Mondnacht - Eine melancholische Geschichte

 

 

 

 

Die beste Zeit der Künstlerin Maria Claudius war eigentlich vorbei. Ihr Mezzosopran, der die Besucher ihrer Liederabende früher begeistert hatte, besaß zwar immer noch das gewisse Timbre. Doch ihre Stimme bewegte sich längst nicht mehr mit der einstigen Sicherheit in den Koloraturbereichen zwischen Sopran und Alt. Für die Interpretationen aus den Zyklen ihrer Lieblingskomponisten Schubert und Schuhmann wählte sie immer mehr die einfacheren Lieder. Ihr internationaler Ruf begann zu verblassen. Nur das treueste Publikum hielt weiterhin zu ihr.

Wie viele Maler und Sänger glaubte auch Maria Claudius an Vorzeichen und Mittel, um Ungemach abzuwenden oder wenigstens zu mildern. Als das Wintergoldhähnchen, ein in Freiheit lebender winziger Vogel, ihr zuflog und sie ihn auf ihre Reisen mitnahm, fühlte sie sich sicher. Das Wunder seines Überlebens, wenn auch im vergoldeten Käfig, nahm sie als "Zeichen der Götter" entgegen. Nachdem sie ihn aber dann doch in ihrem Garten begraben musste, trat sie von der geplanten Tournee zurück und erholte sich nur langsam von dem Schock.

Als ihr vor einem Auftritt eine schwarze Katze über den Weg lief, sagte ihr der Verstand, dass dies nichts zu bedeuten habe. Ihr Gefühl sagte etwas anderes - und behielt recht: Am nächsten Tag musste sie sich mit einer Grippe ins Bett legen. Seitdem mied sie Katzen, und wenn sie eine sah, drehte sie um und ging zurück.

All dies war geschehen, als sie sich noch auf der Höhe ihrer Karriere befand und solche Ereignisse sie hemmten, indessen nicht auf Dauer davon abhielten, die Bühne ihrer Erfolge zu betreten. Inzwischen hatte sich das geändert. Ungünstig erscheinende Omen - Schafe zur Rechten, der nächtliche Ruf eines Käuzchens, ein zerbrochener Spiegel und sogar das verlorene vierblättrige Kleeblatt waren Grund genug, um auf einen Auftritt gänzlich zu verzichten. Den Ausschlag hatte die letzte Begegnung mit einer Katze, diesmal mit einer grauen, gegeben.

Als sie am selben Abend die "Mondnacht" sang, versagte mitten im Vortrag ihre Stimme, und sie floh hinter die Kulisse. Ihr Psychotherapeut hatte Mühe, sie davon zu überzeugen, dass in Wahrheit nicht ihre Stimme zusammengebrochen war, sondern dass es seelische Gründe dafür gab. Dabei sollte sie Zufälligkeiten nicht die Bedeutung von Zeichen beimessen, den Erfolgen ihres Lebens dagegen einen realen Wert, auf dem sich auch in Zukunft noch manches aufbauen ließe.

Sie beauftragte ihren Agenten, zwei Schubert-Abende in Provinzstädten vorzubereiten, in denen sie schon früher ein dankbares Publikum gefunden hatte. Im stillen hoffte sie, dass man sich dort ihrer Glanzzeit erinnerte und von ihren zuletzt geringeren Erfolgen wenig gehört hatte. Vor ihrem Auftritt verließ sie für kurze Zeit den Ankleideraum, um in den Saal zu spähen. Er war bis auf den letzten Platz besetzt. Ihre Nervosität machte sich wieder bemerkbar. Sie eilte zurück, um eine Beruhigungstablette zu nehmen, obwohl sie wusste, dass die Vitalität ihrer Stimme darunter leiden könnte. Als sie die Tür zu ihrer Garderobe öffnete, saßen zwei weiße Katzen auf ihrem Schminktisch.

Ihr Schock wurde dadurch nicht kleiner, dass eine davon bei ihrem Eintreten herunter sprang und ihr Spiegelbild verschwand. Unwillkürlich machte die Sängerin eine abwehrende Handbewegung, um auch die übrig gebliebene Erscheinung zu verscheuchen. Die Wirkung fiel allerdings anders aus als erhofft. Die Katze kam auf sie zu und tat etwas, das ihresgleichen sonst nicht tut: Sie legte sich weder Streicheleinheiten fordernd vor ihre Füße, noch strich sie an ihr entlang, als wüsste sie von ihrer Abneigung. Es war vielmehr, als empfinde sie wie ein treuer Hund, der seinem Herrn eine Pfote hinstreckt als Zeichen seiner Ergebenheit. Die Geste nahm ihrem unerwarteten Auftreten etwas von der zunächst gefühlten Bedrohlichkeit und beruhigte die beinahe in Panik Geratene, ohne dass diese noch an die beabsichtigte Einnahme des Mittels dachte. Gleichwohl blieb die Furcht, dass ihre Vorstellung wieder einmal unter einem schlechten Stern stand. Katze blieb Katze, egal ob schwarz, grau oder weiß. Oder bedeutete der leuchtende Schein des unerwünschten Gastes vielleicht doch ein besseres Vorzeichen? Sie versuchte es mit einer Probe ihres ersten Vortrages - und konnte es nicht fassen!

Lange nicht mehr war ihr das "Gretchen am Spinnrad", der Aufschrei der 17-jährigen nach ihrer ersten Liebe, so leicht und kraftvoll über die Lippen gekommen. Auf der Bühne gelangen ihr die gestoßenen Oktaven des "Erlkönig" ebenso fehlerlos wie Schuberts letzte Liedvertonung aus der "Schönen Müllerin". Bei der "Winterreise" spürte die Künstlerin förmlich, wie sich die Zuhörer einfangen ließen. Nach dem populären Schlussteil, dem schwermütigen "Heidenröslein" und dem romantischen "Frühlingstraum", herrschte einige Momente andächtiges Schweigen, ehe der Beifall losbrach. Zum ersten Mal seit langer Zeit wurde eine Zugabe verlangt. In der Kritik hieß es hinterher, wenige könnten "Leise flehen meine Lieder" besser zu Gehör bringen als Maria Claudius mit ihrem begnadeten Mezzosopran.

Die überraschende Wiederkehr der verloren geglaubten Stimme schrieb die Künstlerin dem besonderen Ereignis des Tages zu. Es war die weiße Farbe der Katze, die den Unterschied ausmachte. Sie brachte ihr Glück. Und dieses Glück würde bei ihr bleiben, wie es - nur für sie sichtbar -während des gesamten Liederabends gegenwärtig gewesen war. Wieder einmal hatte sich Aberglaube in Glauben verwandelt. Maria Claudius glaubte an sich und ihre Gabe, Menschen zu beschenken, wie in ihren besten Jahren.

Tatsächlich blieb das Glück an ihrer Seite. Zu Hause hatte sie ihm ein Bett mit seidenen Kissen hergerichtet. Im Hotel drückte sie die Katze so lange mit sanfter Gewalt an ihr Fußende, bis sie nachgab und liegen blieb. In den Konzertsälen war das wundersame Tier bald ebenso bekannt wie seine Beschützerin, die keinem gestand, dass in Wirklichkeit sie selbst es war, die sich beschützt vorkam. Nach einer gewissen Zeit fragte sie sich schließlich auch nicht mehr, woher ihr Maskottchen gekommen sein mochte und ob es nicht vielleicht nur ein geborgtes Glück sein könnte. Denn es sah ja so aus, als sei sie für immer auf die Sonnenseite hinübergewechselt. Ihre Liederabende blieben große Erfolge. Zu ihren beachteten Interpretationen gehörten die lyrischen Stimmungsbilder von Robert Schumann. Die ursprünglich der männlichen Domäne zugesprochene, von vielen als schönstes Lied der Romantik empfundene "Mondnacht" wurde ebenso zu ihrem Markenzeichen wie vertonte Gedichte von Chamisso.

Als eine Verhärtung in ihrer Brust festgestellt wurde, war sie sicher, dass die Biopsie deren Harmlosigkeit beweisen würde, und hatte sich nicht geirrt. Als in einem anderen Land bei einer Veranstaltung, an der sie ursprünglich hatte teilnehmen wollen, das Dach der Konzerthalle einstürzte, war sie nicht betroffen. Sie hatte in letzter Minute absagen müssen. Selbst die Massenkarambolage auf der Autobahn im Süden überstand sie heil, weil die Katze vorher ein Bedürfnis zu verspüren schien und die Fahrerin neben der Fahrbahn anhalten ließ.

 

Maria Claudius starb ein Jahr später. Sie erlitt auf der Bühne beim hohen C einen Herzschlag.

Die weiße Katze war bei ihrem letzten Auftritt nicht mehr dabei.

 

 

 

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