Wohnungshaltung - trautes Heim oder Knast?

 

 

WOHNUNGSHALTUNG

 

Trautes Heim oder Knast?

 

 

Einer der häufigsten Aussprüche, mit denen (vor allem) Züchter konfrontiert werden und den sie ungefähr so lieben wie ein riesiges Furunkel auf der Nase, lautet: „Sind die denn nicht arm, immer so eingesperrt!?“ In der Regel kommt das Mitgefühl aus berufenem Munde, nämlich von Menschen, die keine Katze (aber schon ganz viel gehört) haben. Und so sicher wie das Amen im Gebet fühlt sich der/die solcherart Angesprochenen in die Defensive gedrängt. Mit Recht? Sind Stubentiger wirklich bemitleidenswerte Kreaturen?

 

 

 

ERKLÄRUNGSNOTSTAND?

 

Von wegen. Je nachdem wie gut wir drauf sind, reagieren wir zwischen genervt und kurzangebunden oder mit wortreich freundlicher Erklärung, dass und warum dem keineswegs so sei und ein schlechtes Gewissen nicht angebracht. Was bei hartnäckigen Zweiflern auf wenig fruchtbaren Boden fällt, leicht erkennbar am ungläubigen Kopfwackeln, also müssen die schweren Geschütze her, beispielsweise dass Wohnungskatzen nachweislich eine doppelt so lange Lebenserwartung haben als Freigänger. Aha. Kurze Pause. Worauf es dann schon mal „Lieber kurz und dafür glücklich ist doch trotzdem besser, oder?tönen kann, ohne dass der jeweiligen Person auch nur im Geringsten bewusst wäre, wie kurz „kurz“ tatsächlich sein kann. Okay, dann also die längere Version zum Mitschreiben ...

 

 

GLÜCK IM UNGLÜCK – ODER WIE?

 

Als Nico, knapp zweijährig und seines Zeichens Freigänger aus Passion, eines Abends nicht heimkam, hielt sich Frauchens Beunruhigung noch im Grenzen, weil „er immer sehr aufpasst“. Eine schlaflose Nacht und einen von Nervosität geprägten Arbeitstag später machte sie sich dann doch auf den Weg, um die Gegend abzuklappern. Sie musste nicht weit gehen, denn zwei Straßen weiter fand sie eine eingetrocknete Blutlache am Beton und Nico zwei Meter weiter, am Straßenrand neben einem Gebüsch. So tot, wie eine Katze nur sein kann, die Autoreifen platt gemacht haben wie eine Briefmarke. Den Spuren nach zu schließen hat sich das Tier nicht selbst dahin geschleppt, sondern wurde von irgendjemandem zur Seite gekickt. Als einziger Trost (?) blieb Frauchen nur die Hoffnung, dass Nico einen schnellen Tod fand. Was, das muss bedauerlicherweise angemerkt werden, eher ein Einzelschicksal gewesen sein dürfte angesichts der vielen „halbtoten“, sterbenden und/oder verstümmelten Tiere, die immer wieder gefunden werden, oft nicht mehr zu retten sind und unsägliches Leid widerspiegeln.

Und die, als wäre das nicht schon genug, keineswegs alle Opfer von gewissenlosen Rasern geworden sind (bei denen man sich nicht gerade selten des Gefühls nicht erwehren kann, dass sie gerade dann das Gaspedal bis zum Anschlag durchtreten, wenn sie ein Tier auf der Straße sehen): Freigänger jeder Altersgruppe (besonders Rassekatzen wecken gern Begehrlichkeiten Richtung kostengünstiger „Anschaffung“) werden geklaut, vergiftet, misshandelt und gequält. Und viele, die nicht mehr nach Hause kommen, tauchen nie wieder auf und das ungewisse Schicksal krampft uns das Herz noch mehr zusammen und lastet auf unserer Seele bis ans Ende aller Tage.

 

 

NEIN DANKE!

 

Das würde ich nicht aushalten, denken viele und stellen sich die Frage nach Stubenarrest, langer Leine (Garten) oder kurzem Leben erst gar nicht. Und versagen sich kurzerhand die Freude, einen schnurrenden Hausgenossen aufzunehmen. Es ist auch verständlich, dass vor allem Stadtbewohner oder in dicht besiedelten Gebieten lebende Zweibeiner von schlechtem Gewissen geplagt werden, weil sie ihrer Samtpfote nicht einmal die kleine Freiheit eines vergitterten Balkons bieten können, die Terrasse überhaupt nicht gesichert werden kann/darf (oder keine vorhanden ist) etc. Gewissensbisse, die nicht zuletzt vielfach oft erst entfacht oder geschürt werden durch Menschen in ihrem Umfeld, welche die Meinung vertreten, Wohnungshaltung wäre widernatürlich. Denn Katzen müssen einfach raus, herumstreifen, rennen, auf Bäume klettern, Mäuse fangen ... oder was man halt so tut als Katze.

Nun, ich habe beides probiert. Kein Vergleich? Oh doch!

 

 

MENSCH DENKT, MIEZE LENKT

 

Eine ganze Reihe befreundeter Katzenbesitzer hat einen seiner Lieblinge schon mal an „die Straße“ verloren oder verzweifelt eine Vermisste gesucht – und nie gefunden. Selbst Züchter mit Gehege waren nicht davor gefeit (glücklicherweise nur vereinzelt, oft aber erst nach einem leidvollen Lernprozess), weil die findigen Samtpfoten entweder mit einem untrüglichem Gespür für „Baumängel“ und Schlupflöcher gesegnet waren oder einfach aus der Haustür gewischt sind. Für die meisten Züchter gilt daher der Slogan: Da können Sie die sechshundert (oder wie viel auch immer) Euro gleich aus dem Fenster schmeißen oder als Glimmstängel benutzen. Auch für mich und meine Stubentiger stand über ein Vierteljahrhundert lang unverrückbar fest: Freier Auslauf? Nie und nimmer. Dass wir heute in (fast absoluter) ländlicher Abgeschiedenheit leben und sie unbeschränkt gehen dürfen, wohin es sie zieht, ist zwar eine (komplett) andere Geschichte, greift aber wie ein Zahnrad ins „pro-Wohnung“-Plädoyer. Paradox? Nein.

 

 

REINE NERVENSACHE?

 

Denn selbst Natur pur ist nicht ohne Gefahren. Freilich war’s keine Überraschung, dass sie es ungemein genossen, draußen herumzustreifen, (hauptsächlich) Mäuse zu fangen und zu verspeisen (oder mir zu schenken). Oder zu tun, wonach immer ihnen der Sinn stand (abgesehen von Sexspielchen, alle sind kastriert und meine Züchterkarriere hat damit ein natürliches Ende gefunden). Im Prinzip war’s eher ein Lernprozess für mich, zu beobachten, dass sämtliche Fähigkeiten, die ihrer Spezies eigen sind und die sie innerhalb der Wohnung logischerweise nie auf dieselbe Weise ausleben konnten, in Windeseile instinktsicher reaktiviert wurden. Katzen „vergessen“ ihre Natur nicht, sie passen sich an. Das ist seit Jahrtausenden ihre Stärke schlechthin, die ihnen das Überleben sicherte, zusammen mit jener, sich trotz alledem niemals selbst zu verlieren.

Meine Katzen sind zweifellos sehr glücklich und ich möchte ihnen dieses nicht mehr versagen. Nichtsdestotrotz ist unverkennbar, dass sie nicht glücklicher sind als vorher - sondern einfach „anders“. Denn als Wohnungskatzen waren sie auch nicht gerade Kinder von Traurigkeit.

 

 

DER GANZ NORMALE WAHNSINN

 

Welcher Katzenfreund kennt nicht die berühmten „fünf“ Minuten (die ziemlich länger dauern können), innerhalb der Miezes Temperament ins Unwegsame galoppiert und sie mit gnadenloser Fröhlichkeit und irrem Blick die Einrichtung minimiert? Ideal, keine Frage, hätte sie dabei Wiese unter den Pfoten, ist aber nun mal keine da, also rennt sie trotzdem was das Zeug hält. Oder turnt Schränke rauf und runter, vollführt waghalsige Kunststücke auf dem Kratzbaum – je nach Rasse und Kampfgewicht wird die gesamte Wohnung zum Fitnessparcours.

Beschwört derlei unangenehme Dissonanzen mit dem Haushaltsvorstand herauf, outet eben namhaftes Treiben hinter verschlossener Tür die nunmehr heimliche Spielwiese. Für gewöhnlich beim Nachhausekommen an seltsamen Teppichbergen oder sonstiger Umgestaltung erkenn-, aber nicht mehr exekutierbar. Und alles dieses ohne jeden Grashalm, Blümchen, Büsche, Bäume, Falter. Von Verkümmern wahrhaft keine Rede. Und falls Sie das nun denken: Nein, wir haben nicht in einer zerfledderten Baustelle gewohnt, es sah immer sehr manierlich aus ...

 

MY HOME IS MY CASTLE

 

Was ich meine, ist: Wir müssen sie nicht nur gut und richtig ernähren, dafür sorgen, dass sie in Ruhe ihre Mahlzeiten genießen und ungestört auf dem Kistchen philosophieren können, sie beschmusen, betüddeln und pfleglich behandeln, ihre Gesundheit im Auge behalten, einen anständig großen Kratzbaum samt allerlei Unterhaltendem – inklusive einem/mehreren Artgenossen – anschaffen ... sondern wir müssen sie auch „leben“ lassen. Und das geht in einer Wohnung tatsächlich um nichts weniger gut.

Soll heißen, wir müssen unseren Alltag und unser Zuhause darauf einstimmen, dass wir eine Katze haben. Die ganz besondere (dennoch leicht erfüllbare) Bedürfnisse hat und unter Umständen für Nippes eine kontroversere Verwendung findet als wir (brauchen wir die Staubfänger denn wirklich?). Und um zu wissen, wie diese Bedürfnisse aussehen könnten, müssen wir herauszufinden versuchen, wie Katzen allgemein – im Besonderen aber unsere eigenen – ticken, denn sie sind ja allesamt Originale.

 

 

PLÄDOYER

 

Katzen sollen und wollen geliebte Partner sein, die sich hinsichtlich der Rücksichtnahme und der Rechte, die wir ihnen einräumen müssen, nicht wirklich von den Ansprüchen zweibeiniger Partner unterscheiden. Mehr oder weniger jedenfalls. Denn hier Mensch, da „nur“ Tier ist die falsche Einstellung, wenn wir ein harmonisches Zusammenleben anstreben. Vielfach erfüllen Katzen zwar eine Ersatzfunktion für irgendetwas, das uns das Leben vorenthalten hat, und auch wenn das gern belächelt wird oder Anlass zum Lästern gibt, ist daran nichts auszusetzen – sofern wir sie respektieren und ihrer Art gemäß behandeln! Dann wird es der Katze gut gehen, wird sie sich wohl und geborgen fühlen, zufrieden und glücklich sein. Und tatsächlich nichts vermissen. Denn nur uns Menschen ist es gegeben, sich nach etwas zu sehnen, das wir nicht kennen oder noch nie gesehen haben.

Blabla, gar nicht wahr, ich widerspreche mir selbst? Das reicht alles nicht als Begründung, um ihnen die „goldene Freiheit“ vorzuenthalten? Tja, was wollen Sie hören? Dass trotz allem meine Nächte nicht sämtlich mit ungetrübt ruhigem Schlaf gesegnet sind? Oder dass ich eine fast endlose Reihe von Streunern kenne, die dieses wundervolle, aber auch recht gefährliche und zweifelhafte Glück der Freiheit samt seiner Abenteuer am eigenen Leib gekostet haben - und ihm keine Träne nachweinen, nachdem sie endlich einen sicheren Hafen gefunden haben? Und wohlgemerkt nachweislich nicht der leiblichen Versorgung wegen, sondern für simplen Familienanschluss, Zärtlichkeit und Wärme! Oder darf ich meine unzähligen Katzenbekanntschaften sowohl „edler“ als auch von Hauskatzennatur ins Feld führen, die zu einem Leben als Stubentiger „verdammt“ sind/waren und dieses nie eintauschen würden gegen eine sichere Heimat und einen liebevollen, verständigen Menschen? Kann ich nicht wissen, nur vermuten? Ja und nein. Ja, weil ich mich nach bald drei Jahrzehnten Studierens von kätzischem Verhalten traue, das zu behaupten. Und nein, weil ich einige „verhaftete“ Streuner kenne, die nicht einmal unbeaufsichtigt eine sperrangelweit offene Tür dazu verleitet, ins angebliche Paradies zurückzukehren.

Ich verrate Ihnen auch das Geheimnis, was eine Wohnungskatze so glücklich macht, dass die von uns sowieso zwangszivilisierte Wildnis ihre Träume nicht belastet: Sie hat einen Menschen gefunden, der sie sein lässt, was sie ist: Eine Katze. Die auch innerhalb ihres gemauerten Reviers frei sein kann, weil „Freiheit“ nicht zwingend etwas mit draußen zu tun hat ...

Vielleicht sind meine Leisetreter ja deshalb nach wenigen Jahren des Herumstiefelns doch die meiste Zeit zu Hause oder hängen bloß noch im Garten herum?

 

 

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