Extravant in einem Hauch von Dessous - Peterbald

 

EXTRAVAGANT

IN EINEM HAUCH VON DESSOUS

 

 

PETERBALD

 

 

Mögen Sie Katzen á la Siam/Orientalen, die Sie niederschmusen und an allem teilhaben wollen, was sich in Ihrem Leben so abspielt, hätten’s aber gern exklusiver? Beispielsweise dass die Mieze entweder nackig daherkommt oder der Pelzmantel nicht mehr als ein Flaum ist? Dann sind Sie hier richtig. Ersatz stricken müssen Sie übrigens keinen, jedenfalls sofern Sie’s daheim nicht gern arktisch haben ... 

 

 

            CHARAKTER – UNVERDROSSEN HERZLICH

 

            Wer kann sich einem Geschöpf entziehen, für das schlechte Laune ein Fremdwort zu sein scheint und das ihren Menschen stets loyal und in berührender Anhänglichkeit ergeben ist? Freilich ist das Bedürfnis nach menschlicher Nähe kaum ersetzbar und wer keine Kletten mag, sollte das Revier wechseln – obwohl sie aufgrund ihrer Intelligenz und dem Wunsch, uns zu gefallen, außergewöhnlich lernbereit und erziehbar sind. Weil: Man muss sich auf ihr Naturell einlassen wollen und nicht kleingeistig ihre Liebe ausnützen, um sie passend zu verbiegen, weil sie halt so außergewöhnlich sind oder das schicke Ambiente aufpeppen

            Apropos Ambiente: Stacy Aubuchon (Classytouch/USA) beschreibt die Peterbald als würdevoll, und diesen ersten äußeren Eindruck kann man ihnen auch nicht absprechen. Die „inneren Werte“ freilich dürften eine andere Sprache sprechen, denn allein die Abstammung lässt darauf schließen, dass es sich um ein recht unternehmungslustiges Völkchen handelt. Und weil sie wie alle Orientalrassen begnadete Sportler sind, kann es da beim Spielen schon mal heiß hergehen, weshalb ausreichend Klettermöglichkeiten/Kratzbaum bis zur Decke die Turnübungen Interieur schonend fokussieren. Gesellschaftslöwen sind die Energiebündel mit dem großen Herzen auch und brauchen daher einen adäquaten Gefährten - keine Peterbald ist besser als nur eine Peterbald. Außerdem kann man auch zwei gut auf der Schulter herumtragen ... mehr Schultern, mehr Hände? Dann darf’s gerne auch ein nettes Team sein, das ihrer Geselligkeit und ihrem Temperament entspricht, sodass wir in den Genuss ihrer hinreißenden Kapriolen kommen, denn sie sind Naturtalente, wenn’s um Spiel, Spaß und Komik geht und ihre Slapsticks sind fast legendär. Als umtriebige Spielgefährten für nette Kinder pflegen sie Freundschaft mit Hunden und anderem Getier, haben angeblich Hamster & Co keineswegs bloß zum Fressen gern - aber wer will das testen? - immerhin angeln sie so begeistert wie erfolgreich im Aquarium. Schwatzhaft sind sie auch, kommentieren und erzählen und haben logischerweise für Monologe nichts übrig, sondern schätzen lebhaften Meinungsaustausch – besonders mit uns.

Glücklichsein heißt: Viel miteinander quatschen und schmusen bis der Arzt kommt! Denn es sind trotz allem Katzen, keine Wirbelstürme. Die „mit ihrer unerschrockenen Art überraschen und zugleich faszinieren und auch die größten Skeptiker um den Finger wickeln (© Agradas/DE)“. Oder dass sie „mit ihrem eleganten Aussehen und zauberhaftem Wesen viele Bekannte, welche der Peterbald vorher abgeneigt gegenüberstanden, überzeugten und sie nach einem einzigen Kuschelkontakt totale Liebhaber wurden (© SaphirAngel’s/DE)“

Diese „Bekehrten“ sind übrigens keine Ausnahmeerscheinungen, die man mit der Lupe suchen muss, denn die Peterbald hat vor allem in den letzten Jahren überraschend viele Anhänger gefunden.

 

 

PFLEGE – NUR POLIEREN ODER WAS?

 

Beinahe. Kommt drauf an, ob die Katze komplett haarlos ist und wenn nicht, wie viel Pelzchen sie trägt. ABER weil heikel – es wechselt nämlich, siehe folgendes Kapitel - und extrem individuell, müssen Sie sich unbedingt vom Züchter beraten lassen, in welcher Form Sie unterstützen müssen: Regelmäßige Reinigung von Ohren und Augen ist ebenso obligat wie Nägelkürzen (trotz Kratzbaum). Der feine, daunenartige Flaum ist meist fragil und man sollte die Katze z.B. nicht gegen den Strich streicheln oder zausen und nur ein sehr weiche Bürste verwenden. Je haarloser, desto eher sollte (nur) mit warmem Wasser gewaschen werden im Sinne von feucht abwischen (Fensterleder, Mikrofasertuch, Waschlappen), die ganze Katze, klar, Hautfalten inklusive. Da die nackte Haut indes einen leichten Fettfilm bildet, sollten Haarlose (nicht zu oft, alle paar Wochen, um die natürliche Schutzfunktion nicht zu beeinträchtigen) Bekanntschaft mit einer warmen Dusche machen (Spezialshampoo, z.B. mit Nerzöl), wobei der Kopf ausgespart bleibt (damit kein Wasser in Augen/Ohren kommt). Sie sind es in der Regel gewöhnt (viele plantschen auch gern) und genießen es sogar. Hinterher in ein vorgewärmtes Handtuch wickeln, gut trocken und hübsch warm halten.

Tatsache ist, dass Peterbald durch ihr spärliches oder fehlendes Haarkleid (konstante) Wärme schätzen und mehr davon brauchen als Katzen mit vollem Haarkleid, somit besonders gern in der Sonne liegen – aber genau wie wir einen Sonnenbrand bekommen können (oder einen Sonnenstich durch die Fensterscheibe, falls sie zu tief schlafen und es nicht merken). Steht der Mieze z.B. ein Balkon zur Verfügung und es brennt runter, braucht’s Überwachung, ein Sonnendach, Rückzugsmöglichkeit, eventuell Sonnencreme (für Babys), besonders an den Ohren, bzw. wären eifrige Sonnenanbeter Indoor besser aufgehoben.

Aber wie gesagt: Fachberater und erste Ansprechpartner sind die Züchter, sowohl fürs Handling als auch bei Haltungs-Fragen (z.B. Ernährung).

 

 

HAARWUNDER

 

Bei den verschiedene Varianten, schreibt Nicol Weber, sind „nackt, flock, velour, brush und straight“ möglich. Die nackte Variante hat weder Fell noch Tasthaare und fühlt sich eher gummiartig an. Bei „flock“, ist das Haarkleid ein bis zwei Millimeter kurz und fühlt sich sehr weich an, vergleichbar mit einem Pfirsich. Bei „velour“ verrät der Name schon viel, das Fell ist drei bis vier Millimeter kurz und eben velourartig. Unter „brush“ versteht man Katzen mit längerem Fell als den vorher genannten Varianten, welches gekräuselt, weich oder dem „Drahthaar“ ähnelt. Es gibt auch immer wieder Nachkommen mit normal kurzem, eng anliegendem Fell (wie bei ihren Verwandten Siam/OKH), „straight coat“ genannt.

Sidestep: Nicht alle Versionen sind bei allen Clubs anerkannt bzw. nur für die Zucht, aber nicht für Show zugelassen. Freikörperkultur = haarlos wird indes einhellig vorgezogen. Junge Nackedeis dürfen dennoch Flaum an Schnauze, Ohrenbasis, Beinen & Schwanz haben; bei Erwachsenen wird’s oft toleriert.

Und: Die Varianten können in Kombination auftreten oder wechseln, sodass z.B. aus einer „brush“ im Laufe der Jahre eine „velour“ werden kann. Denn grundsätzlich ist es so, dass eine Peterbald erst im Alter von drei Jahren ihr endgültiges Haarkleid zeigt. Aber aufmerksame Züchter können schon gut im Kittenalter abwägen, welche Variante es einmal wird. Dies erkennt man mitunter gut am Köpfchen der Jungtiere. Beispiel: Ein „brush“ Kitten kommt zur Welt, zeigt aber nach wenigen Tagen ein recht kahles Köpfchen, so wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später ein „velour“ Typ. Typisches Merkmal bei allen Peterbald (bis auf „straight“) sind die verkürzten und gekräuselten Tasthaare.

Jedenfalls sollten Sie die Mieze nicht auf dem verschneiten Balkon vergessen ...

 

 

FARBEN & AUSSEHEN

 

Alle Farben und Zeichnungsmuster sind erlaubt. Je nach Club auch alle Augenfarben, passend zur Haut-/Fellfarbe, bzw. Odd-eyed (= ein Auge blau, das andere grün, gelb, gelb-grün, dunkelblau). Aufgrund erforderlicher Fremdverpaarungen überwiegen indes blaue und grüne Augen. Die Peterbald ist ja aus der Hochzeit zwischen einer Don Sphynx mit einer Orientalin entstanden. Und da anfangs das Sphynx-Erbe überwog, wurden und werden sie daher mit typvollen Siamesen und Orientalkatzen gekreuzt, einerseits um das Gen-Potenzial zu erweitern, wie es bei jeder Rasse im „Aufbau“ notwendig ist, andererseits um sie dem Orientalenlook anzunähern. So etwas ist eine sehr subtile Geschichte, die viel Feingefühl für die Balance erfordert.

Dass dabei natürlich Kätzchen von nackt bis voll behaart im Nest liegen können, ist klar, genauso dass „Zwischentiere“ nicht zwangsläufig einer typischen Peterbald entsprechen. Womit nicht nur die Behaarung gemeint ist, sondern auch der Look: Sie sollte von beiden Ursprungsrassen etwas haben, also weder wie eine nackte Siam noch eine behaarte Sphynx aussehen, sondern ein fein ausgewogene Mittelmaß zeigen, wie es sich für eine eigenständige Rasse gehört.

Die Standards weichen teilweise etwas voneinander ab, aber lt. FIFe ist alles an der mittelgroßen, geschmeidigen Peterbald lang und schlank, zierlich und elegant, nie filigran im Knochenbau und immer gut muskulös. Schultern nicht breiter als die Hüften. Die Beine sind lang und fein, die Pfoten klein, oval und die Zehen lang; der Schwanz sehr lang, auch am Ansatz, und endet in einer feinen Spitze. Der Kopf ist keilförmig mit geraden Linien bis zu den Ohren; die Nase ist lang und gerade; die Schnauze schmal (ohne Einbuchtung = „whisker break“) mit dicken Schnurrhaaren jeglicher Länge (gelockt oder abgebrochenen); die Ohren groß, breit an der Basis und zugespitzt; die Augen mittelgroß, mandelförmig und leicht schräg zur Nase hin. Falten, hauptsächlich um die Schnauze, zwischen den Ohren und um die Schultern konzentriert, sind obligat und weisen auf die Sphynx-Vorfahren hin.

Ihre hochbeinig schlanke Eleganz verführt übrigens schon mal zu falschen Schlussfolgerungen. Vor allem die Kitten scheinen bisweilen nur aus Beinchen und Ohren zu bestehen und wirken total zerbrechlich – nix da. Aus guter Familie und perfekt versorgt sind die Grazilen bemerkenswert kernig und ausgewachsen elegant durchtrainierte Muskelpakete, die ihre in der Regel delikat ausgewogene Fettschicht so apart verteilen, dass wir erst beim Hochheben oder wenn sie uns auf die Schulter springen vom Gewicht überrascht werden.

 

 

GESCHICHTE – LIEBESGRÜSSE AUS RUSSLAND

 

Die Geschichte der Peterbald beginnt mit der Geschichte der Don Sphynx, und zwar in Russland, genauer in Rostov, als Elena Kovaleva 1986 ein halbnacktes Straßenkätzchen fand, es mitnahm und „Varvaroy“ (oder Warja) taufte – eine Don Sphynx und offenkundig die erste ihrer Art. Vermählt mit Hauskater „Vasily“ kam „Chita“ zur Welt, mit der Irina Nemykina (Myth) ein Zuchtprogramm für eine neue, haarlose Katzenrasse startete. Zunächst mithilfe von „Hannibal“, später mit weiteren Europäisch Kurzhaar bzw. Hauskatzen, offenbarte sich schnell „Chita’s“ Besonderheit, nämlich dass ihre Haarlosigkeit dominant erblich war. 1993 erstmals auf einer Show vorgestellt, wurde die Don Sphynx 1998 offiziell als Rasse anerkannt.

Die Stunde der Peterbald schlug 1994 in St. Petersburg bei Olga Mironova (Iz Murino), als ihre tortie Orientalin „Radma vom Jägerhof“ nach der Hochzeit mit dem für seine Rasse als zu leicht und elegant beschriebenen „Afynogen Myth“ (Don Sphynx brown classic tabby) „Muscat“ und „Mandarin“ zur Welt brachte. Zwar noch als Don Sphynx registriert, aber nichtsdestotrotz die Urahnen der Peterbald, und zwar gemeinsam mit der nachfolgenden „Nejenka“ und ihrem schwarzen Bruder „Nocturne“ – der, überwiegend mit Orientalen und Siamesen verpaart, Geschichte schrieb aufgrund seiner zahlreichen, vielversprechenden und qualitativ hochwertigen Nachkommen, die ihrerseits nun für eine breitere Zuchtbasis sorgten.

Und weil ja auch anderswo nicht immer Einigkeit herrscht unter den Züchtern, gingen jene in Moskau andere Wege und kreierten mit „Don Myth“, Afgynogen’s Bruder, und verschiedenen Rassen eine weitere Linie. Nichtsdestotrotz setzte sich der orientalisch geprägte Typus durch, sodass hinter den meisten Peterbalds exzellente Orientalen und Siamesen stehen. Auch die Züchter außerhalb Russlands vertrauen auf deren modernes Outfit und wählen, wie erwähnt, mit Bedacht besonders typvolle Tiere für die Weiterzucht.

Die Züchter verloren jedenfalls keine Zeit, die Rasse in den USA zu etablieren, sodass sie bereits 1997 von der TICA anerkannt wurde. Europas Westen brauchte etwas länger, zuerst erwärmte sich erwartungsgemäß die WCF, während die FIFe nach wenigen Jahren „vorläufigem Status“ 2012 volle Wettbewerbsfähigkeit zuerkannte. Was interessierten Züchtern zweifellos Auftrieb gab.

Doch wiewohl die Bekanntheit in den letzten Jahren erstaunlich zugenommen hat, wäre die Gemeinde einem Run auf die neue Eleganz kaum gewachsen. Ist indes vermutlich auch nicht zu erwarten, denn natürlich ist die Nachfrage bei weitem nicht so groß wie bei anderen Rassen. Nichtsdestotrotz müssen neue Fans keineswegs weder in die USA noch ins einstige Zarenreich reisen, weil sich neben den westlichen Züchtern etliche hier wohnhafte russische Bürger damit beschäftigen. Möglicherweise etwas mehr Geduld aufbringen müssen Sie nur, wenn es Sie nach einer rassetypischen Peterbald gelüstet.

Was letztlich zählt, ist wie immer der persönliche Geschmack. Heiterkeit ins Leben bringt eine gut aufgezogene Peterbald jedenfalls allemal.

 

 

 

Hier zum Vergleich mit ein paar Verwandten:

 

 

Fotos: Hochleitner, Weber, privat

 

 

 

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