sollten wir vor allem unsere Älteren nicht hinterm Ofen versauern lassen, sondern Geist und Agilität durch angemessene Beschäftigung und Spiele wach halten.

Um wieder aufs Rasserein zu kommen: Die Bezeichnung ist falsch, die Botschaft aber allgemeinverständlich, ergo seien wir mal inkonsequent und lassen Fünfe grade sein. Wenn ich dran denke, wie lang die sterilisierte Katze schon herumgeistert ...

 

DIE WUNDERDROGE

 

Das gilt an sich auch für die Sache mit dem elterlichen Blut als Träger des Erbgutes, möchte es aber trotzdem erwähnen. Blut ist ja nun ein besonderer Saft und spukt von alters her durch ... ja, alles. Als Stimme des Blutes, blaues Blut, fremdes Blut, Blutserbe et cetera. Wir achten auf die Blutlinien und frischen sie mit einer unverwandten Katze auf, damit’s nicht zu eng wird, überlegen, wie viel vom guten Blut des berühmten Uronkels in den Adern unserer Kätzchen fließt und ob vom Hässlichen im Stammbaum endlich nicht mehr vorkommt. Eigentlich Quatsch, weil die Blutzellen zwar die gleichen Erbinformationen tragen wie alle Zellen im Körper, aber Wichtigeres zu tun haben.

So kann, Blut hin, Blut her, die Rechenaufgabe einerseits deshalb nicht aufgehen, weil es dem Zufall überlassen bleibt, ob nach der Reifungsteilung im einfachen Chromosomensatz der reifen Keimzellen die mütterlichen oder väterlichen Erbanlagen überwiegen. Andererseits können bereits in der dritten Generation zahlreiche Merkmale der Großeltern „herausgemendelt“ worden sein. Und, um wieder meinen Biologen zu zitieren, in jedem Individuum ist mehr DNA vorhanden, als aktiviert wird, was Rückschlüsse noch spekulativer macht.

Trotzdem ist es unbestritten umweltfreundlicher, von Blutlinien zu sprechen, als sämtliche Verwandten einer Katze herunterzubeten. Was so selten gar nicht ist, wobei (zum Gaudium nicht unmittelbar Beteiligter) einerseits gern entweder nur die Rufnamen genannt werden oder der komplette mit von und zu inklusive sämtlicher Titel. Enkelkinder oder Urlaubsfotos haben bisweilen eine ähnliche Wirkung, nämlich dass das Gegenüber mehr oder weniger höflich fluchtartig das Weite sucht.

Nun, Tatsache ist: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Ums Glauben kommen wir trotzdem nicht herum, weil es viel zu viel Wissen gibt, um allem auf den Grund gehen zu können. Und schon gar nicht auf seine Richtigkeit überprüfen. Ich hätte auch noch eine Reihe weiterer Geschichten in petto, die hier fein dazupassen, aber davon ein andermal. Aber: Trau, schau, wem. Sie müssen also auch mir nicht glauben, wenn Sie es besser wissen ...

 

 

 

 

 

 

 

 

©   KatzenJournal, all rights reserved

Site Originated 31.08.2012